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Ressort Interview
Erschienen am 19.09.2009 00:00
"Frauen wie Sklaven gehandelt"
Einblicke | Der Plauener Verein Karo kämpft seit Jahren gegen Zwangsprostitution und sexuelle Ausbeutung von Frauen und Kindern. Geschäftsführerin Cathrin Schauer arbeitet als Streetworkerin vor Ort und kennt die Not und das Elend der Opfer aus erster Hand.
Cathrin Schauer Bild vergrößern
Cathrin Schauer, Geschäftsführerin von Karo e. V.
Bild:  

Frau Schauer, hat der Sextourismus in den vergangenen Jahren zugenommen?

Es ist nach wie vor so, dass Sextouristen sieben Tage die Woche rund um die Uhr in die tschechische Grenzregion fahren. Um genaue Zahlen zu nennen, müsste man eine Hochrechnung machen. Dafür haben wir keine Zeit - wir sehen das auch nicht als unsere Aufgabe. Fakt ist, dass es immer noch Zwangsprostitution gibt, und dass Sextouristen diese Dienstleistungen in Anspruch nehmen - und somit den Missbrauch von Frauen und Kindern in Kauf nehmen.

Das heißt, auch Kinder werden zur Prostitution gezwungen?

Ja.

Wie verhalten sich die tschechischen Behörden?

Punktuell hat man versucht, den Straßenstrich einzudämmen, indem die Frauen in Clubs oder ähnliche Einrichtungen hinter Schaufenster verfrachtet wurden. Auch wurden in verschiedenen Grenzregionen Kameras installiert, um die Straßenprostitution zu verdrängen. Mit dem Bau von Autobahnen und großen Umgehungsstraßen hat sich die Straßenprostitution zwangsläufig verlagert. Fakt ist, dass die gesamte Region an der Prostitution verdient, ob Tankstellen, Gaststätten oder Pensionen.

Weiß man, wie viele Frauen in der Grenzregion als Prostituierte arbeiten müssen?

Es ist schwer, genaue Zahlen zu erhalten. Wenn die Behörden welche rausgeben, dann sind darin die Frauen erfasst, die bei der Polizei registriert sind. Vor einem Jahr sprachen tschechische Behörden in den Medien von zirka 2000 bis 3000 Frauen. Aber die Fluktuation ist enorm hoch; oft werden die Frauen ausgetauscht oder verschwinden einfach. Dass sie vorzeitig in Ruhestand gegangen sind oder sich auf einer Südseeinsel sonnen, ist wohl eher unwahrscheinlich.

Gibt es auch Frauen, die sich freiwillig verkaufen?

Was ist freiwillig und was ist Zwangsprostitution? Für mich heißt Zwangsprostitution auch, wenn Frauen auf die Straße gehen, weil sie ihre Kinder ernähren müssen, weil die Sozialhilfe nicht ausreicht, die Miete zu hoch ist oder einfach kein Geld da ist. Auch diese Frauen tun es nicht freiwillig aus Spaß an der Prostitution, sondern sie handeln aus Not. Doch auch Gewalt und das Vortäuschen falscher Tatsachen als Lockmittel in die Prostitution sind Realität. Wir haben in all den Jahren keine Frau getroffen, die sich freiwillig prostituiert, auch wenn hierfür die Gründe oft unterschiedlich waren.

Wie offen sprechen die Prostituierten mit Ihnen?

Sehr offen. Es schockt mich immer wieder, wenn ich die oft brutalen Lebensgeschichten höre. Sie zeigen deutlich, um welch krasse Menschenrechtsverletzungen es sich handelt. Alle Menschen in Gesellschaft und Politik sollten sich fragen, wie das möglich ist, dass Frauen und Kinder in einem hochtechnischen Zeitalter wie Sklaven gehandelt und gehalten werden.

Wie geraten die Frauen in die Zwangsprostitution?

Sehr viele Frauen steigen bereits als Minderjährige in die Prostitution ein. Viele haben Gewalt und Missbrauch schon in früher Kindheit erlebt und sind teilweise in Kinderheimen aufgewachsen. Manche Frauen rutschen aus finanzieller Not über Vermittlungsagenturen in die Branche, weil ihnen unter falschen Tatsachen Jobs versprochen werden. Manche kommen über Freunde, Verwandte oder Bekannte in die Szene. Die Frauen, oder besser gesagt die Mädchen, wissen häufig nicht, was auf sie zukommt.

Stammen die Frauen nach wie vor überwiegend aus Osteuropa?

In den Clubs arbeiten hauptsächlich Frauen aus Weißrussland und Moldawien sowie aus Nigeria, Kamerun, Brasilien und von den Philippinen. Frauen auf dem Straßenstrich stammen fast ausschließlich aus Tschechien und der Slowakei.

Für wie viel Geld verkaufen die Frauen ihren Körper?

Das ist unterschiedlich: Zwischen fünf und 50 Euro werden verlangt - je nachdem, wie dringend das Geld gebraucht wird. Erschreckend ist - das erzählen uns die Frauen immer wieder - dass viele Freier auch Sex ohne Kondom verlangen. Weigern sie sich, werden sie geschlagen, gefesselt und vergewaltigt. In den Clubs variieren die Preise zwischen 25 bis zirka 80 Euro.

Das heißt, Geschlechtskrankheiten wie Aids sind da nicht weit?

Auch hier sind Zahlen nur schwer erfassbar, die Dunkelziffer ist enorm hoch. Das Problem ist, dass die Frauen auf dem Straßenstrich, doch auch in einigen Clubs, keine Krankenversicherung haben, oft nicht mal Ausweispapiere. Einen kostenlosen HIV-Test im Gesundheitsamt machen die wenigsten, aus Angst vor dieser staatlichen Institution.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, den Ausstieg aus der Prostitution zu schaffen?

Man kann den Absprung schaffen, auch wenn es schwierig ist. Wir haben seit 1996 knapp 400 Frauen rausgeholt und manche auch sicher wieder in ihrem Heimatland untergebracht. Zu manchen Frauen haben wir heute noch Kontakt, da sind enge Bindungen entstanden.

Können Prostituierte, die den Absprung geschafft haben, überhaupt jemals wieder ein normales Leben führen - heiraten und eine Familie gründen?

Möglich ist das, doch die Psyche der Frauen ist einfach kaputt, das ist fast irreparabel. Es gibt auch immer wieder Frauen, die sich selbst verletzen, ritzen, um dem Schmerz ein Ventil zu geben. Ein normales Leben ohne psychische Defizite können sie wohl nie führen.

Welche Rollen spielen Alkohol und Drogen?

Alkohol spielt im Gegensatz zu den Drogen eine eher untergeordnete Rolle. Doch man muss ganz klar sagen: Die Frauen stehen nicht auf der Straße, um ihren Drogenkonsum zu finanzieren, sondern sind erst in diesem Milieu drogenabhängig geworden. Drogen werden oft als Mittel zum Überleben gesehen.

Kaum ein Mann würde wohl zugeben, nach Tschechien nicht nur zum Tanken zu fahren. Welche Männer gehen zu Prostituierten?

Das kann jeder sein. Die Männer kommen aus ganz Deutschland. Wenn man sich ihre Autos und ihr äußeres Erscheinungsbild ansieht, handelt es sich meist um Männer aus der gehobenen Mittelklasse. Würden sie ein Nobelbordell in Deutschland besuchen, hätten sie wohl Angst, ihr Gesicht zu verlieren. Außerdem ist in Tschechien in Sachen sexueller Wünsche mehr möglich: Speziell die Frauen auf der Straße werden als rechtlos angesehen und machen aus Not oft alles.

Spielen Sie auf Perversion an?

Was wir von diesen Frauen hören, lässt darauf schließen, dass Perversion und Anomalität zunehmen. Die Wünsche der Männer haben oft nichts mehr mit sexueller Befriedigung zu tun. Es geht häufig um Macht- und Dominanzverhalten gegenüber Schwächeren. Es gibt auch immer wieder Frauen mit Verletzungen. Teilweise stammen die wohl von den Zuhältern, teils sicher aber auch von
den Freiern. Für Geld ist alles möglich. Auch Hochschwangere und Frauen kurz nach der Entbindung verkaufen sich.

Was würden Sie den Freiern gerne sagen?

Sie sollten sich bewusst sein, in welcher Lage sich die Frauen befinden und dazu stehen, wenn sie zu einer Prostituierten gehen. Außerdem würde ich mir wünschen - wie es auch in der Vergangenheit schon vorgekommen ist - dass auch Sextouristen Notlagen von Frauen bewusst wahrnehmen und entsprechend mit dazu beitragen, diesen Frauen zu helfen.

Was tun Sie, wenn Sie in Tschechien unterwegs sind?

Unsere Teams fahren jede Woche zwei- oder dreimal nach Tschechien, um mit den Frauen auf dem Straßenstrich und in den sogenannten bordellähnlichen Einrichtungen zu sprechen, Präventions- und Infomaterial sowie Notfallkarten mit unserer Telefonnummer zu verteilen. Regelmäßig sind wir in den Gegenden um Cheb, As, Sokolov, Kynsberg, Chomutov bis Richtung Marienbad unterwegs. Für Einzelfallhilfen und auch die Polizei sind wir 24 Stunden erreichbar.

Haben die Frauen keine Angst, von ihren Zuhältern gesehen zu werden, wenn sie mit Ihnen reden?

Wir sind ja nun schon seit 15 Jahren in den Grenzregionen unterwegs. Das weiß inzwischen jeder Zuhälter. Es gibt aber schon mal Ärger oder die Frauen müssen die Sachen, die sie von uns bekommen, sofort abgeben. Generell müssen wir sehr vorsichtig sein, um die Mädchen und auch unsere Arbeit nicht zu gefährden.

Wie verarbeiten Sie die Erlebnisse in ihrem Job?

Das ist unterschiedlich. Wenn es beispielsweise einen krassen Extremfall gibt, bekomme ich persönlich das Gefühl, dass ich jetzt unbedingt sofort etwas tun muss. Ich würde mir wünschen, dass es mehr Menschen geben würde, die gegen diese Missstände ankämpfen. Es fehlt an der Sensibilität und es handelt sich um ein politisches Problem. Wir können an diesem Problem nichts ändern, wenn es kein politisches Problembewusstsein gibt. Und das gibt es definitiv nicht, so lange auch Menschen aus Politik und Wirtschaft Kinder missbrauchen und regelmäßig zu Prostituierten gehen.

Das Gespräch führte Kristina Künzel.

 
 

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