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Hof

Gegen den Sämann des Krieges

Sie bleibt hartnäckig, die Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes/Bund der Antifaschisten, kurz VVN/BdA Hof-Wunsiedel.



 

Nach 2013 hat sie nun einen zweiten "Blauen Flyer" herausgegeben, und die Kernforderung lautet erneut: "Hofer Widerstand endlich ehren!" Zwar habe sich in den vergangenen drei Jahren einiges getan, sagen Vorsitzende Nanne Wienands und ihre Vorstandskollegin Eva Petermann im Gespräch mit der Frankenpost. Neue Formen der Erinnerungskultur seien entstanden, zum Beispiel mit der Umbenennung der einstigen General-Hüttner-Kaserne in Oberfranken-Kaserne oder der Dr.-Dietlein-Straße in Dr.-Bonhoeffer-Straße. Dennoch: "Hof hat immer noch einiges nachzuholen." Wienands und Petermann wollen eine breite öffentliche Diskussion in Gang setzen und rufen die Hofer auf: "Schaut euch kritisch eure Stadt an!"

 

Das Ehrenmal im Wittelsbacherpark

Als "unsäglich" empfinden Nanne Wienands und Eva Petermann die - inklusive Sockel - fünf Meter hohe Bronzefigur des Sämanns am Kriegerdenkmal im Wittelsbacherpark. Die im Jahr 1927 errichtete und auf den ersten Blick friedlich wirkende Skulptur stehe in Wahrheit nicht für mahnendes Gedenken und für die Aufforderung zum Frieden, sondern sei ein Ausdruck revanchistischer Gesinnung nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg - also ein Aufruf zum erneuten Krieg.

Nanne Wienands verweist auf das Gedicht, das inmitten der Tafeln mit den Namen der im Ersten Weltkrieg gefallenen Hofer Soldaten prangt. In verkrampfter Lyrik heißt es da: "Helden der Stadt - Ruhende Saat - Mahnen zur Ernte - Künftiger Tat". Darunter ist ein aufgerichtetes Schwert zu sehen. Dafür gibt es nur eine sinnvolle Interpretation: Deutschland habe nach der Niederlage 1918 noch eine Rechnung mit seinen Feinden offen. Mit der "ruhenden Saat" sind die gefallenen Soldaten gemeint, die "Ernte künftiger Tat" steht für neuen - und dann siegreichen - Krieg. "Fast die ganze Anlage atmet diesen Geist von Revanchismus", meint Nanne Wienands. Eine Ausnahme, ergänzt Eva Petermann, sei die Gedenkplatte für die Opfer des Zweiten Weltkriegs, die dem Ensemble später hinzugefügt wurde: "Zur mahnenden Erinnerung an das Sterben von Männern, Frauen und Kindern und an die Tränen von Müttern und Waisen ..." Doch daneben befindet sich ein protziges Eisernes Kreuz, das dem Ganzen wieder einen sehr militaristischen Anstrich gibt.

Der Denkmalkomplex werde der Geschichte nicht gerecht und müsse neu gestaltet werden, fordern Wienands und Petermann. Wichtig sei eine klare Friedensbotschaft, die auch die Bedeutung des geeinten Europas hervorhebt, die Mahnung zur Völkerverständigung - zumal sich gleich gegenüber die Grundschule befindet und täglich Kinder durch den Wittelsbacherpark laufen. "Das Mindeste wäre es", fordert Wienands, "auf einer Schautafel die Denkmalanlage zu erklären und zu kommentieren." Auch der Widerstand gegen die Nazi-Diktatur und das Schicksal der Zwangsarbeiter müssten Erwähnung finden.

 

 

Der Hofer Stadtarchivar Dr. Arnd Kluge hat auf Anfrage der Frankenpost die Einschätzung von Nanne Wienands und Eva Petermann bestätigt: Der Sämann stehe für die "Opfersaat" des deutschen Volkes, für die Revanche nach dem Ersten Weltkrieg. Band elf der Chronik der Stadt Hof, der im Frühjahr erscheint, werde dem Denkmal ein Kapitel widmen.

 

Hindenburg als Hofer Ehrenbürger

Als die Nationalsozia listen 1933 an die Macht kamen, ließen sie umgehend in den deutschen Städten den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zum Ehrenbürger ernennen. Sie hatten allen Grund dazu. Hindenburg, Generalfeldmarschall im Ersten Weltkrieg und verehrt als "Sieger von Tannenberg", hatte im hohen Alter als Reichspräsident am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Auch die Stadt Hof verlieh Hindenburg die Ehrenbürgerwürde. Bis heute ist dieser Beschluss nicht rückgängig gemacht. Dagegen protestiert die VVN-BdA: "Wir fordern den Stadtrat auf, diesen Steigbügelhalter des Faschismus offiziell von der Liste der Ehrenbürger zu streichen", erklärt sie in ihrem "Blauen Flyer".

Hindenburg habe die historische Möglichkeit vertan, Hitler die Machtergreifung zu verwehren. "Er hätte sich weigern können", betonen Nanne Wienands und Eva Petermann. Der Reichspräsident hatte eine schlechte Meinung von Hitler, "doch er hat sich, hochbetagt wie er war und tendenziell senil, dazu drängen lassen, ihn zum Reichskanzler zu ernennen. So hat er entscheidend dazu beigetragen, den Faschismus auf legalem Wege an die Macht zu bringen und Hitler die bürgerlichen Weihen zu verleihen." Viele deutsche Städte, betont Eva Petermann, hätten Hindenburgs Ehrenbürgerschaft längst annulliert, zeitgleich mit der Streichung der Ehrenbürgerwürde Hitlers. Zum Beispiel Frankfurt am Main. In Hof strich der Stadtrat 2007 die Ehrenbürgerschaft des einstigen "Führers", Hindenburg jedoch blieb.

 

Das Hofer Museum

"In unserem Hofer Heimatmuseum kommt die Zeit des sogenannten Dritten Reichs so gut wie nicht vor", kritisieren Nanne Wienands und Eva Petermann. Sie schlagen vor, eine neue Abteilung extra für dieses Thema einzurichten. Ein ganzer Trakt sei zwar dem Thema Flucht und Vertreibung gewidmet. Doch zu den Ursachen und den Verbrechen der NS-Diktatur finde sich kaum etwas. Eine neue Abteilung zu den Jahren 1933 bis 1945 in der Hofer Region könnte zum Beispiel informieren über die KZ-Außenlager, die Todesmärsche, die aus Hof vertriebenen Juden und über die Widerstandskämpfer. "Das zu dokumentieren wäre sicherlich eine größere Sache", sagt Eva Petermann. "Aber andere Städte haben das auch geschafft." Zur Finanzierung gebe es unzählige Stiftungen und Fördermöglichkeiten, die man nutzen könnte - "wenn man nur will".

 

Straßennamen

Noch immer sind im Hofer Ortsteil Krötenbruck Straßen nach den Schriftstellern Walter Flex, Gorch Fock und Hermann Löns benannt. Alle drei, heißt es im "Blauen Flyer" der VVN-BdA, seien "Nazi-Jugend-Idole" gewesen. "Dieses Dreigestirn nutzten die Nationalsozialisten ab 1936 in Deutschland flächendeckend zur Benennung von neuen Straßen", schildert Eva Petermann.

Das berühmte Buch "Seefahrt tut not" von Gorch Fock sei unter den Nazis Pflichtlektüre gewesen. "So einen Autor", meinen Wienands und Petermann, " brauchen wir heute nicht mehr zur Ehrung." Besonders Walter Flex, gestorben 1917, tat sich mit völkischer, kriegsverherrlichender (und übrigens grottenschlechter) Lyrik hervor, wie sie die Nazis schätzten: "Der frische, wilde Junker Tod - Ist unser Kriegskam'rade - Wir folgen seinem Schlachtgebot - Und warten, wen er lade ..." So heißt es in einem Flex-Gedicht mit dem Titel "Volk in Eisen".

Dass die Verfasser solcher und ähnlicher Machwerke heute noch mit Hofer Straßennamen gewürdigt werden, will die VVN-BdA nicht hinnehmen. Sie fordert die Umbenennung: "Schluss mit der offiziellen Ehrung von Kultfiguren der Nazis." Es gebe genug echte Vorbilder als Alternativen, auch aus den Reihen damaliger Schriftsteller und Schriftstellerinnen. Zum Beispiel Grete Weil, eine Gegnerin des NS-Regimes, die sich als Jüdin ab 1943 verstecken musste. Eine Hofer Widerstandskämpferin war Rosa Opitz (geborene Völkel), später SPD-Stadträtin. Im "Dritten Reich" schmuggelte sie Flugblätter. "Es war grandios, was sie sich getraut hat." Als Sozialdemokratin hatte Rosa Opitz "Riesenglück", dass sie überlebte, berichtet Eva Petermann. "Sie schaffte es nur, weil es Leute gab, die ihre schützende Hand über sie hielten."

 

Kommentar

Den "Helden der Stadt" ist das Hofer Ehrenmal im Wittelsbacher Park gewidmet. So steht es auf einer Tafel inmitten der Liste mit den 1442 Namen (!) der Hofer Gefallenen im Ersten Weltkrieg. Überhaupt fehlt der verehrende Hinweis auf "Helden" in kaum einem deutschen Kriegerdenkmal. Der Begriff löst Unbehagen aus. "Helden der Stadt" - darf das so stehen bleiben an einem Ort, wo alljährlich am Volkstrauertag des Gemetzels der beiden Weltkriege und der Opfer unsäglicher Verbrechen gedacht wird?

Versuchen wir eine Definition. Ein Held ist jemand, der sich für das Wohlergehen, vielleicht sogar für das Leben anderer Menschen einsetzt und dabei bewusst das eigene Wohlergehen, das eigene Leben riskiert. Ein Schüler, der sich helfend an die Seite eines gemobbten Mitschülers stellt und in Kauf nimmt, dass er selbst zum Mobbing-Opfer wird, ist ein Held. Die syrischen Weißhelme, die unter Lebensgefahr Verschüttete aus Kriegsruinen holen, sind Helden. Wer im "Dritten Reich" Juden versteckte, hatte Heldenmut. Auch auf den Schlachtfeldern der Weltkriege gab es vieltausendfaches Heldentum. Ich kannte einen ehemaligen SS-Mann, der durch feindlichen Beschuss gekrochen war, um einen Verletzten zu retten. Dabei wurde er selbst schwer verwundet.

Wer aber heute die toten Soldaten pauschal zu Helden erklärt, verklärt den Schrecken der Schlachtfelder, auf denen Millionen Menschen krepierten. Doch genau das tun beispielsweise die Neonazis, die Jahr für Jahr Wunsiedel mit ihrem "Heldengedenken" heimsuchen, einer Ersatzveranstaltung für die früheren Märsche zur Verherrlichung des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß. Sie verleugnen - aus Kalkül oder aus Unwissen -, dass die Masse der deutschen Soldaten Opfer war und zugleich Täter.

Sie waren Opfer, weil ein barbarisches Regime sie und ihre Ideale und Tugenden - Wagemut, Einsatzbereitschaft, Treue und Kameradschaft - skrupellos missbrauchte. Sie waren Täter, weil sie sich allzu oft allzu willig missbrauchen ließen. Sie haben mitgemacht bei den verbrecherischen Angriffskriegen, die unsägliches Leid über andere Länder brachten und schließlich über das eigene Land.

Deshalb ist Heldenverehrung an Gedenkstätten - in Hof wie anderswo - fehl am Platz. Auch deshalb haben Nanne Wienands und Eva Petermann recht, wenn sie fordern, die Anlage im Wittelsbacher Park neu zu gestalten. Das heißt nicht, sie zu beseitigen und zu ersetzen. Das käme einer Zerstörung von Kulturgut gleich, welches eine Geschichtsepoche widerspiegelt, für die es Platz geben muss in unserem Gedächtnis. Notwendig ist es aber, diese unselige Epoche neu einzuordnen, beispielsweise auf einer Schautafel, sie zu erklären und zu kommentieren: Hof, Deutschland und Europa brauchen keine Kriegsheldenverehrung aus vergangenen Jahrzehnten, sondern Frieden. Von Hannes Keltsch

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Hannes Keltsch

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Veröffentlicht am:
02. 01. 2017
10:36 Uhr

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02. 01. 2017
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