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«Der Prozess»: Ehrengast Yücel und eindringliches Theater

Mit der Dramatisierung von Franz Kafkas Roman «Der Prozess» gelingt Intendant und Regisseur Hinkel ein ordentlicher Auftakt bei den Bad Hersfelder Festspielen. Dem Publikum werden Parallelen zur Gegenwart aufgezeigt.



Deniz Yücel
Deniz Yücel, deutsch-türkischer Journalist, spricht bei der Eröffnung der 69. Bad Hersfelder Festspiele.   Foto: Swen Pförtner

Von der energischen Kämpfernatur mit Vertrauen in den Rechtsstaat hin zu Verunsicherung, Verzweiflung und Ohnmacht: Das ist der Weg des Josef K. in Franz Kafkas berühmtem Roman «Der Prozess».

Zur Eröffnung der 69. Theaterfestspiele in Bad Hersfeld brachte Intendant und Regisseur Joern Hinkel den Klassiker der Weltliteratur auf die Bühne. Das Publikum in der mit knapp 1300 Zuschauern fast ausverkauften Stiftsruine spendete kräftigen und minutenlangen Applaus für einen eindringlichen und phasenweise eindrucksvollen Theaterabend zum Auftakt der renommierten Freilicht-Festspiele.

Als Festredner war der Journalist Deniz Yücel eingeladen, für den das Thema des Abends ein Stück weit alptraumhafte Wirklichkeit geworden war, als er in der Türkei wegen angeblicher Terrorpropaganda verhaftet wurde und ein Jahr ohne Anklageschrift, zeitweise isoliert, im Gefängnis verbrachte. Yücel berichtete, was es heißt, Opfer von staatlicher Willkür, Menschenrechtsverletzungen und Diskriminierung zu werden.

In der Hauptrolle bewies Ronny Miersch (34) im Verlauf des nicht immer kurzweiligen zweieinhalbstündigen Stücks sein Können. «Es ist eine meiner größten Rollen», sagte Miersch, der vor einigen Wochen in einem Kölner «Tatort»-Krimi zu sehen war. Die Vorlage von Kafka sei nicht gerade leichte Kost, das Stück ansprechend zu inszenieren deshalb ein Wagnis.

Doch Intendant Hinkel gelang dies mit einer gut verständlichen Fassung aus seiner Feder. «Das war ein Kraftakt», befand er, «es ist ein Risiko, solch ein scheinbar schwieriges Thema bei Sommerfestspielen auf die Bühne zu bringen.»

Verlassen konnte sich Hinkel auf ein homogenes Ensemble. Ingrid Steeger gab nach Gesundheitsproblemen ihr Bühnen-Comeback. Die 72-Jährige wirkte anrührend im Spiel, aber immer noch etwas wackelig auf den Beinen. Bei der Medienprobe vor einigen Wochen musste sie beim Gehen gar gestützt werden. Miersch sagte bei der Premieren-Party: «Sie war furchtbar nervös. Aber ich wusste, dass sie es durchzieht.» Steeger selbst wollte nicht über ihre Rückkehr auf die Bühne sprechen.

Standfest und mit traumwandlerischer Sicherheit zeigte sich dagegen Marianne Sägebrecht. Die auch schon in Hollywood tätige Schauspielerin («Der Rosenkrieg») spielte gekonnt die fürsorgliche Haushälterin des von der Justiz verfolgten Josef K. Eine herausragende Schau bot Dieter Laser. Er gab den mächtigen Anwalt allerdings etwas übertrieben mit zu dramatischem Ausdruck.

Auch Markus Majowski und Thomas Maximilian Held, die im TV besonders als Komiker Karriere machten, bekamen Applaus als Gerichtsschergen. Thorsten Nindel, der Zorro aus der ARD-«Lindenstraße», überzeugte als schmieriger Fotograf und Maler Titorelli. Aber auch die Schauspieler mit kleinen Rollen waren für den Eindruck der Bad Hersfelder Fassung mitverantwortlich. Corinna Pohlmann, Maria Radomski, Mathias Schlung und vor allem Jürgen Hartmann gefielen mit persönlicher Note.

Dass das Stück wenig von seiner Aktualität eingebüßt hat, betonte Intendant Hinkel beim Festakt. «Mit großer Sorge beobachten wir, wie beispielsweise in Polen, Ungarn und der Slowakei, in sogenannten demokratischen Mitgliedsstaaten der EU, gegen Menschen Ermittlungen eingeleitet werden» - nur weil sie ihre Meinung frei äußerten, würden sie verhaftet und eingesperrt. Aber auch in Deutschland, sagte Hinkel, würden Menschen aufgrund ihrer Meinung, politischen, geografischen und religiösen Herkunft angefeindet - vor allem im Internet, «dem Rückzugswinkel für Feige und Maskierte», wie er es nannte.

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dpa

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Veröffentlicht am:
06. 07. 2019
12:52 Uhr

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06. 07. 2019
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