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Eine Zeit zwischen Panik, Paranoia und Pein

Nachlese | Bei den Grenzland-Filmtagen in Selb faszinieren eindringliche bis verstörende Beiträge über familiäres Schweigen, Krankheit und Drogensucht.
Von Andrea Herdegen
  • Florian Eichinger und Martin Schleiß Mit dem Spielfilm "Bergfest" hat Regisseur Florian Eichinger ein eindringliches Kammerspiel mit hoher emotionaler Dichte entworfen. Zusammen mit Darsteller Martin Schleiß (rechts) beantwortete er in Selb die Fragen der Zuschauer.
    Andrea Herdegen
  • Dagmar Franke Zufriedene Festivalleiterin Dagmar Franke.
    Andrea Herdegen
Bild von
Selb
- "Grenzen überwinden" dieser Leitgedanke steht für den neuen Weg, den die Macher der Selber Grenzland-Filmtage konsequent weitergehen wollen. "Und es hat in diesem Jahr prima geklappt", freut sich Festivalleiterin Dagmar Franke. "Die Filmemacher haben sich an diesem Motiv orientiert, und wir konnten somit eine breit gefächerte, anspruchsvolle Auswahl anbieten." Mit der Zuschauerresonanz zeigt sie sich zufrieden: "Es war immer etwas los im Kino." Enttäuscht ist sie lediglich, dass das hervorragend zusammengestellte Kinderprogramm kaum angenommen wurde.

Dagmar Franke lobt auch ihre Filmtage-Team als eine engagierte Gruppe, die Hand in Hand arbeite. Und besonders freut sie sich über die große Unterstützung der Veranstaltung, bei der unter ande-
rem mehrere Filme über Konflikte in der Familie gezeigt wurden.

Vorsichtige Annäherung

Der verlorene Sohn kehrt zurück: Auf einer Berghütte trifft Hannes mit seinem Vater nach Jahren der Distanzierung wieder zusammen. Der alternde Theaterregisseur scheint verändert, dessen junge Freundin Lavina versteht sich gut mit Hannes' Verlobter Ann. Es kommt zu einer vorsichtigen Annäherung, aber die Schatten der Vergangenheit verdunkeln die gemeinsame Zeit.

Im Spielfilm "Bergfest" wird nach und nach das familiäre Schweigen gebrochen, die Protagonisten bewegen sich über ihre selbst gesetzten Grenzen hinaus - verstörende Abgründe tun sich auf. Regisseur Florian Eichinger hat ein eindringliches Kammerspiel mit hoher emotionaler Dichte entworfen. Seine Intention war es, tief in das Innerste der Hauptfiguren vorzudringen. Dies gelingt gerade auch durch hervorragende Darsteller - insbesondere durch das entschiedene Spiel von Peter Kurth als Vater.

Eine ratlose Familie steht im Mittelpunkt des ersten Langfilms von Burkhard Feige, "U.F.O." Ohnmächtig müssen der Vater und die beiden Söhne zusehen, wie die Mutter langsam den Bezug zur Realität verliert und unter krankhaften Wahnvorstellungen leidet. Oder weiß sie nur mehr als alle anderen? Es sind die achtziger Jahre, in die der Regisseur seine Zuschauer mit detailverliebter Ausstattung und authentischen Soundtrack führt, in die Ära nach dem Challenger-Unglück und kurz nach dem Super-Gau von Tschernobyl. Es ist eine Zeit zwischen Panik, Paranoia und Verschwörungstheorien.

Der Jungregisseur thematisiert das Krankheitsbild Psychose emphatisch. Er kennt sich aus: Der Hintergrund zu diesem Film ist autobiografisch. Es ist Burkhard Feige wichtig, die Machtlosigkeit der Angehörigen zu zeigen, sobald diese psychische Störung aufflackert. "Man ist bereit, alles Mögliche zu akzeptieren, nur diese Krankheit nicht", sagt er und hofft, über seine - durchaus auch unterhaltsame - Geschichte Zuschauer zu erreichen, die keinen Bezug zu dieser Erkrankung haben.

Machtlos ist auch die Familie von Sarah, einer langjährigen Drogenkonsumentin. Denn Hilfe und gute Ratschläge nimmt sie nicht an. Der Dokumentarfilm "Ich bin's, Sarah" aus der Schweiz gibt fragmentarische, radikale Einblicke in das exzessive Leben der jungen Frau - von ihr selbst gefilmt. Aus hundert Stunden Videomaterial hat Regisseur Christoph Rahm einen tabulosen Zusammenschnitt gewagt, in Interviews finden auch Sarahs Angehörigen Worte.

Erklärungsversuch

Der Zuschauer ist dabei, wenn Sarah verzweifelt versucht, sich einen Schuss zu setzen und die Vene nicht findet. Er erfährt von ihren Empfindungen, wenn sie wieder einmal eine Therapie beginnt. Und er muss ertragen, wie die junge Frau am Boden zerstört ist, als sie erfährt, dass zwei geliebte Freunde - ebenfalls jung und drogensüchtig - gestorben sind. Tief berührt auch der Erklärungsversuch von Sarah: "Ich nehme Drogen, weil ich meine Gefühle sonst nicht aushalten kann."

    
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