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Burn-out und die Kunst, sich zu erholen

Eine ungewöhnliche Erklärung für das massenhafte Ausbrennen von Menschen hat Dr. Thomas Polednitschek. "Wir müssen wieder lernen, zu uns selbst zu kommen", sagt der Philosoph aus Münster und bemüht den Denker René Descartes.

Von Beate Franz
  • "Die größte Lust, die im Leben möglich ist": Dr. Thomas Polednitschek beim Tag der Naturheilkunde in Hof. 	Foto: Hermann Kauper "Die größte Lust, die im Leben möglich ist": Dr. Thomas Polednitschek beim Tag der Naturheilkunde in Hof. Foto: Hermann Kauper
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Hof - Auch wenn die Geschäfte in Hof gestern geöffnet waren: Dr. Thomas Polednitschek hält ein leidenschaftliches Plädoyer für die Sonntagsruhe. Im voll besetzten Veranstatungsraum der Münch-Ferber-Villa erklärt der Theologe und Psychotherapeut, warum. Der philosophische Praktiker aus Münster ist Hauptredner beim Naturheilkunde-Tag am Samstag in Hof. Sein Thema: "René Descartes - oder wie wir dem Burn-out vorbeugen können." Sein Vortrag gilt somit ausdrücklich auch den Menschen, die bisher von einem Burn-out verschont geblieben sind.

Polednitscheks These: "Das Problem ist nicht das Ausgebranntsein, sondern das Ausgetrocknet-Sein der Seele." Zu erkennen sei dies an der "Unfähigkeit, sich zu erholen". Das sei ein Alarmsignal, betont der 59-Jährige, der in seiner Heimatstadt eine philosophische Praxis betreibt. Dort berät er Ratsuchende, indem er sie zum Denken einlädt.

Einer seiner Klienten sei ein Jungunternehmer, der sich darüber gewundert habe, warum er montags immer so müde sei, obwohl er doch den ganzen Sonntag gefaulenzt habe, erzählt Polednitschek. "Es stellte sich heraus, dass er sonntags oft bis 18 Uhr mit seiner Freundin im Bett verbringt, dann lässt er sich vom Pizzaservice das Essen bringen und abends gibt's den Tatort oder einen Film auf DVD."

Der junge Mann stehe stellvertretend für viele, die Erholung mit Abschalten verwechselten. Aber das sei nicht das gleiche. "Sie schalten in dem Moment ab, in dem Sie den Fernseher einschalten." Von der Kunst zur Erholung, die zu den Artes vivendi, den Lebenkünsten, zähle, sei Abschalten weit entfernt.

Erholung bedeute, sich selbst wieder einzusammeln und zur Ruhe zu kommen. Das könne für den einen ein kleiner Abendspaziergang sein, für den anderen die Lektüre eines Buches oder einer Zeitung. Manche kämen beim Angeln zur Ruhe, andere beim Pilgern oder beim Handarbeiten. "Der Königsweg, um Seele und Geist zur Ruhe zu bringen und zu sich selbst wieder in Beziehung zu kommen, ist die Meditation", betont Thomas Polednitschek. Er nennt sie den "Seelenschlüssel". Mit einem Nietzsche-Zitat unterstreicht er seine Aussage: "Alles gackert, aber wer will noch still auf dem Neste sitzen und brüten?"

In der Ruhelosigkeit, der Reizüberflutung, dem Leben auf der Überholspur, dem exzessiven Surfen im Internet, der ständigen Erreichbarkeit sieht er Gründe, die zu einem Austrocknen der Seele führen und "zur millionenfachen Erschöpfung in Europa". Unsere Gesellschaft sei zwar "informiert, aber nicht inspiriert".

René Descartes, Philosoph, Denker und Wissenschaftler der frühen Neuzeit habe als Erster erkannt: "Ich denke, also bin ich." Allerdings werde er heute sehr oft missverstanden. Descartes habe nicht das Denken im heutigen Sinne von Nachdenken gemeint. Vielmehr sei es dem berühmten Wissenschaftler um das gegangen, was im Lateinischen mit "perspicere" beschrieben werde - zu deutsch: erfassen, begreifen, wahrnehmen. "Daran sind Herz und Wille beteiligt und nicht nur der Kopf", erklärt Polednitschek. "Inspiriertes Denken" im Sinne von Descartes sei eine Sache der Kontemplation. "Und aus der Kontemplation kann die größte Lust gewonnen werden, die im Leben möglich ist." Inspiriertes Denken sei "Wasser für die Seele, eine Quelle der Lebensfreude".

Und darum sei es so wichtig, die Sonntagsruhe zu erhalten, betont der Philosoph aus Münster. Das Gesetz dafür stamme aus der Zeit der Weimarer Republik. Dort heiße es: "Der Sonntag dient der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung." Das Bundesverfassungsgericht habe dieses Recht erst im August bestärkt. "Die Sonntagsruhe spart jede Menge Kosten, weil sie, richtig verstanden, verhindern kann, dass Menschen durch Burn-out monatelang arbeitsunfähig werden."

Unsere Gesellschaft ist zwar informiert, aber nicht inspiriert

Dr. Thomas Polednitschek


Zum Weiterlesen

Am Thema Interessierten empfiehlt Thomas Polednitschek "Das kleine Buch der inneren Ruhe", von Gerd B. Achenbach. Achenbach gilt als Gründer der philosophischen Praxis. Das Buch ist 2010 im Herder-Verlag, Freiburg, erschienen, 8,95 Euro, ISBN 978-3-451-06117-2.


    
    

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