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Das Kreuz thront auf dem Berliner Stadtschloss

Steht das Kreuz als Symbol des Christentums auch für Kolonialismus? Das rekonstruierte Stadtschloss in Berlin hat ein Kreuz aufgesetzt bekommen. Für Kritiker hat das Humboldt Forum damit eine Chance vertan.



Humboldt Forum erhält Kreuz
Ein Kran hebt am Neubau des Berliner Schloss die Kuppelspitze mit Engelsfiguren und einem Kreuz auf die Kuppel.   Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Jesu» prangt direkt über dem Hauptportal. Viel mehr ist von der Straße aus nicht zu erkennen. Die Sprengkraft der kombinierten Bibelsprüche am fast fertigen Humboldt Forum in Berlin erschließt sich nicht unmittelbar.

Goldene Lettern auf blauem Grund fordern umlaufend um die Kuppel des in weiten Teilen rekonstruierten Stadtschlosses nicht weniger als die Unterwerfung aller Menschen unter das Christentum. Die drastischen Worte gehen auf den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) zurück. Sie verstärken die Symbolik des vergoldeten Kreuzes, das am Freitag als weit sichtbare Spitze auf Deutschlands aktuell wichtigster Kulturbaustelle montiert wurde.

Die Geschichte von Kreuz und Kuppel ist ähnlich bewegt wie die Entwicklung des gesamten Projekts. Auf dem Platz gegenüber der berühmten Museumsinsel mitten in Berlin wurde zu DDR-Zeiten der Palast der Republik errichtet, nachdem 1950 die Reste des im Krieg zerstörten Hohenzollern-Schlosses gesprengt worden waren. Nach der Wende wurde der auch als Sitz der Volkskammer fungierende Palast der Republik von Asbest saniert. Übrig blieb nur ein Gerippe, die letzten Teile wurden nach heftigem Für und Wider 2008 abgerissen.

Bereits 2002 beschloss der Bundestag den Wiederaufbau des Berliner Schlosses als Humboldt Forum. Die Besonderheit: In einer weitgehend rekonstruierten Fassade entstand ein hochmodernes Ausstellungsgebäude. Die Finanzierung für den 644 Millionen Euro teuren Bau (ursprünglich waren mal etwa 550 Millionen geplant) ging immer auch von Spenden bis zu 100 Millionen Euro aus.

So stammen auch die knapp 15 Millionen Euro für Kuppel und Kreuz von teils anonymen Spendern, offiziell nennt das Humboldt Forum keine Namen. Während die Kuppel im Architekturwettbewerb vorgegeben war, gab es für ein krönendes Kreuz keine Anforderung. Es tauchte dann zunächst wie zufällig beim Wettbewerbssieger auf, dem italienischen Architekten Franco Stella. Kuppelspruch und Kreuz wurden erst 2017 offiziell angekündigt, was umgehend zu Diskussionen führte.

Befürworter argumentieren mit der Rekonstruktion. Allerdings fehlen dem Bau ohnehin zahlreiche Elemente seines historischen Vorläufers. Die komplette Ost-Fassade ist eine moderne Variante - ob der Eintönigkeit von Beton und Fenstern kaum weniger umstritten. Kritiker von Kuppelspruch und Christenkreuz verweisen auf die Rolle, die das Humboldt Forum einnehmen soll. Ohnehin nicht immer leichte völker- und religionsübergreifende Themen wie die Restitutionsdebatte um Objekte mit kolonialem Hintergrund scheinen zusätzlich belastet.

Das 40 000 Quadratmeter umfassende Gebäude bespielen künftig die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit zwei ihrer Museen, das Land Berlin und die Humboldt-Universität. Gezeigt werden sollen Exponate aus Asien, Afrika, Amerika und Ozeanien sowie Objekte zur Geschichte Berlins. Die zunächst für September geplante erste Teileröffnung wurde coronabedingt verschoben. Nach drei Eröffnungsetappen soll das Humboldt Forum bis Herbst 2021 komplett zugänglich sein.

Mit Kreuz und Kuppelspruch hat das Humboldt Forum aus Sicht der Kuratorin Mahret Kupka eine Chance vertan. «Eine Rekonstruktion wäre auch die Möglichkeit gewesen, das zeitgemäßer, offener und dialogbereit zu gestalten», sagte Kupka der Deutschen Presse-Agentur.

Für die 39-Jährige, die sich auch in der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland engagiert, wird so «der angestrebte Dialog um Kolonialismus und Restitution unglaubwürdig». Zum einen durch das Signal in die sogenannten Herkunftsnationen, aber auch innerhalb Deutschlands. «Denn es ist eine immer wieder gern vernachlässigte Tatsache, dass Deutschland eine sehr heterogene Gesellschaft ist.» Kukpa: «Das Christentum ist ein Kanal gewesen, über den auch der Kolonialismus mitfunktionierte und bestärkt wurde. Es geschah quasi im Namen des Christentums, das Dinge geraubt oder zerstört wurden.»

Direkt unter Kreuz und Kuppel geht es um eine andere Gottheit. Dort wird die buddhistische «Höhle der Ringtragenden Tauben» aus dem Asiatischen Museum zu sehen sein. Als Ausgleich für den christlichen Unterwerfungsspruch könnte ein modernes Kunstwerk dienen, das der norwegische Künstler Lars Ramberg 2005 auf dem Palast der Republik montiert hatte und das bereits für das Humboldt Forum im Gespräch war. Sechs Meter hohe neonbeleuchtete Buchstaben bilden das Wort «ZWEIFEL».

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dpa

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Veröffentlicht am:
29. 05. 2020
21:55 Uhr

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