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Kulmbach

Wenn das Gehalt vom Geschlecht abhängt

Frauen knüpfen beim Equal-Pay-Day berufliche Netzwerke. Die Lohnlücke zwischen Mann und Frau beträgt 21 Prozent. Die Ungerechtigkeit zieht sich bis ins hohe Alter.



Netzwerken: Beim Speed-Dating im Alpha-Café reden Frauen paarweise für jeweils fünf Minuten über ihren Beruf und knüpfen so Kontakte.	Fotos: Georg Jahreis
Netzwerken: Beim Speed-Dating im Alpha-Café reden Frauen paarweise für jeweils fünf Minuten über ihren Beruf und knüpfen so Kontakte. Fotos: Georg Jahreis  

Kulmbach - Wenn ein Mann für seine Arbeit 1 Euro erhält, bekommt eine Frau dafür nur 79 Cent. "Nur Tschechien und Estland stehen im europäischen Vergleich schlechter da", sagt Heike Söllner, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Kulmbach. Gemeinsam mit dem VdK Kreisverband Kulmbach, dem Mehrgenerationenhaus Mainleus und der Beratungsstelle für Arbeitslose in Kulmbach hat die Gleichstellungsstelle anlässlich des Equal-Pay-Days die Frauen der Region ins Kulmbacher Alpha-Café eingeladen. Die vier Institutionen bilden gemeinsam das Kulmbacher Aktionsbündnis zum Equal-Pay-Day.

An diesem Tag machen Frauen weltweit in besonderem Maße auf die eklatanten Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern aufmerksam. "Den Equal-Pay-Day gibt's bei uns in Kulmbach bereits zum zehnten Mal", sagt Söllner. Dass die Frauen den Tag heuer am 18. März feiern, hat einen besonderen Grund: "Frauen müssten theoretisch über das vergangene Jahr hinaus bis heute, zum 18. März, arbeiten, um das durchschnittliche Vorjahresgehalt der Männer zu erreichen", erklärt Söllner.

Das Alpha-Café ist rappelvoll. Die Frauen frühstücken zunächst gemeinsam und tauschen sich aus. Die Stimmung ist ausgelassen. Obwohl die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern ja eigentlich einen triftigen Grund bietet, erzürnt zu sein. Die wohlige Kaffeehausatmosphäre verschleiert aber keineswegs die Problematik. Im Gegenteil, Heike Söllner spricht sie deutlich an: "Frauen arbeiten häufiger in schlechter bezahlten Berufen. Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit und sind seltener in Führungspositionen." Das Problem spinnt sich durch das gesamte Leben einer Frau. "Auf 45 Erwerbsjahre gerechnet, erhält eine Frau über 130 000 Euro weniger Rente als ein Mann. Altersarmut ist vor allem weiblich", sagt Söllner.

Jede Café-Besucherin findet auf ihrem Platz eine rote Equal-Pay-Day-Tasche, als kleines Präsent, das gleichzeitig als eine Art Warnschild fungiert. "Mit der Tasche gehen Sie heute auf jeden Fall einkaufen", sagt Söllner mit einem Lächeln. "Die rote Tasche steht für die roten Zahlen in den Geldbeuteln der Frauen", erklärt die Gleichstellungsbeauftragte.

Nach dem Frühstück beginnt das Speed-Dating für Frauen. Dabei geht es nicht etwa um das Anbahnen erotischer Beziehungen, sondern ums berufliche Netzwerken. "Männer tun das bereits vielfach in ihrem Beruf. Für Frauen ist das schwieriger, da sie oft zusätzlich durch die Kindererziehung oder gar durch die Pflege eines Angehörigen mehrfach gefordert sind. Das Netzwerken ist aber entscheidend, um beruflich weiter zu kommen", sagt Söllner.

Daher organisiert das Aktionsbündnis heute ein Speed-Networking für Frauen. Im Fünf-Minuten-Takt bilden die Frauen Gesprächspaare, reden über ihren Beruf, ihre Ausbildung und Kompetenzen. Immer wenn Heike Söllner auf einen Gong schlägt, wechseln die Frauen ihren Platz sowie die Gesprächspartnerin.

Eine der jüngeren Teilnehmerinnen ist Corinna Stenzel aus Kulmbach. "Ich bin gerade mit meinem Studium und meiner Ausbildung zur systemischen Beraterin und zum Coach fertig. Ich habe in Bamberg Erwachsenenbildung/Weiterbildung studiert. Jetzt bin ich auf Jobsuche und deshalb hier", sagt die 28-Jährige. Sie ergänzt: "Ich kann nur alle Frauen ermuntern, selbstbewusst in ein Vorstellungsgespräch zu gehen und die eigenen Gehaltsvorstellungen klar zu formulieren. Ich habe damit bislang selbst gute Erfahrungen gemacht."

Trotz aller Ungerechtigkeit sieht Heike Söllner aber auch positive Entwicklungen. "Für jüngere Generationen sind heute gewisse Dinge viel selbstverständlicher als für ältere, zum Beispiel, dass Eltern ein Studium der Tochter fördern. Viele Väter von heute haben eine bessere, engere Beziehung zu ihren Kindern. Doch die Arbeitswelt muss mit flexibleren Arbeitszeitmodellen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Erziehung nicht überwiegend Aufgabe der Frauen bleibt, so wie das heute noch ist", sagt Söllner. Die Aufgaben einer Familie gelte es zwischen Mann und Frau partnerschaftlich zu teilen.

Die Gesellschaft entwickelt sich laut Söllner in Sachen Gleichberechtigung aber nicht nur in die richtige Richtung: "Ich habe ein bisschen Angst, dass Fernsehsendungen wie 'Germany's next Topmodel' oder ' Der Bachelor' wieder ein altes Frauenbild zementieren können."

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Georg Jahreis

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Veröffentlicht am:
19. 03. 2017
18:19 Uhr

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19. 03. 2017
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