Münchberg - Moment mal! Die Beleuchtung des eleganten Sideboards, das fast vor der Wand zu schweben scheint, war doch eben noch blau, nun funkelt sie plötzlich grün. Und jetzt rot! Schreiner-Lehrling Christian Höra begegnet dem verwunderten Blick des Reporters mit einem verschmitzten Grinsen. Dann öffnet er die Hand und zeigt eine nicht mal scheckkartengroße Fernbedienung. "Immer die gleiche Farbe wär' doch zu langweilig", sagt der 19-jährige aus dem Regnitzlosauer Ortsteil Unterhammer. Deshalb hat er sein Gesellenstück mit veränderbarem LED-Licht ausgestattet.
Nur eine weitere Spielerei an dem schönen Möbel, dessen Zebrano-Furniermaserung so exakt abgestimmt ist, dass es in einem schwungvollen Bogen aus der Wand herauszuwachsen scheint. "Das Sideboard soll praktisch sein, aber auch dekorativ", verdeutlicht Höra, der mit diesem Stück am Sonntag seine Gesellenprüfung bravourös bestanden hat.
"Die Freude am Gestalten ist für diesen Beruf sehr wichtig", unterstreicht Alexander Battistella. Der Oberstudienrat betreut in Münchberg den Fachbereich Holztechnik an der Berufsschule Hof - Stadt und Land. Neben handwerklichem Geschick ist bei den angehenden Schreinern Kreativität gefragt. Ebenso gehört gutes räumliches Vorstellungsvermögen dazu. "Und zu Mathe sollte man schon auch einen Zugang haben", schmunzelt Battistella.
Das Gesellenstück von Christian Höra, der in den Möbelwerkstätten Herpich & Rudorf in Regnitzlosau gelernt hat, ist für den Berufsschullehrer ein perfektes Beispiel für die spannende Profession im Holzhandwerk: "Hier sieht man exemplarisch, wie sich in diesem modernen Beruf Tradition und Innovation verbinden. Die LED-Beleuchtung ist modernste Technik, aber die Schubkästen werden noch genauso gebaut wie vor hundert Jahren."
Bei den Schreiner-Lehrlingen ist Handarbeit Pflicht, auch wenn gleich nebenan in der Werkstatt die modernsten computergesteuerten Sägen und Fräsen stehen. "Darauf legen wir großen Wert, sagt Hans Walter Rudorf, Seniorchef des Regnitzlosauer Betriebs und seit Jahren auch Vorsitzender im Prüfungsausschuss des Münchberger Schulsprengels, zu dem neben Stadt und Landkreis Hof auch der Kreis Wunsiedel gehört. "Die jungen Leute sollen ein Gefühl für den Werkstoff bekommen, das geht nur, wenn man ihn von Hand bearbeitet."
Wie Christian Höra ist auch Florian Thiede aus Faßmannsreuth seit zwei Wochen ausschließlich mit seinem Gesellenstück beschäftigt. Er baut einen Raumteiler, den man aus neun Holzwürfeln beliebig zusammenstellen kann. Die handwerkliche Schwierigkeit dabei: Jeder Würfel muss exakt auf jeden anderen passen, da ist Millimeterarbeit gefragt. Die Würfel sind mit Schubkästen und Türen ausgestattet, die sich durch bloßes Antippen von selbst öffnen. "Ich wollte das ohne Griffe hinkriegen", sagt der 19-Jährige.
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Auch bei seinem Entwurf war die kreative Seite keineswegs zweitrangig. Neben den Dutzenden von Zusammenbau-Möglichkeiten wollte Thiede dem Raumteiler auch eine optische Leichtigkeit mitgeben. Deshalb hat er sein Gesellenstück mit zwei verschiedenen Hölzern - dunklem Nussbaum und hellem Ahorn - furniert. Und er hat lauter kleine Zwischenstücke eingepasst, die die Module luftig auf Abstand halten und den Eindruck einer massiven Wand vermeiden.
Sein Beruf macht Thiede großen Spaß und er ist ganz sicher, dass er die richtige Wahl getroffen hat: "Holz ist ein tolles Material. In jedem Stück stecken so viele Möglichkeiten. Was da alles draus werden kann, wenn man's richtig verarbeitet, das ist immer wieder spannend."
Friedhelm Hübner, ebenfalls im Prüfungsausschuß, sieht den Enthusiasmus mit Freude. "Solchen Nachwuchs brauchen wir", sagt der Schreinermeister aus Weißenstadt. "In unserem Handwerk gibt es noch genügend Ausbildungsplätze. Und für gewöhnlich behalten viele unserer Betriebe ihre Auszubildenden nach der Lehre auch."
Es sei denn, sie wollen weiter lernen. "Bei diesem Beruf ist bei der Gesellenprüfung noch lange nicht Schluss", fügt Alexander Battistella hinzu. Wer sich richtig reinhänge, könne es zum Meister mit eigenem Betrieb, ja sogar bis zum Architekten mit Hochschulabschluss bringen.
Aber anfangen muss jeder, wie Christian Höra und Florian Thiede, mit Säge, Hobel und Meißel.



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