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Feuchte Premiere für die Nibelungen

Die Nibelungensage beginnt im Glanz und versinkt im Hass. Muss das Heldenepos am Rhein so enden? Diese Schicksalsfrage stellen sich die Nibelungen-Festspiele in diesem Jahr. Als Hagen steht auf der Freilichtbühne in Worms eine Schauspiellegende.



Klaus Maria Brandauer
Klaus Maria Brandauer als Hagen in dem Stück «Überwältigung».   Foto: Uwe Anspach » zu den Bildern

Plötzlich ist das grausame Märchen der Nibelungen ganz aktuell - und die 800 Jahre seit der Entstehung des Heldenepos schmelzen unter dem Kaiserdom von Worms in einem Augenblick zusammen.

Ein zorniges Kind begehrt auf gegen die brutale Alternativlosigkeit der Erwachsenenwelt: Was macht ihr mit meinem Leben?! Für einen Moment schimmert die Protestbewegung «Fridays for Future» durch das Drama über Krieger, Königinnen, Drachen und einen verfluchten Schatz.

Ist alles bloß Schicksal? Das fragt Autor Thomas Melle in seinem Stück «Überwältigung», das die diesjährigen Nibelungen-Festspiele in einer der ältesten Städte Deutschlands eröffnet. Aber das Ensemble um Schauspiellegende Klaus Maria Brandauer als Hagen findet auf dem Weg zur Antwort in knapp drei Stunden Spielzeit bloß weitere Fragen.

Das Nibelungenlied, diese Geschichte von Treue und Verrat, gehört zu den Lieblingssagen der Deutschen. Melle erzählt das um 1200 entstandene Werk vom Ende her. Es beginnt mit dem Finale am Hof von Hunnenkönig Etzel, das, wie es der Mythos will, Tod und Vernichtung der Burgunder zur Folge hat. Doch plötzlich begehrt Kriemhilds Sohn Ortlieb auf: «Ich bin ein Kind und habe ein Anrecht auf mich selbst!»

Mit einem Mal spielen die Figuren gegen ihr Schicksal an, und die Geschichte beginnt von neuem: Nibelungen 2.0. Melle gibt ihnen jene zweite Chance, von der wohl viele Menschen träumen. Wird sie genutzt?

Bei langsam verglühendem Abendlicht eröffnet das Stück vor der Nordseite des Doms gleich mit dem ganzen Ensemble, darunter auch Ex-«Tatort»-Kommissar Boris Aljinovic. Regisseurin Lilja Rupprecht inszeniert «Überwältigung» als bildstarke Variation des Dramas. Mit Bühnenbildnerin Anne Ehrlich erschafft sie auf der Freiluftbühne aus rund 600 Quadratmeter weißem Tuch eine kühle Gletscherwelt. Hagen on the rocks, gewissermaßen. Auch der Kaiserdom selbst wird bespielt, eine Videokamera überträgt das Geschehen auf eine Großleinwand.

Doch auf das falsche Eis tropft gleich nach Beginn echter Regen, kurz droht die Premiere ins Wasser zu fallen wie der Nibelungenschatz in den Rhein. Als das Publikum wie auf ein Kommando in gelbe Plastikponchos schlüpft, kann sich Brandauer ein Lächeln nicht verbeißen. Intendant Nico Hofmann nimmt es mit Galgenhumor: «Die Stimmung beim Open-Air-Theater ist bei Regen am besten. Dann gibt es eine Solidarisierung zwischen dem Publikum und den Schauspielern.»

Möglicherweise liegt es auch an Hofmann, dass sich die Festspiele steigender Bekanntheit erfreuen. Der Kurpfälzer trat 2015 die Nachfolge von Dieter Wedel mit dem Konzept an, jedes Jahr ein für Worms geschriebenes Werk uraufzuführen. So wird Lukas Bärfuss, frisch gekürter Georg-Büchner-Preisträger, 2021 ein Stück über Martin Luther schreiben. Bei der Premiere 2002 gaben nicht alle den Festspielen gute Chancen. 17 Jahre später existiert eine Art Nibelungentreue des Publikums: Für die Abende bis zum 28. Juli gibt es nur Restkarten.

Aber wie ist das nun mit dem Schicksal? Melle experimentiert mit alternativen Handlungssträngen, gibt den Figuren «kleine Einfallstore der Freiheit», wie er es nennt. Das nutzt besonders Lisa Hrdina (Ortlieb), deren Auftritte zu den Höhepunkten gehören. Auch die Rollen von Frigga (Winfried Küppers) und Ute (Andreas Leupold) hat Regisseurin Rupprecht gegen das Geschlecht der Darsteller besetzt.

Eindrucksvoll zeigen Kathleen Morgeneyer (Kriemhild) und Inga Busch (Brünhild) den Streit der Königinnen - eine Schlüsselszene, die in der Originalsage genau hier spielt: auf der Nordseite des Doms.

Doch Schicksal hin oder her: Es kommt, wie es offenbar kommen muss. Hagen ermordet auch an diesem Abend Siegfried. Mitreißend verkörpert Alexander Simon den Drachentöter. Der charismatische Antiheld wirkt im Glitzerhemd wie einst US-Schauspieler Robert Redford in «Der elektrische Reiter» (Kostüme: Annelies Vanlaere). Mit viel Hingabe agieren auch Moritz Grove (Gunther) und Edgar Eckert (Spielmann). Im Gegensatz zu den Vorjahren fließt übrigens kein Tropfen Blut.

Ein Gänsehautmoment gelingt Brandauer, wenn er allein auf der großen Bühne laut über sein Schicksal nachdenkt. «Ich schaue mich von allen Seiten an und finde doch nur mein altes Gesicht», sagt der 76-Jährige mit seiner markanten Stimme. Auch er stemmt sich nicht gegen die Spirale aus Hass, Gewalt und Wahnsinn. Sein Argument: «Ich bin der Hagen.» Von den rund 1300 Zuschauern gibt es am Ende viel Applaus.

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dpa

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13. 07. 2019
11:58 Uhr

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