Bad Steben – Marquardt entwickelt Visionen, ist keiner Lobby verpflichtet, nicht der Politik, keinem Unternehmen. Er ist selbstständiger Freigeist, Denker, Planer, Gestalter und betreibt in Bad Steben ein Institut für Wirtschafts-Ökologie. Seine positive Vision für die Region, die er „Europazentrumsregion“ nennt und zu der er Oberfranken, Südwestsachsen, Ostthüringen und Nordwest-Tschechien zählt, fasst er in die Worte: „Unsere Heimatregion könnte in 50 Jahren so attraktiv sein, dass sie wie einst Weimar zur Zeit Goethes oder das Silicon Valley heute die wichtigsten Geister Europas und der Welt anzieht.“
„Alle müssen mitziehen“
Dafür müssten alle in der Region an einem Strang ziehen, sagt Marquardt im Gespräch mit unserer Zeitung, müssten sich Zugpferde finden und alle Verantwortlichen mitziehen, „über weltanschaulich-politische, verwaltungsbezogene und zwischenmenschliche“ Grenzen hinaus. „Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft, die nur im Miteinander den Weg in die Zukunft bewältigen kann.“
Die Ausgangslange ist nicht gerade rosig: Trotz guter Konjunktur und zuletzt deutlich verringerter Arbeitslosigkeit in Bayern wird die Kluft zwischen armen und reichen Regionen immer größer. Experten sind sich einig, dass dem Nordosten Bayerns in den kommenden Jahren ein (weiterer) erheblicher Verlust an Arbeitsplätzen und Einwohnern droht, wenn nicht schnell und konsequent gegengesteuert wird.
Schmerzhafter Strukturwandel
Stefan Böhme, Regionalforscher beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit, sagt den Regionen Hof, Weiden und Coburg „einen schmerzhaften Strukturwandel“ voraus, „durch den man noch lange nicht durch ist“. „Wenn man sich vor Augen führt“, betonte Böhme unlängst in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, „dass im Landkreis Kronach jeder vierte Beschäftigte keine abgeschlossene Berufsausbildung hat, dann kann einem angst und bange werden, wie das dort in 15 Jahren ausschaut.“ Falls weiterhin viele gut qualifizierte junge Menschen abwandern aus der Region im Nordosten Bayerns, werde es zu „einer regelrechten Verödung mancher Landstriche“ kommen.
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Die Abwanderung hängt aus der Sicht des Landschaftsarchitekten und Zukunftsforschers Marquardt in letzter Konsequenz mit „einer der größten Schwächen unseres Raumes“ zusammen: Man klammere sich hier zu sehr an Erreichtes, Vorhandenes. Veränderungen würden in unserer Heimatregion meist als Bedrohung empfunden, Veränderer als Störer. „Neues bekommt hier kaum eine Chance“, gibt Marquardt zu bedenken, „deshalb müssen hier entstehende neue Ideen, Projekte und Produkte weiterhin abwandern – und mit ihnen die fähigen Menschen.“
Auf das Heil von Metropolregionen zu setzen, hält Marquardt für den falschen Weg. „Wir sind umgeben von drei aufstrebenden Ballungsräumen: von Nürnberg/Fürth/Erlangen, von Prag und Leipzig/Halle. Solche Räume geben immer nur so lange etwas an ihr Umland ab, wie sie Entwicklungspotenzial nicht selbst unterbringen können – oder unterbringen wollen: Letzteres sind dann zum Beispiel Entsorgungsanlagen oder Mülldeponien, die uns die Zentren ,schenken‘, während sie uns gleichzeitig unsere qualifizierten Arbeitskräfte abwerben.“ Deshalb habe unsere Region nur dann eine Chance, wenn sie sich eigenständig behaupte und fortentwickle.
Der Bad Stebener Visionär, der bei großen Projekten in ganz Deutschland mitgewirkt, Entsorgungskonzepte ebenso wie Naherholungsgebiete entworfen hat und zurzeit mit der Planung eines 50 Millionen Euro teuren Solarparks im mainfränkischen Thüngen beauftragt ist, zeigt an konkreten Beispielen auf, was getan werden könnte oder müsste, damit die Region vorankommt. „Nehmen wir nur mal das für Hof diskutierte Altstadt-Dach“, sagt er – eine Idee, die Marquardt für andere Orte schon vor rund 20 Jahren zu Papier gebracht hatte, wie er anhand einer Zeichnung belegt. „Würde man ein solches Dach von der Stadtmitte ausgehend über die wichtigsten Einkaufsstraßen hinaus bis in die
umgebende Landschaft gestalten und würde man vergleichbare Konstruktionen, vielleicht in anderen Farben, für die Stadtzonen Plauen und Aš/Neu-Aš/Selb errichten und in den größeren Orten der Region wiederholen, wäre die Zusammengehörigkeit der ganzen Region als Wahrzeichen symbolhaft dokumentiert.“
Darüber hinaus wäre es nach Marquardts Worten denkbar, solche Dächer aus Stoffbahnen mit eingewebten Solarzellen herzustellen, wodurch man zugleich Energie für eine kostenlose Beleuchtung der Straßen und Plätzen gewinnen könnte. „Zudem könnte man – eine weitere Herausforderung für unsere innovativen Textilhersteller – in den größeren Orten der Region solar-textile Bauten als Ideen- und Wissensmessen installieren. Unsere Textilindustrie, die für ihren Erfindungsreichtum bekannt ist, bekäme dadurch neue Produkte, die weltweit in großen Mengen exportiert werden könnten.“
Viel Potenzial liegt brach
Mit Bedauern stelle er auch fest, dass in der Region viele der leerstehenden Wohn- und Betriebsgebäude einfach abgerissen würden. „Da liegt so viel Potenzial für Kreativität brach“, sagt Marquardt. „Warum verschenkt man nicht leer stehende Gebäude über Wettbewerbe an kreative Köpfe, die daraus etwas sinnvolles Neues entwickeln, statt Unsummen für den Abriss auszugeben?“, fragt er.
Der Visionär Marquardt, der sich schon vor 30 Jahren mit einer Magnetschwebebahn-Strecke – einer Art „Transrapid“ – für den Mittelstreifen der Autobahn München-Berlin befasst hat, mit einer Verkehrsader, die keine Landschaftsfläche zusätzlich fressen würde, rät den Verantwortlichen der Region zu mehr Mut: „100 kleine Erfolge bringen die Region schneller voran und machen sie krisensicherer als das vergebliche Warten auf einen Großinvestor!“



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