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Es werde Licht – eine Schöpfungsgeschichte

Oratorienkonzert | Die Hofer St. Michaeliskantorei erzählt in Mendelssohns „Paulus“ tiefsinnig von OffenbarungundBekenntnis.
Von Michael Thumser
  • fpku_konzert2_6sp_261009 Eindrucksvoll-stattliches Ensemble voll Sanftheit aber auch anklagender Schärfe: die St. Michaeliskantorei Hof. Fotos: Hermann Kauper
     
  • fpku_kantorei1_6sp_261009 Frauliche Note im Oratorium: die Sopranistin Anne Ellersiek mit Dirigent Georg Stanek.
     
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Hof - Am Anfang steht ein Mord. "Voll Glauben und Kräften" wirkt Stephanus, der Jünger Jesu, mitmenschlich im Volk, doch all der Wunder ungeachtet, die er im Namen des Gekreuzigten tat, steinigen ihn die Juden - der erste Märtyrer des neuen Glaubens.

Am Anfang steht das Wort. Stephanus hat Jesus als den Christus gepredigt, den Gesalbten des Herrn. Wenig später modelt sich ein junger Mann, der bis dato die Gemeinde wütend verfolgte, seinerseits zum Verkünder der umstürzenden Lehre um: Vor Damaskus wird ihm, in gleißender Helligkeit, Offenbarung und Bekehrung zuteil. Der biblische Bericht davon, wie aus Saulus der Apostel Paulus erwächst, klingt im Neuen Testament und in Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium wie eine Art Schöpfungsgeschichte: Am Anfang ist das Licht.

Todesmutiger Prediger

In der Hofer St. Michaeliskirche, wo das große, schöne und tiefe Werk am Samstag nach langen Jahren wieder zu hören war und am Ende von den zahlreichen, ergriffenen Zuhörern stehend beklatscht wurde, übernimmt Wieland Satter, früher Bassist am Theater der Stadt, die Titelrolle des Gewandelten: Satt und kernig eifert er zunächst im Dienst der alten Religion; kommt dann, "geängstet und zerschlagen", zur Besinnung; und tritt schließlich, mit bebender Stimme, als todesmutiger Prediger unter die "Heiden" - ein beeindruckender Gestaltwechsel. Das Licht von Damaskus macht das Wort zu seinem Beruf: "Herr, tue meine Lippen auf", betet Paulus - und bleibt nicht
unerhört. Stephanus hingegen: Ihm ist aufgetragen, gleich eingangs das Leben zu lassen; Erwin Feith, als Tenor eher baritonal veranlagt, gibt den letzten Atemzügen einen linden Klang aus Tod und Verklärung.

Entsprechend salbungsvoll hat Georg Stanek, Stadt- und Dekanatskantor, mit der Ouvertüre das Werk eröffnet. Dicht und - von einigen Rezitativen abgesehen - präzis, vielfach plastisch agieren die Hofer Symphoniker. Den delikaten Farbenspielen der Partitur spüren sie transparent und sorgsam, mit Sinn für Übergänge und Wechselfälle nach, lassen helle Couleurs schimmern - namentlich in den Flöten, überhaupt im wunderbaren Holz - und tragen Dunkeltöne pastos, doch nie zäh auf.

Die St. Michaeliskantorei, in der Hälfte der Nummern gefordert, steht da nicht zurück. Nach einigen schwierigen Jahren präsentiert sich das Ensemble wieder eindrucksvoll stattlich: An verlässlichen Kräften herrscht kein Mangel, und die Soprane, mit Atemluft und Lungenkraft für alle Höhen, haben sich durch einige junge Kräfte vorteilhaft verstärkt. Halbhell und fest machen sich Alt und Tenor verständlich; nur dem Bass-Fundament fehlt Festigkeit. Schon zahlenmäßig herrscht unter Männern und Frauen kein Gleichgewicht, wohl Grund dafür, dass die Volkschöre nicht durchweg voll durchschlagen. Freilich fehlt es den Vokalisten nicht an anklagender Schärfe ("Steiniget ihn!") - eine Heftigkeit, der sie wirkungsvoll die Sanftheit von Seligpreisung, Choralgebet, ätherischer Meditation entgegenhalten. Zwar gerät den Damen die Stimme Christi aus dem Himmelsglanz vor Damaskus zunächst etwas blass; Strahlkraft indes gewinnt der Chor beim Kernappell des ganzen Werks: "Mache dich auf! Werde Licht!"

Bevorzugt kehrt Georg Stanek mit schlanken Dirigier-Bewegungen die kontemplativen Seiten des Oratoriums hervor. Spannungs- und stimmungsreich folgt er der vornehmlich lyrischen Dramaturgie. Gemäßigt, nicht verschleppend wählt er die Tempi. Zeit zum Hören und Besinnen lässt er so den Sängern, den Instrumentalisten, dem Publikum - und Anne Ellersiek. Die Sopranistin trägt, neben der Alt-Kollegin Susanne Klare, die Mendelssohn-typische Note der Fraulichkeit in die Musik. Schon in den Rezitativen deutet sie bezwingend eine Gestaltungskraft an, die erst recht ihre Arien gehaltvoll und ungemein wohllautend durchzieht.

Schöpfertrost

Nach Jerusalem, den Tod gewärtigend, segelt Paulus am Ende davon. Irgendwann wird man auch ihn ermorden. In unseren Zeiten und Breiten bleibt dem Gläubigen solches Martyrium erspart. Sein Damaskus aber erlebt jeder irgendwann doch. Dann spricht einem dies Werk, auch die Hofer Aufführung den Schöpfertrost eines Anfangs zu: Es werde Licht.

    
    

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