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Zweierlei Arten, ein Buch zu verschlingen

Von Michael Thumser

Ist es ein Mensch, ist es ein Tier? Auch Hektor Haarkötter legt sich nicht fest: In seinem Buch "Der Bücherwurm" weist er nach, dass es viele Spielarten solcher Lebewesen gibt. Zum einen sind da die ausdauernden, lustvollen Leser, die nach dem nächsten Buch greifen, kaum dass sie das eine durchgeschmökert haben; "besondere" Leser nennt Haarkötter sie. Ihnen widmet er sein reizvoll ausgestattetes Bänchen, in dessen zweitem Teil er sie näher unter die Lupe nimmt. Auch selbst gehört er jenen "Besonderen" zu: Recherchierend hat der 42-jährige Autor staunenswert viel gelesen über sein nach allerlei Richtungen auszweigendes Interessensgebiet; mit entsprechend zahlreichen Details überrascht er seine Leser.

Ihnen stellt er in den ersten Kapiteln den Bücherwurm als zoologische Spezies vor: wobei zu den grundlegenden Erkenntnissen zählt, dass es sich statt um eine einzige Tierart um mehrere Arten handelt. Nagekäfer, Holzwurm, Termite, Speck- und Brotkäfer, Motte, Silberfischchen ... Sie alle - und noch mehr - machen sich in Bibliotheken gefräßig über Papier und Buchdeckel, Leder- und Leinenrücken, nicht zuletzt über den Leim des schwarz auf weiß fest- und zusammengehaltenen Wissens her. Zusätzlichen Schaden richten sie an, indem sie, was sie an Resten übrig lassen, achtlos durch ekle Exkremente beschmutzen.

Aber auch auf den bedenkenswerten Umstand verweist Haarkötter, dass desgleichen beim Menschen Metaphern des Verzehrs herhalten müssen, um seinen Appetit auf Literatur zu beschreiben; den Schriftsteller Ulrich Holbein zitiert er: "Krimis werden verschlungen, Pflichtlektüre wird durchgekaut. Philosophische Traktate sind schwer verdaulich. Weltliteratur wird geistige Nahrung genannt. Der Leser verspürt Lesehunger." Besagten Kohldampf stillte auch der Dichter Gotthold Ephraim Lessing reichlich, der den Bücherwurm als Typus und Begriff in die Literatur einführte (mit der Jugendkomödie "Der junge Gelehrte"). Zu einer Zeit tat er's, als der Buchmarkt boomte und die Zahl der Leser exponentiell zunahm, so dass - wohlgemerkt im Zeitalter der Aufklärung - warnende Stimmen forderten, die immer zügellosere Leselust auf ein züchtig-tugendsames Maß zurückzuführen.

So balanciert Haarkötters Buch elegant zwischen Kulturbetrachtung und Kulinarik. Zoologie betreibt es, Soziologie - und ist doch selbst ein Stück Literatur: weil es sowohl kenntnisreich als auch stilvoll und stets ironisch erzählt. Mit entsprechend leichter Feder, aber auch mit tiefen Gedanken arbeitet sich Haarkötter vor bis zum Nazi, der Bücher verbrennt (ist er ein Mensch, ist er ein Tier?), bis zum genetischen Code - dem Buch des Lebens, geschrieben allein aus den Buchstaben A, C, T und G -, bis zur scheinbaren Ablösung des Buches durch die Neuen Medien. Unterhaltsam fügt der Autor den mancherlei Facetten seiner Übersicht noch jene bei: eine Geschichte des Leseverhaltens zu sein. Und natürlich lässt er das alte Medium nicht unerwähnt, in dem das Buch als Mitteilungsmittel und die feine Speise als Nahrungsmittel sich am einverständigsten vermählen: das Kochbuch.

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Hektor Haarkötter: Der Bücherwurm. Primus-Verlag, 144 Seiten, gebunden, 12,90 Euro.

    
    

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