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Deutschlands Nightlife: Ist Köln das neue Berlin?

Bootshaus statt Berghain - ein Fachmagazin kürte dieses Jahr einen Kölner Club zum besten des Landes. Berlin hatte das Nachsehen. Das lässt die Frage aufkommen, wie es eigentlich ums deutsche Nachtleben steht.



Bootshaus
DJ Snake legt im Kölner Club Bootshaus.   Foto: Bootshaus

Berlin is over, what's next», heißt es bei manchen. Berlin ist out, was kommt jetzt?

Das internationale Fachmagazin «DJ Mag» kürte dieses Jahr den Kölner Club Bootshaus statt wie jahrelang das legendär-verruchte Berliner Berghain zum besten Club in der Bundesrepublik. Im weltweiten Gesamtranking kam der Kölner Club auf Platz acht, das Berghain nur auf Rang zehn. Wie steht es eigentlich um das Nightlife in Deutschland - oder besser: im deutschsprachigen Raum?

Das Bootshaus befindet sich auf einem abgelegenen Werftgelände unter einer Kölner Rheinbrücke. Das hat sich herumgesprochen. Auf dem Parkplatz finden sich an einem heißen Sommerabend Autos mit Kennzeichen auch aus Berlin oder Frankreich.

Kevin und Thomas sind mit drei Freunden aus ihrem Heimatdorf in Luxemburg hergefahren. Zweieinhalb Stunden hin, vier Stunden feiern, zweieinhalb Stunden zurück. «Wenn man die House-Szene verfolgt, dann kennt man das Bootshaus - auch in Luxemburg», sagt Kevin. «Klar, das neue Club-Ranking war auch ein Grund für uns, herzukommen», sagt sein Freund Thomas. Das wollten sich die Männer einmal selbst ansehen.

Ungefähr die Hälfte aller Besucher ist nach Schätzungen der Betreiber nicht aus Köln, kommt extra für die Partys her. Die Lage ist für Einheimische ungewohnt: Von den Partymeilen in der Innenstadt fährt man eine gute halbe Stunde mit der Bahn. Es geht über den Rhein, auf die «Schäl Sick», die aus Sicht vieler Kölner «falsche» Seite der Stadt. Die letzten paar Hundert Meter durch düsteres Industriegebiet muss man zu Fuß gehen. Dann endlich: das Bootshaus - das früher tatsächlich einmal ein solches war.

Im Berliner Berghain gibt man sich betont exklusiv, die Türsteher sind berüchtigt. Ins Kölner Bootshaus dagegen darf jeder hinein, der will. Die meisten Tickets werden - ebenfalls clubuntypisch - wie bei Konzerten vorab online verkauft. An der Tür wird niemand wegen seines Outfits abgewiesen, sagen die Betreiber. Nur zu betrunken oder aggressiv darf man nicht sein, «ansonsten ist hier jeder willkommen».

Über einen Außenbereich, der mit zusammengezimmerten Theken und hölzernen Emporen ringsherum wie eine Piraten-Lagune anmutet, gelangt man auf den Main Floor, den größten Partybereich. Im Vergleich zu vielen anderen Clubs auf der «DJ Mag»-Liste ist die Tanzfläche klein, gerade einmal 1500 Menschen finden hier Platz.

Wie in einer Arena drängen sie sich auf Stufen hinter- und übereinander. In den ersten Reihen kleben die Menschen förmlich an der Plexiglasscheibe vor dem DJ-Pult, nur Zentimeter trennen Publikum und Künstler. An diesem Abend legt DJ Snake auf, momentan einer der erfolgreichsten DJs weltweit. Eine Anlage, die sicher ausreichen würde, um eine Festivalbühne zu beschallen, pumpt tiefe Bässe durch die Halle. Feuer schießt aus vier Flammenwerfern an der Decke, treibt dem Publikum Hitzeschauer über die Haut.

«Eine solche Atmosphäre hat man nirgendwo sonst», sagt Fabian Thylmann, der Besitzer des Clubs. Die Abgeschiedenheit, die Enge, die Nähe zum Publikum, der Sound - für Thylmann ist es das Gesamtpaket, das nicht nur Gäste von weit her anlockt: David Guetta, Dimitri Vegas, Steve Aoki, Deadmau5, Skrillex - nicht nur dem Fachpublikum sind diese Namen bekannt. Und sie alle haben hier schon aufgelegt.

Mancher wirft dem Club allerdings vor, zu sehr den Mainstream zu bedienen. Thylmann hält die Kritik für unberechtigt: «Wir spielen sechs oder sieben verschiedene Musikrichtungen, da gibt es genauso viel Abseitiges wie Populäres. Es soll für jeden etwas dabei sein.»

Der Frankfurter Kulturwissenschaftler Christian Arndt, der Anfang des Jahres das Buch «Electronic Germany - DJs, Klänge, Clubkultur» herausgebracht hat, sagt: «Das Bootshaus hat sich musikalisch sehr breit aufgestellt, vieles, was hier musikalisch passiert, wäre zum Beispiel im Berghain oder auch im Robert Johnson in Offenbach bei Frankfurt undenkbar.» Es gebe da sehr verschiedene Philosophien beim Booking, also dem Engagieren der DJs. Als Faustregel gelte: Je größer der Club, desto mehr «Mainstream-Techno» und Electronic Dance Music (EDM) laufe - wobei das Berghain auch hier die Ausnahme bilde.

Seit Mitte der 90er sei Berlin als Nummer eins in Sachen Clubs eigentlich gesetzt, was sehr viel mit den historisch einmaligen Bedingungen zu tun hatte, dem Mauerfall, ungeklärten Eigentumsverhältnissen und Behörden, die Wichtigeres zu tun hatten, als ordnungspolitische Auflagen bis ins letzte Detail durchzusetzen. Die Lockerheit und Freizügigkeit beflügelte den Berlin-Mythos.

Clubkultur-Experte Arndt sagt, dass es früher in vielen größeren Städten mindestens einen, manchmal zwei oder drei Clubs mit bundesweiter Strahlkraft gegeben habe - man denke etwa ans Dorian Gray und Omen in Frankfurt. Heute sei im deutschsprachigen Raum neben Berlin interessanterweise das relativ kleine Zürich gut aufgestellt, wo es eine Handvoll Clubs wie das Hive, Zukunft, Klaus oder Space Monki gebe, die trotz hoher Preise Zulauf haben, und das obwohl der Druck auf dem Immobilienmarkt höher sei als in jeder deutschen Stadt.

«Nachtleben kann man entweder als Standortfaktor sehen, als kulturelle Bereicherung oder aber als potenzielles Drogen- und Lärmproblem», sagt Arndt. Berlin habe den Wert seines Nachtlebens mit der seit mehr als 25 Jahren dominanten Technokultur als touristischen und kulturellen Faktor erkannt. Allerdings kämpfe die Szene auch hier mit Gentrifizierung, hohen Mieten und strengeren Auflagen.

Und wie steht Deutschland im Vergleich zum Ausland da? «Mit Ausnahme von Berlin wird Clubkultur wieder zur Randerscheinung, während es in anderen Ländern ganz anders abgeht, sowohl im Underground als auch im größeren und kommerzielleren Rahmen», sagt Arndt. «Ibiza hat es vorgemacht, mit gigantischen Clubs, die eher Open-Air-Arenen gleichen und bis zu 5000 Menschen fassen. Solche Clubs gibt es mittlerweile auf allen Kontinenten, sie dominieren auch die «DJ Mag»-Charts. Vor allem in Asien, aber auch in Südamerika und rund um das Mittelmeer funktioniert Techno - oder dessen populäre Variante EDM - sehr gut.

Über den vermeintlichen Niedergang des deutschen Nachtlebens lässt sich viel spekulieren. Doch manchem geht die hiesige Club-Kultur noch immer - oder gerade jetzt - buchstäblich unter die Haut: Im Außenbereich des Bootshauses stehen die Menschen auch um halb vier an diesem Morgen noch Schlange - bei Tätowierern. Die einzigen Motive, die sie in dieser Nacht stechen: Schriftzug und Logo des Clubs.

Christian Arndt: Electronic Germany - DJs, Klänge, Clubkultur - Edel Books 2019, 240 S., Euro 24,95, ISBN 978-3-8419-0620-5

Veröffentlicht am:
19. 07. 2019
11:31 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
19. 07. 2019
11:31 Uhr



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