So!: Frau Witt, Sie gehen auf Abschiedstournee. Was werden Sie am meisten vermissen, wenn Sie nicht mehr auf dem Eis auftreten?

Nach 37 Jahren auf dem Eis jetzt auf Abschiedstournee: Katharina Witt
Bild: Peer Grimm, dpa
Katarina Witt: Vor allem die Sicherheit, die mir das Eis gibt. Ich befinde mich dort auf einem Terrain, das ich in- und auswendig kenne. Ich habe mir dort Anerkennung erarbeitet – und zwar vor allem durch Leistung. Es ist einfach ein tolles Gefühl, wenn ich auf dem Eis stehe und mit meinen Bewegungen eine Geschichte erzähle. Mal sind die Zuschauer ganz leise und schauen mir einfach zu, mal kann ich sie mitreißen.
So!: Mit Anfang 40 haben viele Profis ihre Schlittschuhe schon an den Nagel gehängt. Sie gehen nun in den ganz großen Hallen auf Abschiedstournee. Wie kam es dazu?
Witt: Ich habe ja die ganze Zeit über weitergemacht. Allerdings war ich bis vor drei Jahren vor allem in den USA auf Tournee. Ich wollte nun nach all den Jahren auf dem Eis in meiner Heimat nicht einfach verpuffen und verschwinden, sondern gemeinsam mit meiner Familie, meinen Freunden und meinen Fans das feiern, was ich in den vergangenen Jahrzehnten erleben durfte. So eine Karriere ist trotz all der harten Arbeit schon ein Geschenk. Für viele Erfolge war ich damals einfach zu jung, um sie wirklich zu verstehen. Meine Siege bei den Olympischen Spielen zum Beispiel. Wie schön so etwas ist und wie es das eigene Leben verändert – das begreift man erst, wenn man älter ist.
So!: In manchen Städten Ostdeutschlands waren die Karten für Ihre Abschiedsshow binnen kürzester Zeit ausverkauft. Werden Sie im Osten auch mehr als 18 Jahre nach der Wende noch immer anders wahrgenommen als im Westen?

"So eine Karriere ist trotz all der harten Arbeit schon ein Geschenk."
Bild: Wolfgang Kumm, dpa
Witt: Ich denke, es gibt schon eine andere emotionale Bindung. Ich hatte zwar auch im Westen schon immer meine Fans, das habe ich an der Fanpost gemerkt, aber meine großen Siege und Erfolge habe ich nun mal vor der Wiedervereinigung gefeiert. Es ist schon etwas anderes, wenn die Zuschauer bei Wettkämpfen sagen können: „Das ist unsere Katarina.“ So erkläre ich es mir auch, dass der Andrang auf die Karten meiner Abschiedstournee in den ostdeutschen Städten besonders groß ist.
So!: Worauf können sich die Zuschauer in Ihrer Abschiedsshow freuen?
Witt: Auf jeden Fall natürlich auf eine Menge tollen Eiskunstlauf (lacht). Ich habe mir einige sehr erfolgreiche Kollegen eingeladen – aber zugleich ist die Show auf meine vielen Jahre auf dem Eis zugeschnitten. Ich hole meine Lieblingsmelodien und Lieblingsprogramme mit neuen Choreographien zurück. Gerade bei denen, die über so viele Jahre hinweg meine Eislaufkarriere verfolgt haben, werden sicher so manche Erinnerungen wach...
So!: Was sind denn für Sie selbst die schönsten Erinnerungen?

"Für die Abschiedstournee hole ich meine Lieblingsmelodien und Lieblingsprogramme mit neuen Choreographien zurück."
Bild: Florian Eisele, dpa
Witt: Die schönsten Momente hatte ich bei den Olympischen Spielen und anderen Wettkämpfen, bei denen mir das Siegen nicht leicht gemacht wurde. Zum Beispiel in Cincinnati 1987. Auch in Lillehammer noch mal antreten zu können und meine Familie dabei zu haben, war ein ganz besonderes Erlebnis.
So!: Denken Sie bei manchen Tricks auf dem Eis heute: „Das ist mir früher leichter gefallen“?
Witt: Die Tricks, die ich nicht mehr kann, lasse ich weg. Das was ich vor 20 Jahren gemacht habe, kann ich nicht mehr zurückholen. Dafür hab‘ ich die Jungs, die sollen schön viel springen (lacht). Ich mache das, wozu ich in der Lage bin. Schließlich möchte ich den Abschied auch genießen, und mich nicht jeden Abend völlig unter Druck setzen. Aber die Leute sind in den letzten Jahren auch nicht in meine Shows gekommen, um irgendwelche großen Dreifach-Sprünge zu erleben. Es ging um die Choreographie und um das, was ich auf dem Eis ausdrücke. Die Zuschauer haben schon immer gespürt, dass ich mit sehr viel Herz dabei bin.
So!: Über Eiskunstläuferinnen gibt es ja dieses Klischee: Schöne Frauen, die sich anmutig auf dem Eis bewegen – und hinter den Kulissen tobt der Zickenkrieg. Vielen ist die Affäre um Tonya Harding und Nancy Kerrigan noch im Gedächtnis. Auch die RTL-Soap „Alles, was zählt“ erweckt den Eindruck, dass hinter den Kulissen mit ganz harten Bandagen gekämpft wird.

Fotogen war sie immer: Katharina Witt, hiermit einem Bildband über sie, fotografiert von Gosbert Gottmann
Bild: Miguel Villagran, dpa
Witt: Die Serie zeigt nicht die Realität, denn die besteht einfach nur aus Training – und zwar von früh bis spät. Wenn man es im Eiskunstlauf wirklich zu etwas bringen will, dann kann man nicht nach links und rechts sehen, dann muss man sich auf dieses eine große Ziel konzentrieren. Das wäre für eine Serie aber sehr einseitig und langweilig. Deshalb müssen diese ganzen Geschichten drum herum erfunden werden (lacht). Auch das Verhalten von Tonya Harding war einmalig – dass jemand wirklich jemanden losschickt, um eine Konkurrentin außer Gefecht zu setzen.
So!: Wie sehen Ihre Pläne für das Leben nach der „Eiszeit“ aus?

"Die Zuschauer haben schon immer gespürt, dass ich mit sehr viel Herz dabei bin."
Bild: Peer Grimm, dpa
Witt: Ich muss ehrlich gestehen: Ich mache zur Zeit noch keine großen Pläne. Jetzt bin ich mit den „Stars-auf-Eis“-Folgen und meiner Tournee vollauf beschäftigt. Und im Moment möchte ich nicht zu sehr daran denken, was anschließend kommt. Ich würde mir auch gern mal eine Pause gönnen, um zum Nachdenken zu kommen. Bislang konnte ich immer das machen, was mein Herz erfüllt hat, gerade was das Berufliche betrifft. Das wünsche ich mir auch für die Zukunft.
Interview: Thomas Joppig
KURZ & KNAPP: WELTSTAR AUF KUFEN
Katarina Witt ist eine Frau der Rekorde im Eiskunstlauf. Zwischen 1983 und 1988 tanzte sie sich auf kalten Kufen zweimal zum Olympiasieg, wurde viermal Weltmeisterin und sechsmal Europameisterin. Ihre Erfolge machten die 1965 in West-Staaken (heute Berlin) geborene Kufen-Künstlerin zu einer Vorzeige-Repräsentantin des DDR-Sports. 1994 wagte sie bei den Olympischen Winterspielen in Lillehammer ein Comeback. Mit ihrer Friedenskür „Where Have All The Flowers Gone“ wurden ihr weltweite Beachtung und ein siebter Platz zuteil. Rekorde brach Katarina Witt jedoch auch abseits des Eises. Als sie 1998 für den Playboy die Hüllen fallen ließ, wurde das Heft in den USA und 17 weiteren Lizenzgebieten zur erfolgreichsten Veröffentlichung in der Geschichte des Männermagazins. Das Image einer Traumfrau half ihr im Privatleben jedoch nicht, Beziehungen scheiterten immer wieder. Zur Zeit hat Katarina Witt mit der ProSieben-Show „Stars auf Eis“ und ihrer Abschiedstournee alle Hände voll zu tun. Ihre Tournee führt durch acht deutsche Städte. Sie beginnt an diesem Wochenende in Berlin und endet am 4. März in Hannover.

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