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Genie im Zwischenreich

Chorkonzert | Zwei Beethoven-Raritäten mit der Hofer St. Michaeliskantorei
Von Michael Thumser
  • fpku_kantorei Klangvolle Gemeinschaftsarbeit: Die Kantorei musizierte mit dem Chor der Bayreuther Hochschule für evangelische Kirchenmusik, den Hofer Symphonikern und vier Solisten Foto: Michael Giegold
     
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HofWenn einer ein Genie ist: Kann es dann „Nebenwerke“ von ihm geben? Auch wer dem großen Ludwig van Beethoven die Gnade einzigartiger Erleuchtung zuspricht, wird zugeben, dass selbst ihm nicht alles gleich grandios gelang und dass es Werke gibt, die im Schatten anderer, bedeutenderer stehen.

Zwei davon, ein instrumentales und ein chorsymphonisches, spannten die Hofer St. Michaeliskantorei und der Chor der Hochschule für evangelische Kirchenmusik aus Bayreuth, die Symphoniker und der Hofer Stadt- und Dekanatskantor Georg Stanek zum fesselnd ungewöhnlichen Konzertabend zusammen: Am Sonntag in St. Michaelis (wie tags zuvor schon in Bayreuth) offerierten die hervorragend einstudierten Ensembles den gut 600 – am Schluss stehend applaudierenden – Zuhörern zwar keine kompositorischen Geniestreiche, doch allemal Tonschöpfungen von tiefem Sinn und hoher Schönheit.

Kirchenmusik? Oder einfach Musik in der Kirche? Mit dem Tripelkonzert opus 56 erklingt in dem Gotteshaus ein Stück, dem man sonst im Konzertsaal begegnet; für eben den scheint desgleichen die Messe opus 86 vorgesehen, mit der Beethoven sich den verbreiteten Mustern der Vokalliturgie entzog. Mithin: ein Programm der Übergänge.

Fürs Konzert versammeln sich Sören Uhde, Julius Berger und der Rehauer Wolfgang Döberlein vor dem Orchester – und demonstrieren, wie sich klangsinniger Selbstwert und solistische Grandezza jedes Einzelnen mit partnerschaftlicher Kammermusikalität und symphonischer Fülle verknüpfen lassen. Uhdes Geige, urwüchsig und rein intoniert, schwebt über dem Geschehen; Bergers Cello verbreitet in tiefen wie in hohen Lagen einen saftigen, expressiv bewegenden Ton; der Flügel unter Döberleins Händen eröffnet in der ungewohnten Hallenakustik einen seltsam eigenen, schimmernden Klang-Zwischenraum. Orchesterinstrumente, das Horn etwa, gesellen sich phasenweise zu den dreien. Inbrunst, wie im zweiten Satz, fehlt der Darbietung nicht; vor allem aber erfassen die Interpreten die Vitalität und Bodenhaftung des Werks, das nirgends – schon gar nicht in der Schluss-Polonaise – nach Vergeistigung oder gar geistlichem Höhenflug strebt.

Dem Himmel wendet sich sodann die Messe zu; doch kaum je als weltfern wegdämmernde Meditationsmusik stimmt der kolossale Chor die Sätze an. In den Mezzo- und Forteregistern reich schattiert (und gelegentlich auch zu wahrem Piano sich mäßigend), halten die Vokalisten sich in den Höhen von Gipfelängsten frei und vermeiden Basisschwächen in den Tiefen; eindrucksvoll auch das Mittelfeld: das runde Timbre der Alte, die klaren Linien im Tenor. Auf starke Kontrastierung, unmissverständliche Akzente schwört Kantor Stanek (und, in Bayreuth, Karl Rathgeber) die Sänger ein: Mächtig gelingen denn auch die zahlreichen Ausbrüche, eindringlich, oft wie erschrocken die Momente plötzlicher Verhaltenheit. Leicht setzt sich der Chor mit seiner in Heftig- wie Nachdenklichkeiten kultivierten, substanziellen Stimmkraft gegen das Orchester durch, das seinerseits, strukturbewusst und inspiriert, ohne Blässe Rücksicht nimmt.

Eine Chormesse; die vier Solisten stehen kaum einmal für sich, sondern agieren gewissermaßen als Vorsänger, Tonangeber, Weiterdenker. Ursula Eittinger führt mit ihrem füllig ausgereiften Alt die Kollegen an: die Sopranistin Monika Frimmer, den Tenor Jörg Brückner und Wolfgang Newerla als Bass. In den Quartett-Passagen treffen sie sich in der Harmonie von Schmelz und Salbung.

Haupt- oder Nebenwerk? Egal; jedenfalls eine Konzertsaal-Messe von eigenem Wert und höherer Geltung. Indem sie, eine dramatische Dreiviertelstunde lang, von Andacht und Zerknirschung, Gnade und Erleuchtung spricht, meint sie die Kirche, nicht als Sakralbau, sondern als Idee des Übergangs: als Schnittstelle zwischen Welt und Himmel.

    
    

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