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Kunst und Kultur

Fünf junge Künstler an 402 Tasten

Sankt Michaelis setzt eine gut 20-jährige Tradition fort: An der Orgel, am Cembalo und am Klavier präsentieren sich Studierende der Bayreuther Musikhochschule.



Angehende Tastenkünstler an Orgel, Cembalo und Flügel (von links): Henrik Stark, Ulrike Heubeck, Jisu Sun, Anne Barkowski und Elias Krauß. Foto: Frank Mertel
Angehende Tastenkünstler an Orgel, Cembalo und Flügel (von links): Henrik Stark, Ulrike Heubeck, Jisu Sun, Anne Barkowski und Elias Krauß. Foto: Frank Mertel  

Hof - Multitasking: So heißt die beneidenswerte Fähigkeit, gleichzeitig mehrere Aufgaben zu erfüllen, ohne sich heillos zu verheddern. Das "Multi-Tasten-Konzert" am Sonntag in der Hofer Sankt-Michaelis-Kirche klang im Titel nicht zufällig ähnlich - es lief auch beinah aufs selbe hinaus. Nicht nur ein Tasteninstrument, die dreimanualige Orgel, machte sich vernehmlich, sondern mehrere - nämlich auch ein zweimanualiges Cembalo und ein Flügel mit, arteigen, einer einzigen Klaviatur. 402 Tasten insgesamt für fünf Studierende der Bayreuther Kirchenmusik-Hochschule; indem Dekanatskantor Georg Stanek die jungen Leute einlud, setzte er eine gut zwei Jahrzehnte alte Tradition fort. Anfang zwanzig sind die Mitwirkenden, die sich in 430 Jahren Tonkunst umtaten: zwischen dem 1562 geborenen Jan Pieterszoon Sweelinck und Olivier Messiaen, der 1992 starb - eine weite Exkursion, doch in sich geschlossen.

Dafür sorgt Ulrike Heubeck, die das Programm mit zwei Kirchenvätern der Orgelmusik eröffnet und beschließt. In Johann Sebastian Bachs Choral "Allein Gott in der Höh' sei Ehr' " (BWV 662) lässt sie noch Vorsicht walten: Ernst schreitet die Musik einher, bis die Interpretin heller und festlich den Cantus firmus hineinwebt. Ganz anders geht sie, zum wuchtigen Schluss, Max Regers Introduktion und Fuge aus der d-Moll-Sonate opus 60 an: Zerrissenheit und Mystik, Prediger-Grimm und poetische Verklärung lässt sie einander ablösen und findet dann wacker durch die Hochchromatik der kaum durchschaubaren Fuge. Vom nachdrücklichsten aufs intimste Instrument, das Cembalo, steigt sie zwischenzeitlich um: In Sweelincks (ursprünglich gleichfalls für Orgel geschaffenen) Variationen über das französische Volkslied "Est-ce mars" wechselt sie, behutsam tastend oder beherzt zugreifend, filigran die Intonations- und Ausdruckscharaktere.

Ein Orgelchoral wie der eingangs gespielte ist ein Gesang, nur ohne Text, nicht unähnlich den romantischen "Liedern ohne Worte", die Felix Mendelssohn Bartholdy in insgesamt acht Zyklen sammelte. Drei der Stücke wählte der junge Hofer Elias Krauß für sich aus; wie alle Klavier-Beiträger gehört er zur Klasse des Rehauer Professors Wolfgang Döberlein. Ein offenes Ohr hat Krauß für die dämpfende Patina über dem Klang des ehrwürdigen Blüthner-Flügels, dem er die Stücke veränderlich anpasst: Im ersten hebt er optimistisch frei die Melodielinie hervor; mit einem brodelnden Presto scheint er alle Gefühlsseligkeit zu verscheuchen; und kehrt schließlich doch zu salbungsvollem Sentiment zurück.

Ganz aus dem Innern eines lauschenden Gemüts löst sich Messiaens Prélude "Plainte calme", wenn es Anne Barkowski, eine junge Meisterin des Anschlags, im Geist des späten Impressionismus ausleuchtet: mit je eigener Spannung in jeder Note, schwebenden Tonfolgen, sacht strahlenden Akkorden. Empfindsam, als wär's ein Stück von Mendelssohn, tritt im Anschluss Bachs g-Moll-Präludium mit Fuge aus dem "Wohltemperierten Klavier" auf: Weichherzig gibt Anne Barkowski zunächst viel Pedal hinzu, bevor sie, deutlich härter, an der Fuge meißelt.

Mit noch festeren Händen greift Henrik Stark in die vielen Tasten der Heidenreich-Orgel. César Francks "Pièce héroique" nimmt er beim Namen: Kühn drängend geht er's an, unerschrocken fordernd führt er es fort und besiegelt es in triumphierender "Helden"-Pose.

Als "Heldin" dieses Nachmittags beeindruckt die koreanische Studentin Jisu Sun mit Robert Schumanns leidenschaftlichem Klavier-Allegro h-Moll (opus 8) - die virtuoseste Darbietung und interpretatorisch reifste Leistung der Werkfolge. Vollgriffig vermählt die junge Künstlerin pianistische Impulsivität mit gestalterischem Wandlungsreichtum und gewinnt dem farblich nicht eben breit disponierten Sankt-Michaelis-Flügel zehn Minuten lang unverhofft reizvolle Facetten ab. Immer findig spürt sie dem Dreiton-Motiv nach, das der Komponist, wie einen kurzen Cantus firmus, mal vorrangig leuchten, mal sich heimlich verbergen lässt. Hier wird, der Orgel ähnlich, das Klavier zu einem Orchester, Kammerorchester für sich: ein Wunder fast, dass dafür 88 Tasten reichen.

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Michael Thumser

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Veröffentlicht am:
19. 06. 2017
18:57 Uhr

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Michael Thumser

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19. 06. 2017
18:57 Uhr



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