Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Urlaub daheimJubiläumsgewinnspiel "75 Jahre Frankenpost"BlitzerwarnerCoronavirus

Boulevard

Deutscher Buchpreis: Sechs Fabulierer auf der Shortlist

Ein religiöser Aufstand in China, das Leben auf Teneriffa oder die düstere Geschichte um einen Riesengeier: Das sind Themen der Romane, die ins Finale beim Deutschen Buchpreis gekommen sind. Innerdeutsche Befindlichkeiten gehören nicht dazu.



María Cecilia Barbetta
María Cecilia Barbetta, Nachtleuchten (S. Fischer, August 2018).   Foto: Arno Burgi » zu den Bildern

Reisen durch Raum und Zeit - das haben die Romane auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis gemeinsam.

Alle sechs Autoren folgen nach Ansicht der Jury ganz unterschiedlichen Spuren in die Vergangenheit oder in mythische Schichten der Wirklichkeit. «Fabulierend, spekulierend, verspielt», wie die Sprecherin des Kritiker-Gremiums, Christine Lötscher, feststellt.

Geschafft haben es ins Finale um den besten deutschsprachigen Roman des Jahres die Autoren María Cecilia Barbetta, Maxim Biller, Nino Haratischwili, Inger-Maria Mahlke, Susanne Röckel und Stephan Thome. Es sind vier Frauen und zwei Männer. Ihre Erzählwelten umfassen tatsächlich den gesamten Globus: Argentinien, China, Tschetschenien, Russland oder Teneriffa.

Der Sieger beim Buchpreis, der für die Branche wichtigsten Auszeichnung, wird am 8. Oktober zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse gekürt. Schon jetzt steht aber mit der Auswahl der Shortlist fest, dass anders als in den Vorjahren (inner-)deutsche Befindlichkeiten oder die deutsche Vergangenheitsbewältigung keine Rolle spielen werden.

Barbettas Roman «Nachtleuchten» spielt 1974 in Buenos Aires kurz vor der Machtergreifung der Generäle - und ist damit am weitesten von Deutschland weg. «Dieser Roman sprüht vor Ideen, er ist ein Vulkan voller verschachtelter Sätze», urteilt die Jury. Die Autorin kam 1996 als Studentin nach Berlin und schreibt inzwischen auf Deutsch.

Stephan Thome hat es bereits zum dritten Mal auf die Shortlist geschafft. Hat er sich in seinem Debütroman «Grenzgang» (2009) noch mit dem Leben in der hessischen Provinz beschäftigt, spielt «Gott der Barbaren» im China des 19. Jahrhunderts. Ein Aufstand religiöser Fanatiker droht die Strukturen im Riesenreich hinwegzufegen. Die Jury lobt die «elegante Sprache» Thomes, der selbst Sinologe ist.

Die Grausamkeiten des Tschetschenien-Kriegs hat die aus Georgien stammende Nino Haratischwili zum Thema ihres Romans gemacht. Die Hauptrollen in «Die Katze und der General» spielen ein russischer Oligarch und eine junge georgische Schauspielerin, die beide in Berlin leben. «Großes Kino», urteilt die Jury. Mit ihrem 1300-Seiten-Epos «Das achte Leben» über eine georgische Familie hatte die in Hamburg lebende Autorin 2014 einen unerwarteten Besteller gelandete.

Maxim Biller, auch als streitbarer Kolumnist und ehemaliger Teilnehmer aus dem «Literarischen Quartett» des ZDF bekannt, hat sich in «Sechs Koffer» des Schicksals und Geheimnisses seines Großvaters angenommen. Dieser wurde 1960 in der Sowjetunion hingerichtet. Der Roman ist zugleich die Geschichte einer russisch-jüdischen Familie auf der Flucht in den Westen. «Große Erzählkunst», meint die Jury.

Inger-Maria Mahlke reist in «Archipel» ans Ende Europas - nach Teneriffa. Sie erzählt von einer Familie inmitten eines Jahrhunderts der Umbrüche. Die Autorin verknüpfe auf grandiose Weise den «Zyklus des Privaten» mit dem Politischen, urteilt die Jury. Mahlke stand bereits 2015 mit ihrem Roman «Wie Ihr wollt» im Finale zum Buchpreis.

Auch bei Susanne Röckels «Vogelgott» geht es um ferne Kontinente. Dennoch fällt das Buch, ein von der angelsächsischen Fantasy-Literatur beeinflusster Schauerroman, aus der Reihe. Die Bewohner einer abgelegenen Bergregion stehen im Bann eines bedrohlichen Geiers. Die Jury lobt die «beklemmende Atmosphäre» der in München lebenden Autorin, die auch Übersetzerin ist.

«Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen», umschreibt Jurysprecherin Lötscher in Anlehnung an ein berühmtes Zitat von William Faulkner das Leitthema beim diesjährigen Buchpreis. Die sieben Kritiker haben insgesamt 199 Neuerscheinungen der deutschsprachigen Verlage gesichtet. Dieses Mal steht aber kein Autor aus Österreich oder der Schweiz im Finale.

Keines der auf der Shortlist gelandeten Bücher liefere einfache Wahrheiten, so Lötscher. «Umso faszinierter lässt man sich als Leserin, als Leser auf vielstimmige Erzählkompositionen und auf die Sinnlichkeit einer anderen Zeit ein, die immer auf unsere verweist.»

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
11. 09. 2018
13:06 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Aufstände und Revolutionen Börsenverein des Deutschen Buchhandels Deutscher Buchpreis Fantasy-Literatur Maxim Biller Robert Menasse Romane Stephan Thome William Faulkner ZDF
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Shortlist Deutscher Buchpreis 2020 - Deniz Ohde

15.09.2020

Mehr Frauen als Männer auf der Buchpreis-Shortlist 2020

Am 12. Oktober ist es wieder soweit: Der Buchpreis wird vergeben - diesmal allerdings nur per Livestream. » mehr

Inger-Maria Mahlke

08.10.2018

Familienroman gewinnt Deutschlands wichtigsten Branchenpreis

Zum ersten Mal seit fünf Jahren bekommt wieder eine Frau den Deutschen Buchpreis - für einen auf der Ferieninsel Teneriffa angesiedelten Roman. In ihrer Rede dankt die Gewinnerin ihrer entlassenen Verlegerin. » mehr

Buchmesse Frankfurt

08.09.2020

Frankfurter Buchmesse ohne Aussteller

Die Frankfurter Buchmesse wird in diesem Jahr völlig anders aussehen. Die Messehallen bleiben leer, stattdessen soll sich die Branche virtuell vernetzen. Allerdings ist ein prominent besetztes Liveprogramm geplant - soga... » mehr

Deutscher Buchpreis 2020

18.08.2020

Longlist für den Deutschen Buchpreis steht für Vielfalt

Das Kulturangebot ist eingeschränkt, das Dauerthema Corona nervt - 2020 ist Lesen eine gute Idee. Die 20 Titel auf der Longlist versprechen «Lichtblicke» in schwierigen Zeiten, findet die Jury. Mit dabei: alte Bekannte, ... » mehr

Nora Bossong

14.07.2020

Nora Bossong erhält Joseph-Breitbach-Preis

Der Joseph-Breitbach-Preis ist einer der höchstdotierten Literaturpreise in Deutschland. In diesem Jahr wird Nora Bossong ausgezeichnet. » mehr

Buchmesse Frankfurt

04.07.2020

Corona erschwert Vorbereitungen für Buchmesse

100 Tage vor Eröffnung der Frankfurter Buchmesse gibt es noch viele Fragen. Die Verantwortlichen müssen 2020 unter unklaren Voraussetzungen planen - und sich parallel mit 2021 auseinandersetzen. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Scherbenmeer auf der Autobahn A 70/Unterbrücklein

Scherbenmeer auf der A 70 | 28.09.2020 A 70/Unterbrücklein
» 5 Bilder ansehen

Premierenfeier Theater Hof

Premierenfeier Theater Hof | 26.09.2020 Hof/Selb
» 14 Bilder ansehen

Trainingslager der Faustball-Nationalmannschaft

Trainingslager der Faustball-Nationalmannschaft | 24.09.2020
» 19 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
11. 09. 2018
13:06 Uhr



^