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92 - 91 - 90 Jahre Countdown

Nach einem «3... 2... 1...» startet die Crew im Science-Fiction «Frau im Mond» ins All. Neben der Raumfahrt prägt Fritz Langs Stummfilm bis heute, wie wir auf ein großes Ereignis hinzählen - nämlich rückwärts.



Countdown
Countdown-Uhr in Cap Canaveral.   Foto: Schechter/epa /dpa

Noch 20 Sekunden» steht auf der eingeblendeten Tafel. «Ruhig liegen, tief Atem holen!» Augen starren nervös in die Luft, Körper sind vor Anspannung steif. «Noch 10 Sekunden!» Eine Hand ergreift den Zündhebel. «Noch 6 Sekunden!» Die Ziffern werden größer. «Noch 4 Sekunden... 3... 2... 1...» - dann in Großbuchstaben «JETZT».

Die eindrückliche Sequenz in «Frau im Mond» von Stummfilm-Pionier Fritz Lang (1890-1976) gilt vielen als Geburtsstunde des Countdowns. Diese Geburtsstunde war am Dienstag (15. Oktober) vor genau 90 Jahren in Berlin, als der Science-Fiction-Streifen uraufgeführt wurde.

Das machte weltweit Schule. Heute ist der Countdown kaum mehr aus dem Alltag wegzudenken. Kein Neujahr, ohne dass an Silvester die letzten Momente einzeln lauthals gezählt werden. Auch Geburtstage beginnen häufig im Sekundentakt vor Mitternacht. Im Netz finden sich mehrere Countdowns für das Ende von US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus. Und in der Parteizentrale der britischen Konservativen tickt unaufhaltsam eine Brexit-Uhr Richtung EU-Ausstieg der Insel. Sogar vor dem anvisierten Mietendeckel in Berlin gab es jüngst einen Zähler, wann genau für Wohnungsbesitzer die letzte Chance für eine Mieterhöhung verstreicht.

Und was kommt bei Null? Mal große Freude, mal Erleichterung, mal ein mächtiger Knall. So auch bei Lang, der in seinem letzten Stummfilm eine sechsköpfige Crew zum Mond schickt, um dort nach Gold zu suchen.

Doch ist das Rückwärtszählen nicht seine Erfindung. In der Literatur gibt es durchaus wenig beachtete Vorläufer, etwa bei Jules Verne. «Nur noch zehn!», heißt es 1889 im Roman «Der Schuss am Kilimandscharo». «Noch fünf! - Nur noch eine Sekunde!» Und mit einem mächtigen «Feuer!»-Ruf schießt der Franzose eine Riesenkanone in den Orbit.

«Es ist aber einleuchtend, dass der Countdown als etwas eminent Zeitliches erst mit dem Kino populär wird», erklärt Simon Spiegel, Filmwissenschaftler an der Universität Zürich. Der Film gibt seine Geschwindigkeit selbst vor, Literatur hängt hingegen vom Tempo des Lesers ab.

Im Kino spielen Deadlines eine wesentliche Rolle für die Dramatik. Man denke etwa an eine tickende Bombe, die scheinbar unaufhaltsam auf ihre Explosion zusteuert. «Es ist mittlerweile schon wieder ein Klischee», sagt Spiegel. Im Agentenfilm «Goldfinger» (1964) etwa könne die Atombombe gerade noch abgeschaltet werden - und bleibe auf «007» stehen. «Selbst James Bond macht sich darüber lustig.»

Für Fritz Lang ist der Countdown ein dramaturgischer Kniff, um beim Zuschauer Erwartungen zu wecken. «Wenn ich eins, zwei, drei, vier, zehn, fünfzig, hundert zähle, weiß das Publikum nicht, wann die losgeht», soll der Regisseur später gesagt haben. «Aber wenn ich rückwärts zähle, zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins, NULL! - dann verstehen sie.»

«Die "Frau im Mond" ist sicher der erste Film, der unsere Vorstellung von der Raumfahrt geprägt hat», sagt Spiegel. Lang holt sich damals Hilfe von Raumfahrtpionieren wie Herman Oberth und Rudolf Nebel, um die cineastische Reise möglichst nah am technischen Stand seiner Zeit erzählen zu können. Der Countdown gehört aber nicht dazu.

Zwar seien schon vor «Frau im Mond» Raketen in den Himmel geschossen worden, sagt Wolfgang Jung vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). «Da ist mir aber nicht bekannt, dass es einen offiziellen Countdown gab». Deutsche Raketeningenieure wie Wernher von Braun, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA auswanderten, hätten Langs Film gekannt und so das Rückwärtszählen mit ins Raumfahrtprogramm der Nasa übernommen.

Heute geht keine Rakete ohne herunter tickende Uhr ins All. Als Bereichsleiter Startdienste am DLR hat Ingenieur Jung mehr als 100 Starts begleitet - vor allem von Raketen für Forschungszwecke. Bei ihnen beginnt der Countdown vier bis sechs Stunden vor dem geplanten Abheben. Daneben gibt es eine Checkliste mit minutengenauem Ablauf. Jede Einheit kann nachvollziehen, was genau wann zu tun ist.

«Die Uhren sind überall am Startplatz zu sehen, selbst in den Hotelzimmern», sagt Jung. Folgt man der Checkliste, dann meldet sich ab fünf Minuten vor dem Start minütlich eine Stimme mit der Zeitansage, ab einer Minute häufiger. Die letzten zehn Sekunden werden einzeln heruntergezählt. Fünf Sekunden vor Start gibt es als letzten offiziellen Arbeitsschritt: «Push the Button». Gemeint ist der Zündknopf. Der Countdown endet bei Null mit: «Fire» - «Zünden»!

Das ist ganz schön nah dran an der 90 Jahre alten Version. Natürlich hat der Countdown in der Raumfahrt eine andere Funktion als im Film. Während er im Kino Spannung inszeniert, dient er in der Technik vor allem der Kontrolle und Überprüfung. Und dennoch sagt auch DLR-Ingenieur Jung über die letzten Momente vor dem Start: «Ich kriege Gänsehaut, mir stellen sich immer wieder die Haare auf.»

Veröffentlicht am:
14. 10. 2019
10:01 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
14. 10. 2019
10:01 Uhr



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