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KRIMINALGESCHICHTE GESCHRIEBEN
Münchberger Kommissar überführt Serienmörder gleich doppelt

Mit fünf setzte ihn seine Mutter am Hofer Bahnhof aus, Jahre später wurde er zum Serienmörder, einer der gefährlichsten Deutschlands. Überführt hat ihn Josef Wilfing aus Münchberg, der bei der Verfilmung des Falls auch sich selbst spielte.

Von Elfriede Schneider
  • fpnd_ThemaDesTages_1sp_281107 "Hof konkret" kämpft für die Kultur
     
  • Der Kommissar als Hauptdarsteller: Josef Wilfling, Leiter der Mordkommission in München (links), spielt in dem Film über den Serienmörder Horst David ,,Der Mann, dem die Frauen vertrauten" sich selbst. Das Foto zeigt ihn bei den Dreharbeiten zusammen mit Hauptdarsteller Ulrich Tukur (Mitte) und Regisseur Walter Harrich.
    NDR
Bild von
 München Als der 19-jährige Josef Wilfling im Herbst 1966 mit dem Zug von Münchberg zur Polizeiausbildung nach Würzburg fährt, ist er sich sicher, bald wieder daheim zu sein. Doch es kommt anders. Wilflings Weg führt weiter nach München – und er macht eine Karriere, die er sich als junger Bereitschaftspolizist nie vorgestellt hätte. Heute ist Wilfling Leiter des Münchner Mordkommissariats und einer der bekanntesten Polizisten Deutschlands.

Er war sogar Darsteller in einem Fernsehfilm des NDR. In „Der Mann, dem die Frauen vertrauten“ ging es um Wilflings spektakulärsten Fall, den des Frauenmörders Horst David. Sieben Morde hat dieser gestanden, doch der Kommissar ist sich sicher, dass David noch weit mehr Frauen auf dem Gewissen hat. „Ich halte David für den schlimmsten Serienmörder in Deutschland.“

Wilfling hat mit dem Fall Kriminalgeschichte geschrieben, denn an David hatten sich vorher mehrere Kollegen die Zähne ausgebissen. Der in Regensburg unauffällig lebende Handwerker gilt in der Nachbarschaft als hilfsbereiter Kavalier, der Briefmarken sammelt und Akkordeon spielt. Als 1994 eine alte Dame in der Nachbarschaft erdrosselt wird, gerät er zwar unter Verdacht, doch die Polizei in Regensburg kann ihm nichts nachweisen. Im Zuge dieser Ermittlungen stellt sich jedoch heraus, dass Davids Fingerabdruck in der Wohnung einer vor 20 Jahren in München ermordeten Prostituierten registriert ist. Ein computergesteuertes Spurenauswertungssystem, das damals erstmals eingesetzt wird, gibt den entscheidenden Hinweis.

Josef Wilfling gelingt es bei einem bewusst belanglosen Verhör, den Mann zum Reden zu bringen. David gesteht nicht nur den Mord an der Prostituierten und der Rentnerin, sondern gleich noch fünf weitere Fälle, von denen drei nicht einmal als Mord erkannt waren. Erst als ein Anwalt ihm rät, nichts mehr zu sagen, bricht er ab und schweigt seitdem.

David, verheiratet und Vater zweier Söhne, galt daheim als unbescholtener Handwerker und Gentleman der alten Schule, doch er führte ein Doppelleben. Immer wieder verjubelte er das mit Schwarzarbeit verdiente Geld in den Rotlichtvierteln anderer Städte.

„Überall hat er sich rumgetrieben“, sagt Wilfling. Habgier sei wohl das Motiv für die Morde gewesen. Der biedere Handwerker habe Geld gebraucht, um sich im Bahnhofsmilieu als Mann von Welt aufzuspielen. Wie bei vielen Menschen, die straffällig werden, hat David in seiner Kindheit Schlimmes erlebt. Die Mutter setzt den Fünfjährigen mit einem Schild um den Hals im Hofer Bahnhof aus, aufgewachsen ist er in einem Waisenhaus.

In die Leute hineinversetzen

Bei Mordermittlungen könne einer allein nichts bewirken, sagt der erfahrene Kriminaler. Nur ein Team von Spezialisten komme weiter. Wilflings Stärke ist die Vernehmung: „Die psychologische Auseinandersetzung mit den Tätern macht mir Spaß. Ich denke, ich kann mich in die Leute hineinversetzen.“ Brüllen und unter Druck setzen seien nur im Krimi erfolgreich. Im wirklichen Leben habe man mit der harten Tour wenig Erfolg. „Man darf eines nicht vergessen: Die Leute kämpfen im Verhör um ihr Leben.“ Andererseits seien viele froh, wenn sie endlich reinen Tisch machen könnten.

Am 31. Januar 2009 wird Wilfling in Pension gehen. „Ich habe mein Handwerk von der Pike auf gelernt“, sagt er rückblickend. Er ging auf Streife, regelte den Verkehr, arbeitete als Zivilfahnder und als Spezialist für Jugendkriminalität und studierte nebenbei an der Fachhochschule. Als er 1970 beim Feuer im jüdischen Altenheim in München, bei dem sieben Menschen nach Brandstiftung umkommen, die Toten sieht, schwört er sich, gegen Gewalt zu arbeiten. 1987 kommt er zur Mordkommission, seit 2002 ist er deren Leiter. „Diese Stelle ist eine Ehre“, sagt er, „denn wir sind eine Elitedienststelle mit hoher Aufklärungsquote.“ 95 Prozent aller Morde in München werden geklärt, deren Zahl sinkt stetig.

Im Ruhestand will Wilfling mit seiner aus Weißdorf stammenden Frau mehr wandern und radfahren und alles langsamer angehen lassen. Dann will er auch öfter mal wieder nach Münchberg kommen, „denn die Stadt ist und bleibt meine Heimatstadt“. 1947 wird er dort geboren, seine Eltern sind Heimatvertriebene aus dem Egerland, er hat vier Geschwister. „Ich hatte eine sehr, sehr schöne Kindheit“, erzählt er, „ich denke gerne zurück.“ Er besucht die Kreuzbergschule und danach die Mittelschule in Helmbrechts.

Nach der Mittleren Reife im Jahr 1964 weiß er nicht recht, was er werden soll. Dieser Unentschiedenheit macht die Mutter ein Ende und meldet ihren Sohn für den Polizeidienst an. Er besteht die Prüfung, wird genommen und sagt heute, dass er diese Berufsentscheidung keine Sekunde bereut habe. Die Ausbildung habe er von Anfang an genossen, weil es sehr gerecht zugegangen sei. „Auf einmal war ich nicht mehr das Flüchtlingskind, sondern es zählte nur noch die Leistung.“

    
    

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