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Müller-Mahn: Wir leiden tatsächlich immer noch unter dem angestaubten Image der Schul-Erdkunde. Dabei hat das, was die Geographie heute behandelt, nichts mehr mit Stadt-Land-Fluss zu tun, sondern mit aktuellen Fragen unserer Gegenwart, zum Beispiel zu Migration, zu „schrumpfenden“ Regionen oder zu den Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Natur. Wenn es um drängende Probleme der Welt geht, ist die Geographie eine kompetente Wissenschaft.
Sieht man sich das Programm des Kongresses an, so gewinnt man den Eindruck, die Geographen würden sich für sämtliche Probleme der Welt zuständig fühlen: ob Waldbrände in Griechenland, Online-Durchsuchungen auf privaten PCs oder den Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Ist das so?
Müller-Mahn: Die vielfältigen Problemfelder mögen Außenstehenden vielleicht wie ein „Bauchladen“ erscheinen. Trotzdem, die Geographie leistet einen eigenständigen Beitrag, indem sie hier nach Zusammenhängen sucht und eigene integrative Perspektiven mit einbringt. Einen Allmachtsanspruch haben wir dabei natürlich nicht. Aber wir vereinen unter dem Dach eines Faches verschiedene Fachperspektiven und sind damit sozusagen eine interdisziplinäre Disziplin.
Doevenspeck: Bei Waldbränden kommen zum Beispiel geographische Informationssysteme für das Katastrophenmanagement zum Einsatz – die in Griechenland nicht hinreichend entwickelt waren. Und Afghanistan ist ein Land mit kleinteiligen regionalen Konflikten, die sich auf räumliche Beziehungen auswirken. Gerade zu diesem Thema hat die Geographie etwas beizutragen.
Wie? Geben Sie uns doch bitte ein konkretes Beispiel.
Doevenspeck: Seit Oktober 2006 arbeite ich an einem Forschungsprojekt im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Dort herrschen seit über einem Jahrzehnt für den außenstehenden Betrachter schwer durchschaubare Kriege. Unser Forschungsprojekt untersucht, welche Auswirkungen politische Destabilisierung und Staatszerfall auf das Katastrophenmanagement haben. Wie ist die Gesellschaft organisiert, was hat das für Folgen für Katastrophenmanagement? Wie sind die Wechselwirkungen zwischen Krieg, Naturgefahren und der Verwundbarkeit der Bevölkerung? Eine Perspektive, die diese Punkte zusammenbringt, gibt es bisher nicht.
Den natürlichen und den von Menschen hervorgerufenen Katastrophen widmet die Tagung einen Schwerpunkt. Ist der Mensch dabei, der Natur als Katastrophen-Produzent den Rang abzulaufen?
Müller-Mahn: Zu Katastrophen kommt es nur, wenn Menschen beteiligt sind. Die Natur für sich ist niemals die entscheidende Ursache, allenfalls ein Auslöser für Katastrophen. Uns interessiert, unter welchen Umständen Menschen Risiken eingehen oder warum sie dort leben, wo Katastrophen passieren können – wie etwa am Fuße des Vesuvs.

Kinder am Stadtrand von Goma im Kongo: Sie müssen trotz des hohen Risikos am Fuße des Vulkans Nyiragongo leben FOTO: DOEVENSPECK
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Und welche sind das?
Müller-Mahn: Man bekommt ganz unterschiedliche Antworten: Es ist einfach schön da oben auf dem Vesuv. Oder am Beispiel des Vulkans Merapi in Indonesien: Dort gibt es die allerbesten Böden. Das heißt, das Risiko wird in diesem Falle bewusst eingegangen. Ein anderes Beispiel: Warum machen Menschen Urlaub in Phuket statt im Allgäu? Hier spielt das Wissen über Risiken eine wichtige Rolle. Und noch ein anderer Aspekt: Millionen von Menschen leben in gefährdeten Gebieten, bedroht von Dürre oder Überschwemmung, weil sie nicht anders können, weil sie zu arm sind.
Doevenspeck: Im Ostkongo leben 600 000 Menschen, darunter zehntausende Kriegsflüchtlinge in der Nähe des gefährlichen Vulkans Nyiragongo bei der Stadt Goma. Dort ist die UNO stationiert, das heißt, es ist der einzig relativ sichere Ort. Die Leute gehen also nach Goma, weil sie keine Wahl haben und hoffen, dass der Vulkan nicht ausbricht.
Unter dem Tagungsmotto „Umgang mit Risiken“ befassen Sie sich auch mit Sicherheit.Wieso denn dieses Thema?
Müller-Mahn: Sicherheit wird manchmal als das Gegenteil von Risiko verstanden, aber das ist falsch. Risiken sind unvermeidlich und es kann daher keine totale Sicherheit geben. Wenn versucht wird, durch Kontrolle oder Überwachung mehr Sicherheit zu schaffen, hat das auch immer Nebenwirkungen, die neue Risiken erzeugen können. Die aktuelle Sicherheitsdebatte um den Abschuss entführter Zivilflugzeuge schafft nicht mehr Sicherheit, sondern schürt die Angst und Verunsicherung der Bevölkerung. Auf der anderen Seite: Wenn Vorsorge betrieben wird, kann das unter Umständen zu einem trügerischen Gefühl von Sicherheit führen. Als Reaktion auf den Tsunami wird mit deutscher Unterstützung ein Frühwarnsystem im Indischen Ozean installiert. Das aber birgt Gefahren. Wenn es versagt, weil die Warnung die Menschen nicht erreicht, wird der Effekt noch viel schlimmer sein als ohne Frühwarnsystem.
Müssen wir deshalb mit Risiken leben? Und können wir dabei von den Entwicklungsländern lernen?
Doevenspeck: Wir können von ihnen lernen, wie man mit Risiken umgeht, wenn es keine institutionalisierte Sicherheit gibt. Beim jüngsten Ausbruch des Vulkans im Kongo haben sich 400 000 Leute selbst evakuiert. Es gab zwar Chaos, aber es hat funktioniert. Denken Sie dagegen an den Sturm neulich in Bayreuth: Die Feuerwehr war völlig überlastet, für einige Zeit ging nichts mehr.
Müller-Mahn: In Deutschland haben wir die Tendenz, die Zuständigkeit für komplexe Fragen an Experten zu delegieren. Das führt dazu, dass der Einzelne immer weniger in der Lage ist, sich selbst zu helfen. Was aber passiert, wenn die Sicherungssysteme ausfallen? Damit hat man in Deutschland in den letzten 60 Jahren keine Erfahrung mehr gemacht. Die Soziologie spricht hier von der Weltrisikogesellschaft, die stetig neue Risiken erschafft und damit die Diskussion beherrscht. Mit Verweis auf zu erwartende Risiken gibt man sich die Legitimation zur Aufhebung verfassungsgemäßer Rechte.
Beim Klimawandel gibt es eine weltweite politische Zusammenarbeit. Halten Sie auch für andere Aspekte des globalen Wandels eine solche Allianz für nötig?
Müller-Mahn: Das ist dringend notwendig angesichts der Verschärfung von ökonomischen und sozialen Gegensätzen in der Welt, vor allem zwischen Nord und Süd. Eine globale Allianz für Entwicklung unter Führung der Vereinten Nationen könnte aber nur funktionieren, wenn die reichen Länder zu mehr Verteilungsgerechtigkeit bereit wären. Ein Problembewusstsein für eine solche neue Weltinnenpolitik sehe ich aber nicht. Die Reaktion ist eher, sich abzuschotten, Grenzen dicht zu machen und Migranten abzuschieben.


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