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Harvey Weinsteins Wandlung

Als Filmmogul war Harvey Weinstein als tobender Tyrann gefürchtet - dann lösten Vorwürfe Dutzender Frauen gegen ihn die MeToo-Bewegung aus. In seinem Vergewaltigungsprozess tritt der 67-Jährige nun als gebrechlicher Greis auf. Das könnte ihm nutzen.



Harvey Weinstein
Auf dem Weg zur Verhandlung: Harvey Weinstein und der Anwalt Arthur Aidala (r).   Foto: Richard Drew/AP/dpa » zu den Bildern

Auf seinen Rollator hat Harvey Weinstein für den Weg in seine Zukunft verzichtet. Gestützt auf einen Mitarbeiter humpelt er in den Gerichtssaal 1530, in dem über ihn geurteilt werden soll.

In den vergangenen Wochen war er stets tief gebückt über seine Gehhilfe ins Oberste New Yorker Gericht gekommen. «Hi Leute», brummte er einmal zu wartenden Journalisten und wäre da nicht der morbide Behördencharme, man könnte meinen, dass sich da ein Rentner zum Stammtisch schiebt.

Es ist die Wandlung Weinsteins - einst von Geschäftspartnern als tobender Tyrann gefürchtet - die in den ersten Tagen seines Vergewaltigungsprozesses für Spekulationen sorgt. Seine Gegner reden von einer Masche, um die Sympathie der Jury zu gewinnen. Seine Verteidigung bestreitet das, ein Autounfall habe eine Wirbelsäulen-OP des 67-Jährigen nötig gemacht. Vor Gericht jedenfalls erscheint kein aggressiver Mann auf der Höhe seiner Macht, sondern ein aschfahler, gebrochener Greis. Das Urteil über Weinstein wird auch davon abhängen, welche Person die Geschworenen in ihm sehen.

Für Anklage und Verteidigung ist es dabei wichtig, die Deutungshoheit über den Fall - ein Meilenstein der MeToo-Bewegung - zu gewinnen. Am Tag der Eröffnungsplädoyers am Mittwoch mündet das in einen Schlagabtausch, bei dem Staatsanwältin Meghan Hast Weinstein als «Vergewaltiger» bezeichnet und bis ins Detail schildert, wie der heute 67-Jährige Frauen gejagt, sich auf sie gedrückt, ihre Hände mit all seiner Kraft bis deren Aufgabe festgehalten, sich an ihnen befriedigt haben soll. Währenddessen leuchten übergroße Porträts der Frauen von einem Bildschirm.

«Sie haben ihnen ein Bild gemalt, ein albtraumhaftes», kontert Weinstein-Anwalt Damon Cheronis. «Alles, was Frau Hast ihnen gerade erzählt hat, sind keine Beweise. Sie war nicht da». Dann zeigt er reihenweise Mails, die zeigen sollen, dass die Frauen auch nach den mutmaßlichen Taten noch Zuneigung zu Weinstein gezeigt hätten. In einer steht demnach: «Ich liebe Dich».

Weinstein hört schweigend zu, bei der Rede von Cheronis hellt sich seine von tiefen Furchen durchzogene Miene auf und so etwas wie Kampfgeist kehrt in sie zurück. Doch er bleibt stets ruhig und ernst im schmucklosen Gerichtssaal, der das genaue Gegenteil seines vergangenen Lebens auf den roten Teppichen dieser Welt ist. Braunes Holz dominiert. Weinstein schaut auf eine etwas verblichene US-Flagge, hinter der zwölf Buchstaben an der Wand angebracht sind: «In God we Trust» - Wir vertrauen auf Gott.

Zwölf Geschworene und ihre Ersatzjuroren haben auf der rechten Seite Platz genommen. Zuerst fallen drei ältere weiße Männer in der ersten Reihe auf. Die Anklage hatte der Verteidigung bei der Auswahl der Geschworenen vorgeworfen, junge Frauen aus der Jury ausschließen zu wollen. Doch nun sind es diese fünf Frauen und sieben Männer, die über Schuld oder Unschuld Weinsteins bestimmen, der für viele längst der Inbegriff männlichen Machtmissbrauchs ist.

Wie tief der Fall Weinstein in die US-Gesellschaft vorgedrungen ist, zeigte auch die schwierige Auswahl der Juroren. Reihenweise erklärten sich potenzielle Geschworene für befangen und sagten, sie könnten nicht unparteiisch sein. «Nicht in diesem Fall», meinte einer von ihnen. Jene, die nun neben Richter James Burke sitzen, dürfen nur nach den präsentierten Beweisen urteilen. Und nur nach diesen.

Das scheint fast unvorstellbar nach zwei Jahren MeToo-Umwälzungen, nach Dutzenden markerschütternden Aussagen von Frauen gegen Weinstein, nach allgegenwärtiger öffentlicher Debatte, in Familien und Unternehmen bis hin zu Regierungen. Nach geteilter Bestürzung, neuen Frauenrechtsbewegungen und einem Druck, den einige Männer als Generalverdacht wahrnehmen.

So deutlich die Schilderungen von mehr als 80 Frauen ein kriminelles Muster Weinsteins zu belegen scheinen, gerichtet wird in Manhattan nur über zwei Fälle. Der Rest darf für den Prozess keine Rolle spielen - dazu gehört auch das gebrechliche Auftreten Weinsteins.

Von ihren Plätzen hat die Jury einen guten Blick auf den Angeklagten, dessen Rollator mittlerweile wieder hinter ihm steht. Er simuliere nicht, hatte Weinstein neulich betont. Gegenüber der «New York Times» gab er sich demütig, er habe «Möglichkeit zur Selbstreflexion» gehabt und eine spirituelle Verbindung gefunden. Er sprach von der «Macht, verletzlich zu sein» und einer Therapie gegen Sexsucht.

Trotzdem beharrt er darauf, dass seine sexuellen Kontakte einvernehmlich gewesen seien und sieht sich als Opfer. In einem Interview im Dezember sagte er, er fühle sich wie «der vergessene Mann». Und auch in seinem Ausdruck im Gerichtssaal kann man einige Male das Unrecht lesen, mit dem Weinstein sich behandelt fühlt.

Ein mit Weinstein befreundeter Anwalt meinte zuletzt, der auf Kaution freie Ex-Filmmogul habe große Angst vor lebenslanger Haft. In dem Prozess geht es um viel, für Weinstein um alles. Das Gericht ist die Bühne, auf die er nie wollte. Aber jetzt hat jeder ungelenk aufgesetzte Fuß eine Wirkung. Die Wissenschaft hat den Einfluss von Mitleid auf Jurys immer wieder nachgewiesen.

Die Staatsanwälte wollen Weinsteins Erscheinung dabei entgegenwirken. Hauptanklägerin Joan Illuzi-Orbon deutet auf ihn und sagt: «Das ist nicht der Mann, den die Opfer kennengelernt haben». Vielleicht werden sie auch die Tonbandaufnahme spielen, die 2017 vom «New Yorker» veröffentlicht wurde und auf der Weinstein eine Frau mit aller Macht davon überzeugen will, mit ihm aufs Zimmer zu kommen. «Du musst jetzt herkommen», insistiert er und nimmt ihr «Nein» nicht hin. «Wenn du mich in diesem Hotel lächerlich machst -», droht Weinstein da weiter und röhrt: «Komm einfach mit rein, das bin ich gewöhnt.»

Es scheinen fast zwei verschiedene Personen zu sein, um die es in Saal 1530 geht - die Extreme pendeln zwischen Monster und Opfer. Am Ende des aufreibenden Sitzungstages schleicht Weinstein wieder mit seinem Rollator aus dem Gebäude. Dutzende Kameras verfolgen jeden zittrigen Schritt. Und vielleicht werden sich auch manche fragen, warum ein Multimillionär auf eine Standard-Gehhilfe mit aufgeschnittenen Tennisbällen an den Füßen angewiesen ist.

Veröffentlicht am:
23. 01. 2020
07:47 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
23. 01. 2020
07:47 Uhr



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