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65.000 in Chemnitz bei Konzert gegen Rechts

Nach einer Woche des Hasses mit Hooligan- und AfD-Demos in Chemnitz haben prominente Bands zum Gegenprotest aufgerufen. Unter dem Motto «#wirsindmehr» spielen Kraftklub und andere ein Konzert. Es wird ein beeindruckendes Statement.



Campino
Sänger Campino von der Rockband «Die Toten Hosen»: «Hoffentlich nur ein Anlauf, für alles, was noch kommt!»   Foto: Sebastian Kahnert » zu den Bildern

Als die Trauer um einen Getöteten in Chemnitz von Hooligans und Rechtsextremisten ausgenutzt wird, als Bilder bedrohlicher Aufmärsche um die Welt gehen, greift Felix Brummer zum Telefon. Der Frontmann der Chemnitzer Band Kraftklub ruft befreundete Musiker-Kollegen an.

Sie wollen ein Zeichen setzen. Unter dem Motto «#wirsindmehr» rufen sie zu einem Gratis-Konzert gegen Rassismus und rechte Gewalt auf. Wie viele Menschen dazu nach Chemnitz kommen werden, ist ungewiss. 10.000, vielleicht 20.000? Doch noch bevor am Montagabend auf dem Platz vor der Johanniskirche die ersten Takte gespielt werden, ist klar: Sie sind wirklich mehr. Auf 65.000 schätzt die Stadt am Ende die Besucherzahl.

Anna (20) ist aus Görlitz gekommen, stammt aber eigentlich aus dem Umland von Chemnitz. «Ich will zeigen, dass es nicht okay ist, dass heutzutage Leute mit Hitlergruß und Naziparolen durch welche Stadt auch immer laufen», sagt die Studentin. Sie sei eindeutig wegen der Botschaft des Konzertes gekommen, nicht nur wegen der Musik. «Das Bild von Sachsen ist jetzt natürlich negativ. Es gibt sicher viele, die denken, alle Sachsen sind Nazis. Darum ist es wichtig, dass so etwas auf die Beine gestellt wird. Ich hoffe, dass darüber genauso berichtet wird, wie über die Ereignisse der vergangenen Woche.»

Kraftklub-Sänger Brummer sagt: «Wir geben uns nicht der Illusion hin, dass man ein Konzert macht und dann ist die Welt gerettet.» Aber: «Manchmal ist es wichtig, zu zeigen, dass man nicht allein ist.» Unterstützt werden Kraftklub auf der Bühne von dem aus Chemnitz stammenden Trettmann, von Marteria und Casper, K.I.Z, von der Punk-Band Feine Sahne Fischfilet und den Toten Hosen.

«Bevor ihr das Volk sein wollt, versucht doch erstmal, Mensch zu sein», steht auf einem selbstgemalten Schild, mit dem Laura (22) im Publikum steht. Die Studentin ist mit ihrer Freundin Janina (30) aus Berlin nach Chemnitz gekommen. «Es ist wichtig, nicht nur zu Hause zu sitzen und Likes auf Instagram zu verteilen», sagt Laura. Und Janina ergänzt, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit seien kein reines Sachsen-Problem. «Ich komme ursprünglich aus Bayern. Jedes Bundesland hat ein Problem.» Dass erst prominente Bands die 65.000 Menschen vor der Johanniskirche möglich gemacht haben, finden beide in Ordnung. Es sei gut, die Leute auf die Straße zu kriegen.

Nicht nur junge Leute stehen am Montagabend auf dem übervollen Platz. Eine 54-Jährige hält sich mit ihrem Begleiter etwas am Rand auf. «Bis jetzt ist die Musik nicht so meins, der Grund für das Konzert aber schon», sagt die Chemnitzerin. Die vergangene Woche habe sie als beängstigend empfunden. Die Trauer um den getöteten Mann sei nachvollziehbar. Aber: «Ich käme nie auf die Idee, bei den Hooligans mitzulaufen.»

Laut Polizei bleibt alles ruhig und friedlich. Am Karl-Marx-Monument, von dem zuletzt eher bedrohliche Bilder ausgingen, machen DJ's Stimmung mit ihrer Musik. Das Zentrum ist belebt und beliebt wie seit mehr als einer Woche nicht mehr.

Doch vor dem ersten Ton herrscht zunächst einmal andächtige Ruhe. Mit einer Schweigeminute wird zu Beginn der Veranstaltung an den 35-jährigen Deutschen erinnert, dessen gewaltsamer Tod Auslöser der Vorfälle wurde. Tatverdächtig sind ein Syrer und ein Iraker, die in Haft sitzen. Monchi, Sänger von Feine Sahne Fischfilet, findet dazu deutliche Worte: «Wer meint, Messer ziehen zu müssen, ist ein verficktes Arschloch», ruft er den Zehntausenden zu. Aber dass Rechtsextremisten die Trauer ausnutzten, um Menschen wegen ihres Aussehens und ihrer Hautfarbe anzugreifen, das gehe auch nicht.

Tote-Hosen-Frontmann Campino sieht das Mini-Festival als Mutmacher. Die Leute zeigten sich durch ihren Konzertbesuch solidarisch mit denen, «die hier bleiben, die diesen täglichen Kampf für uns alle durchziehen, die gegenhalten».

Dass prominente Künstler als politisches Statement auf die Bühne steigen, gibt es in Deutschland immer mal wieder. So etwa 1979 in Frankfurt am Main, als Rechte aufmarschieren wollten. Linke Organisatoren setzten damals auf Musik als Mobilisierungsfaktor. Zehntausende versammelten sich zum «Rock gegen Rechts». Bis heute finden Konzerte unter dem Motto statt.

Auch das kleine Dorf Jamel in Mecklenburg-Vorpommern wird jährlich zur Anlaufstelle für Musik gegen Neonazis, seit sich ein zugezogenes Ehepaar damit gegen Rechtsextremisten im Ort zur Wehr zu setzen begann. Was als Mini-Event startete, zog später Unterstützer wie Die Ärzte oder Fettes Brot und zuletzt auch Herbert Grönemeyer als Überraschungsgast an.

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dpa

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Veröffentlicht am:
03. 09. 2018
23:09 Uhr

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