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Kunst und Kultur

"Jimi Hendrix bevorzugte Bargeld"

Er hatte sie alle: die Doors, Pink Floyd, die Beatles, Led Zeppelin, die Stones, Bob Dylan, Jimi Hendrix. Doch Veranstalter Rikki Farr selbst blieb immer etwas im Hintergrund.



Interview: Mit Rikki Farr (jetzt und einst)
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Rikki Farr steckt voller Geschichten. Als junger Mann lernte er in Hamburg die Beatles kennen, was seinem Leben eine unerwartete Wendung gab. Der Brite wurde Konzertveranstalter, Tourmanager und Live-Mixer für Stars. An dem von ihm gegründeten "Isle of Wight Festival" nahmen 1970 bis zu 700 000 Besucher teil, was selbst Woodstock in den Schatten stellte. 2012 rief Farr in Kalifornien dann das Unternehmen Audio Design Experts ins Leben. Es entwickelt und vertreibt hochleistungsfähige Audio-Lösungen.

Sie haben mit den berühmtesten Bands der Rockgeschichte zusammengearbeitet. Was ist Ihre Vorstellung von einem perfekten Sound?

Der perfekte Sound ist die Reproduktion dessen, was der Künstler gespielt hat. Selbst wenn seine Performance schlecht war. Es geht um Ehrlichkeit und Authentizität. Jedes Instrument und jeder Ton sollten separat erklingen. Ein gutes Essen ist für mich keine Gemüsesuppe, sondern ein Gericht, bei dem man jede einzelne Zutat herausschmecken kann.

Die Beatles spielten anfangs auf einer winzigen Anlage. 1960 sahen Sie sie in Hamburg im Indra-Club und im Kaiserkeller und freundeten sich mit ihnen an. Wie sah der Indra-Club denn damals aus?

Man traf dort auf Seeleute und Prostituierte, es roch nach billigem Parfüm, Bier und Bretzeln. Ich liebte auf Anhieb die Atmosphäre und die Energie in diesem Raum. Die Beatles spielten dort Songs von Chuck Berry und Bo Diddley. Sie waren immer nach Rory Storm & The Hurricanes dran, deren Drummer war Ringo Starr. Er besaß schon damals ein ziemlich großes Schlagzeug, während die anderen nur billige Instrumente hatten. Westeuropa nach dem Krieg war ein trauriger Anblick: grau in grau. Aber auf einmal tauchte eine neue Generation auf.

Was zeichnete diese Generation aus?

Meine Generation wollte bunt sein. Deswegen ist in London in den Sixties auch die Carnaby Street entstanden, wie wir sie heute kennen. Ich hatte damals Haare bis zur Hüfte und bevorzugte Klamotten im Indien-Look. Ich wollte Musik hören und tanzen. Die Swingin' Sixties waren eine Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg. Ich muss gestehen, dass ich mich nicht mehr an alles erinnern kann, aber das wenige, was ich noch weiß, war verdammt schön (lacht).

Wie oft haben Sie die Beatles in Hamburg spielen sehen?

Zuerst nur zweimal: im Kaiserkeller und im Indra-Club. Als ich später wiederkam, sah ich sie noch einmal im Star-Club. Da war dann Ringo schon dabei und Astrid Kirchherr hatte ihnen bereits die Pilzköpfe verpasst. 1960 sahen sie noch aus wie Rocker mit ihren Lederjacken und nach hinten gegelten Haaren. John Lennon war eine Mischung aus Gene Vincent und James Dean. Ende 1961 waren sie zurück in Liverpool, wo sie eine Show in einem Club namens The Iron Door spielten.

Wie ging es für Sie in England

weiter?

In Liverpool kam ich dann wieder mit den Beatles zusammen und begann, für sie Konzerte zu buchen, unter anderem in Guildford und im Birmingham Civic Center. Es kamen bloß ein paar Hundert Leute, aber es war erst der Anfang und wir klebten überall Plakate mit Aufschriften wie "The Beatles - soon to be recording stars" oder "Coming live: The Beatles". Die ersten hundert Zahlenden bekamen immer eine Cola gratis. Kurz darauf übernahm Brian Epstein das Management der Band.

Hatten Sie und John Lennon sich mit der Zeit angefreundet?

Ja, ich war aber nicht nur mit John befreundet, sondern mit allen Beatles. Paul wurde später sogar zu einem richtig guten Kumpel. Wir sind oft zusammen um die Häuser gezogen. Irgendwann trennten sich unsere Wege, weil ich mich auch um andere Künstler kümmern musste. Es wurden deren immer mehr. Ich arbeitete auch sehr gern mit Fleetwood Mac und Peter Green. Ich war damals in so viele Himmelsrichtungen unterwegs, dass ich mir dabei manchmal selbst begegnet bin.

Sie managten eine Zeit lang den legendären Marquee-Club in London. Wie erinnern Sie die ersten Konzerte der Rolling Stones?

Die frühen Stones waren ziemlich gut, denn sie waren Rebellen, die Beatles hingegen waren eher clean. Das junge Publikum hatte eher ein Faible für ruppige Typen wie Keith und Mick. Sie sagten immer gerade heraus, was sie dachten. Jagger ist sehr clever, aber für mich ist er eher ein Shouter als ein Sänger.

Die 60er waren die Zeit der freien Liebe und der Drogen, mit denen viele Musiker experimentierten. Mussten Sie als Veranstalter sich damit zurückhalten?

(lacht) Wer hat Ihnen denn das erzählt? Ich sage es mal so: Niemand von uns war damals daran interessiert, schlafen zu gehen. Wir hatten das Gefühl, dann etwas zu verpassen. Wir waren ständig auf Achse, und ich war immer der Letzte, der die Tür zugemacht hat. Ich habe die allererste Live-Show von Cream organisiert - beim Reading Festival. Anschließend brachte ich die Band in die Royal-Albert-Hall.

In den Siebzigern vermieteten Sie in der Marshelsea Road in London Übungsräume an Bands wie Pink Floyd ...

Ich hatte an der Themse ein fünfstöckiges Lagerhaus gefunden mit einem Wasser-Fahrstuhl. Man zog an einem Seil und dann drückte das Wasser aus der Themse den Lift nach oben. Heute befinden sich in dem Gebäude Luxusapartments. Ich hätte es wohl lieber behalten sollen. Die Floyd waren ganz oben untergebracht, nach den Proben legten sie sich oft zum Schlafen auf eine der Matratzen. Auch die Animals und Duran Duran übernachteten regelmäßig dort. In der Nähe war Covent Garden, dort konnte man die ganze Nacht etwas zu essen kaufen.

Haben Pink Floyd dort auch ihre Songs entwickelt?

Ja, absolut. Wir waren sehr gut befreundet, ich durfte oft dabei sein, wenn sie probten. Das änderte sich erst, als die Geschäftsmänner und Anwälte Einzug ins Musikgeschäft hielten. Das brachte die Menschen auseinander. Meine erste Pink-Floyd-Show veranstaltete ich im Electric Garden, danach spielten sie im Roundhouse, einem ehemaligen Lokschuppen. Später veranstaltete ich sie auch in Southsea. Pink Floyd waren von Anfang an eine fantastische Liveband mit einem absolut reinen Sound. Sie brauchten gar kein besonderes Audiosystem, man konnte sie einfach spielen lassen. Sie waren so gut, dass man nicht viel machen musste bis auf die speziellen Effekte. David Gilmour ist einer der unterbewertetsten Gitarristen, die ich kenne. Er wird wohl nie die Anerkennung bekommen, die er verdient.

Warum haben Pink Floyd nie beim "Isle of Wight Festival" gespielt?

Weil beim ersten Festival Jefferson Airplane und beim zweiten Bob Dylan Headliner waren. Beim dritten waren es dann alle auftretenden Bands. Nach dem ersten "Isle of Wight Festival" bat Peter Grant mich, Konzerte für seine neueste Band Led Zeppelin zu buchen. Electric Magic in der Wembley-Arena war ihre erste richtig große Show. Zudem hatte ich sie als Special Guest bei Konzerten von Jethro Tull und Ten Years After untergebracht. Robert hat mich sofort beeindruckt und John Bonham war ein richtiges Tier.

Wie konnten Sie eigentlich Bob Dylan dazu überreden, nach seinem schweren Motorradunfall von 1966, der eine dreijährige Konzertpause zur Folge hatte, wieder aufzutreten?

Ich bin damals extra nach New York geflogen und habe dort wochenlang auf ihn gewartet. Schließlich tauchte er auf. Im Gepäck hatte ich einen Film, den wir vom Luftkissenboot aus geschossen hatten. Die Isle of Wight ist eine Insel der Dichter, wir sind zu den Häusern von Alfred Tennyson und John Masefield gegangen. Wir haben auch die wunderschönen Blumen und Gärten gefilmt. Diese Bilder zeigte ich Bob Dylan und sagte ihm, er sei ein singender Poet. Warum bringst du deine Dichtkunst nicht auf die Isle of Wight? Er sah mich an und antworte: "Rikki, das würde ich liebend gerne tun." So einfach war das.

Konnten Sie Jimi Hendrix genauso leicht überreden?

Sehr leicht. Ich überreichte ihm ein Käse-Sandwich und eine Tasse Tee im Lion's Tea House an der Victoria Station in London.

Das war alles, was Hendrix für seinen Auftritt beim "Isle of Wight Festival" haben wollte?

Und eine braune Papiertüte mit 10 000 Pfund. Jimi bevorzugte Bargeld. Ich habe für ihn insgesamt fünf Konzerte in England und eines in Deutschland organisiert. In München waren wir im Circus Krone. Sie werden bestimmt wissen wollen, wie es war, aber ich sage Ihnen unumwunden: Was in dieser Zeit passiert ist, erinnere ich nicht mehr so genau. Aber ich war wirklich dabei, denn ich habe mich auf den Fotos wiedererkannt! Damals war alles viel einfacher als heute, man traf oft mündliche Absprachen und es gab noch keine Handys.

Das Gespräch führte Olaf Neumann

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Olaf Neumann
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Veröffentlicht am:
11. 08. 2017
19:12 Uhr

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Olaf Neumann

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11. 08. 2017
19:12 Uhr



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