Lade Login-Box.
Topthemen: Kommunalwahl 2020Bilder vom WochenendeHof-GalerieBlitzerwarner

Boulevard

«Die sieben Todsünden» in Stuttgart gefeiert

Ein Abend zwischen Brecht, Party und Sexshow: Am Schauspielhaus Stuttgart feiert die Sängerin Peaches zu dröhnenden Elektro-Beats lautstark die Freiheit. Im Zuschauerraum mischen sich Fans, Schauspielbesucher, Opern- und Ballettpublikum.



Die sieben Todsünden
Peaches gilt als eine Ikone in der LGBT-Szene.   Foto: Oliver Willikonsky » zu den Bildern

Fünf Brüste und viel Haar kleiden das Wesen, das da zur Bühne hinabschwebt. Die Show von Peaches geht los, die Sängerin verbirgt sich hinter dem Zottelbart.

Am Stuttgarter Schauspielhaus stimmt sie eigene Songs an, zu den Elektro-Punk-Klängen räkeln sich Schauspielerin Josephine Kohler und Ballett-Tanzer Louis Stiens. Die Hüllen fallen, die Bühne erstrahlt in Rotlicht.

Die Württembergischen Staatstheater wagen mit der ersten Inszenierung aller drei Sparten seit 23 Jahren ein Experiment: Einen Grenzgang zwischen Oper, Ballett und Elektro-Punk. Die Reaktionen des Publikums - eine Mischung aus Peaches-Fans, Schauspielbesuchern, Opern- und Ballettpublikum - mochte vor der Premiere am Samstagabend keiner so recht voraussagen. «Mal sehen, ob ihr damit klar kommt», so Peaches. Sie kamen klar. Der Abend endet in langanhaltendem Applaus.

Den Anfang nahm die Inszenierung von Regisseurin Anna-Sophie Mahler bei Bertolt Brechts und Kurt Weills 1933 uraufgeführtem Werk «Die sieben Todsünden». Das sogenannte Ballett mit Gesang erzählt die Geschichte von Anna, die von ihrer Familie unter anderem zur Prostitution gezwungen wird, um Geld für das langersehnte Eigenheim zu beschaffen. «Mit dem Peaches-Teil wollten wir Brecht und Weill einen zeitgenössischen Standpunkt entgegensetzen», so Dramaturgin Katinka Deecke - den beiden weißen heterosexuellen Männern.

In diesem Teil mimt Peaches die gereifte Anna: Emanzipiert, stark, kein Opfer mehr. Der Zwischentitel lautet «Seven Heavenly Sins», sieben himmlische Sünden. «Die sieben Todsünden sind ein merkwürdiges Konzept», erklärt Peaches. «Ich glaube nicht, dass es sich um Sünden handelt. Es gibt einen Platz für Zorn, einen Platz für Stolz.»

Seit Jahrzehnten singt und performt die Künstlerin gegen Geschlechterrollen und eine Welt, in der Heterosexualität als Norm gilt. Opern-Intendant Viktor Schoner ist die Kombination aus Peaches und Brecht eine logische: Ihre Musik reflektiere «diese Gender-Frage, die so essenziell von Brecht in diesem Stück thematisiert wird. Dafür ist Peaches eine Idealbesetzung.»

Auf der Bühne finden sich das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Stefan Schreiber, vier Opernsänger, zwei Ballett-Tänzer und eine Schauspielerin. Josephine Kohler boxt, tanzt, singt und monologisiert sich ebenfalls als Anna durch die Inszenierung - zwischenzeitlich verwandelt sie sich in eine tanzende Vulva.

«Das muss ich jetzt erstmal verdauen», sagt eine Zuschauerin nach der Premiere. Entrüstung verursachte die explizite, bisweilen plakative, Sprache von Peaches in Wort und Bild eher nicht. Ein bisschen Befremden aber durchaus. Im zweiten Teil performte Peaches eigene Songs mit Titeln wie «Fuck the Pain Away» oder «Dick in the Air».

«Wenn du an Brecht denkst, ist das, was wir tun, angemessen», hatte Peaches vor der Premiere gesagt. «Er wollte, dass du aufwachst. Er wollte dich aus deiner kleinbürgerlichen Haltung rütteln.» Über die breite Zustimmung beim Schlussapplaus freut sich die Provokateurin sichtlich.

Veröffentlicht am:
03. 02. 2019
10:33 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Ballett Bertolt Brecht Kurt Weill Oper Opern Opernintendanten Religiöse Verfehlungen und Sünden Schauspielerinnen Staatsorchester Stuttgart Sängerinnen Theaterbühnen Zwangsprostitution
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Dreigroschenoper

16.12.2019

Barrie Kosky plant neue «Dreigroschenoper»

Als Teenager hat er in Australien die Platte gekauft, jetzt will Opernregisseur Barrie Kosky selbst die «Dreigroschenoper» inszenieren. Und zwar an einem besonderen Haus. » mehr

"Die sieben TodsüŸnden"

02.02.2019

Premiere von «Die sieben Todsünden» in Stuttgart

In Stuttgart findet die Premiere von «Die sieben Todsünden» statt. Es ist eine gemeinsame Produktion von Oper, Ballett und Schauspiel - zum ersten Mal nach vielen, vielen Jahren. » mehr

Jessye Norman

01.10.2019

Opernsängerin Jessye Norman gestorben

Als Opernsängerin begeisterte Jessye Norman Fans auf der ganzen Welt. Die Diva wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Jetzt ist Norman im Alter von 74 Jahren gestorben. » mehr

Nina Hagen

03.10.2019

Nina Hagen - DDR-Girlie, Punk-Ikone und Sinnsucherin

Schrill, bunt und laut: So trat Nina Hagen früher in Talkshows auf. Inzwischen ist sie seltener im Fernsehen zu sehen, dafür steht sie mit Brecht-Liedern auf der Bühne. Eine Ausstellung in Hannover beleuchtet ihre facett... » mehr

Harry Kupfer

01.01.2020

Trauer um Opernregisseur Harry Kupfer

Er inszenierte Wagner in Bayreuth, fühlte sich aber auch der Moderne verpflichtet: Harry Kupfer gehörte zu den wichtigsten deutschen Opernregisseuren. Nun starb er mit 84 in Berlin. » mehr

Peter Schreier

26.12.2019

Tenor Peter Schreier mit 84 Jahren in Dresden gestorben

Er war einer der gefragtesten Tenöre für Oper und Konzert rund um den Globus. Mit 70 hat Peter Schreier seine Sängerkarriere beendet - sein musikalischer Rat als Dirigent und Lehrer blieb bis zuletzt gefragt. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Bad Alexandersbad

Wahlpodium im EBZ Bad Alexandersbad | 16.02.2020 Bad Alexandersbad
» 40 Bilder ansehen

Prunksitzung in Veitshöchheim Veitshöchheim

Prunksitzung in Veitshöchheim | 15.02.2020 Veitshöchheim
» 210 Bilder ansehen

Starbulls Rosenheim -VER Selb n.V. 4:3 Rosenheim

Starbulls Rosenheim -VER Selb n.V. 4:3 | 16.02.2020 Rosenheim
» 48 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
03. 02. 2019
10:33 Uhr



^