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Ein Unbestechlicher: Der Publizist Michael Jürgs ist tot

Er lebte für den Journalismus: Michael Jürgs hat sich über viele Jahrzehnte mit der Gesellschaft auseinandergesetzt und über sie geschrieben, immer kritisch, nie langweilig. Nun ist er gestorben.



Michael Jürgs
Michael Jürgs ist tot.   Foto: Daniel Reinhardt

Er war neugierig, fleißig, wortgewandt, aber nicht geschliffen - kurzum: Er brachte viele Talente mit, die für eine journalistische Karriere den Weg bereiten können. Er ist ein Klartexter, beschrieben Journalistenkollegen den Publizisten, der im Alter von 74 Jahren nach langer Krankheit in Hamburg gestorben ist.

Als engagierten Verteidiger des unabhängigen Journalismus würdigte der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger den früheren «Stern»-Chefredakteur (1986 bis 1990), als er Jürgs 2019 den Theodor-Wolff-Preis für dessen Lebenswerk zuerkannte. Im Frühjahr 2018 war der Publizist an Krebs erkrankt.

Jürgs stand für urjournalistische Tugenden: die tiefgehende Recherche und die nimmermüde Beobachtung. «Die Sprache ist für einen Journalisten eine faszinierende Geliebte. Sie müssen sie jeden Tag aufs Neue erobern. (...) Aber die Recherche muss halt stimmen», sagte Jürgs im April 2019 dem Nachrichtenmagazin «Der Spiegel». Und: «Wichtig für unseren Beruf ist Handwerk, klar. Ist Neugier, klar. Leidenschaft, klar. Ganz wichtig: sich nicht vom Geruch der Macht betäuben zu lassen. Unbestechlich zu sein.»

1987 war Jürgs als «Stern»-Chefredakteur für das umstrittene Titelbild mit dem toten, früheren schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel verantwortlich, der in einem Genfer Hotelzimmer in der Badewanne von einem «Stern»-Fotografen abgelichtet worden war. «Für die Entscheidung, das zu drucken, kann man als Chefredakteur gestürzt werden, das ist der Job», erinnerte sich Jürgs.

Die Frage der Moral sei damals unglaublich hart diskutiert worden. Jürgs blieb bis 1990 beim Magazin, als dem Skeptiker der deutschen Wiedervereinigung ein entsprechender Leitartikel zu seinem Nachteil ausgelegt wurde. Anschließend war er Chefredakteur des Magazins «Tempo» und Co-Moderator der NDR-«Talk Show», bevor er sich auf seine eigenen Publikationen konzentrierte.

Jürgs, am 4. Mai 1945 in Ellwangen geboren, hatte seine journalistische Karriere 1965 mit einem Volontariat bei der Münchner «Abendzeitung» begonnen. Im Alter von nur 23 Jahren und inmitten der 68er-Bewegung wurde er kurzzeitig Feuilletonchef des Blattes, bevor er die Verantwortung für die «Seite 3» übernahm. 1976 wechselte Jürgs als Ressortleiter Unterhaltung zum Magazin «Stern» in Hamburg und stieg in die Chefredaktion auf.

«Besessen von der Arbeit, besessen vom Journalismus. Er ist ein Überzeugungstäter, der sich mit jedem anlegt, ohne Rücksicht auf Verluste», urteilte die Medienjournalistin Ulrike Simon einst über Jürgs. Der Beruf des Journalisten war für ihn «eine Firewall der Demokratie gegen die Barbaren an den Toren», wie er selbst in einem Essay für das «Handelsblatt» 2018 schrieb. «Online gibt es keine Deadline mehr. Allein schon deshalb tummeln sich im Digitalen ungehemmt Trolle und Hassprediger, die analog bereits an einer Deadline gescheitert wären.»

«Ich kenne und schätze, nein, bewundere Michael seit 56 Jahren. Dass er ein journalistisches Urgestein werden sollte, konnte ich seinerzeit nicht ahnen», sagte der Publizist und frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann in seiner Laudatio zur Verleihung des Theodor-Wolff-Preises erst Ende Juni in Berlin, zu der Jürgs bereits nicht mehr anreisen konnte. Jürgs und Naumann lernten sich in jungen Jahren in München kennen.

Einen Namen machte sich Jürgs auch durch etliche Biografien, die viel Aufmerksamkeit bekamen, darunter 1991 über die Schauspielerin Romy Schneider. Mit ihr hatten Jürgs und der Fotograf Robert Lebeck bereits im März 1981 drei Tage im französischen Quiberon verbracht, ein Jahr bevor die Darstellerin starb. Ihr damaliges außergewöhnliches Interview wurde Grundlage eines 2018 erschienenen Films mit Schauspielerin Marie Bäumer als Romy Schneider.

Auch mit dem Verleger Axel Springer, dem Literaturnobelpreisträger Günter Grass, dem Opernsänger Richard Tauber und der Künstlerin Eva Hesse beschäftigte sich Jürgs ausführlich und verfasste Biografien über sie. Seine Gesellschaftskritik mündete 2009 in einer Streitschrift, in der der Publizist mit den «Blödmachern» im Privatfernsehen abrechnete. «Es war wochenlang die Hölle. Ich musste mir ansehen, was ich sonst noch nie gesehen habe», sagte Jürgs dazu der Deutschen Presse-Agentur.

Seine Interessen galten aber auch ganz anderen Themen. In weiteren Werken beschäftigte er sich unter anderem mit Ermittlungsbehörden wie dem Bundeskriminalamt, Europol und Scotland Yard, mit Winston Churchills Geheimagentin Nancy Wake und mit der deutschen Geschichte.

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dpa

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Veröffentlicht am:
05. 07. 2019
13:16 Uhr

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05. 07. 2019
13:16 Uhr



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