Sie haben vor 40 Jahren ihre erste Platte aufgenommen, füllen heute immer noch die Häuser. Wie erklären Sie sich ihren eigenen Erfolg?

Sein Lied „Über den Wolken“ kennt auch heute noch jeder. Das und viele andere Titel bringt Reinhard Mey am 12. November auch in die Hofer Freiheitshalle mit.
Bild: Archiv
Ach, ich erkläre lieber nicht. Ich blicke über diesen weiten Zeitraum, bin dankbar und glücklich.
Weil ein bisschen Zauber noch erhalten bleiben soll?
Ja. Ich habe kein Erfolgsrezept, ich habe einfach immer nach meinem Schnabel gesprochen und geschrieben. Und ich habe mich bemüht, zwischen dem, was ich singe, und dem, was ich denke und lebe, eine Gemeinsamkeit zu bewahren. Es muss schwierig sein, sich 40 Jahre lang zu verstellen. Deshalb habe ich mich von Anfang nie bemüht, mir ein Image zu schnitzen, das mir nicht entspricht. Denn so kann ich vor mir gerade stehen, wenn ich mal mit einem Projekt Schiffbruch erleide.
Wie erleben Sie die Zeit vor dem ersten Konzert einer Tournee?
Die Minuten vor dem Konzertbeginn sind die Hölle. Das ist der Preis für das Glück, das mein Beruf mit sich bringt. Aber ich darf mich nicht beklagen: Dass ich vor Menschen singen kann, dass ich mit ihnen meine Gedanken teilen kann, dass sie mir zuhören, mir ihre Sympathie, ihre Wärme geben. Das ist wirklich ein Gefühl, das glücklich macht, das demütig macht, das wirklich ein Geschenk ist.
Was bekommen die Besucher diesmal zu hören?
Eine ausgewogene Mischung. Es gibt mehr als eine gute Hand voll neuerer Lieder. Bei den alten Liedern ist es immer eine Kunst, die Titel herauszusuchen. Und ich hoffe, dass ich mich diesmal sehr klug entschieden habe. Es ist wie beim Kochen: Ich habe lauter wunderbare Zutaten, aber wenn ich sie im falschen Verhältnis zusammenrühre, dann kommt etwas ganz Ungenießbares dabei heraus.
Sie legen ja viel Wert darauf, ihre Lieder selbst zu schreiben. Doch Ihre Biografie „Was ich noch zu sagen hätte“ hat ein anderer geschrieben.
Bernd Schroeder hatte bereits in den 70er Jahren ein Interview mit mir geführt. Für das Buch hatten wir viele lange Gespräche, die auch in wörtlicher Rede abgedruckt wurden. Wir sind uns im Laufe der Zeit immer näher gekommen. Am Schluss war Bernd wie ein Familienmitglied, wie ein Onkel, der alle paar Wochen mal zum Kaffee zum Klönen kommt. Und ich habe mir schon überlegt, dass ich mich, vielleicht in 20 Jahren, noch mal selber hinsetze und alles noch mal aus meiner Sicht erzähle. Dann bin ich auch ein Stück weiter auf dem Lebensweg und kann mehr in die Tiefe gehen.
Sie haben nach 23 Jahren erstmals wieder ein Album auf Französisch herausgebracht. Wie kam es dazu?
Ich musste damals aufhören, auf Französisch zu schreiben und in Frankreich aufzutreten, weil ich sonst zu wenig Zeit für meine Kinder gehabt hätte. Ich wollte die Arbeit an den französischen Liedern aber schon damals wieder aufnehmen. Im vergangenen Jahr waren alle drei Kinder aus dem Haus. Und so habe ich die französische Sprache wieder für mich entdeckt. Es ist eine große Freude, wenn man so eine Fähigkeit nicht verlernt hat.
Eine Zeitung schrieb über ihr Album „Douce France“, sie hätten ihre Lieder „auf Französisch veredelt“. Sehen Sie das auch so?
Wir Deutschen haben eben eine sehr störrische und manchmal sehr bockige Sprache, die ich aber ganz besonders liebe. Dieses Eckige und Kantige, das manchmal roh wirkt und einem manchmal einen Schrecken einjagt. Das Französische fließt ein bisschen mehr, es gibt mehr Vokale, weniger Konsonanten. Keine Frage, das singt sich leichter. Zudem ist es eine große Chance, ein Lied ein zweites Mal schreiben zu können. Man weiß noch genau, was man beim ersten Mal unterbringen wollte, aber nicht konnte. Und beim zweiten Mal ist plötzlich noch ein Platz.
Sie werden in zwei Jahren 65, ein Alter in dem sich viele zur Ruhe setzen. Sie aber nicht, oder?
Nein, ich habe mir – so lange ich denken kann – diesen Beruf gewünscht. Jetzt möchte ich mich daran erfreuen, so lange ich kann. Über das Alter habe ich mir das letzte Mal am Abend vor meinem 30. Geburtstag Gedanken gemacht. Damals ging mir der Spruch „Trau keinem über 30“ durch den Kopf, und ich habe mich gefragt, wie es mit mir weiter gehen soll. Seither empfinde ich es als wahnsinnig schöne und aufregende Erfahrung, älter zu werden, und einem immer größeren Katalog von Dingen im Leben zu haben, die mir widerfahren sind. Es war toll, 18 oder 28 zu sein, aber das muss ich nicht noch mal haben. Ich möchte in diesem Augenblick leben, weil man nicht weiß, wie viele noch kommen.
TICKET- SERVICE
Karten für das Konzert von Reinhard Mey am 12. November in Hof gibt es im Frankenpost-Ticketshop, Marienstraße 8, Telefon 09281/816-228, in allen Geschäftsstellen unserer Zeitung und unter www.frankenpost.de

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