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Boulevard

Illustratorin Hauptmann wird 70

Eine berühmte Geschichte, ein leeres Blatt: Was inspiriert eine Illustratorin, die bekannte Märchen neu zeichnen will? Tatjana Hauptmann ist seit fast 50 Jahren im Geschäft.



Tatjana Hauptmann
Tatjana Hauptmann ist 70 Jahre alt geworden.   Foto: Andra Diglas/Hauptmann/dpa

Mit fliegendem Haar rauscht der kleine Häwelmann am Kirchturm vorbei, das Hemdchen als Segel gespannt. Ein bisschen ängstlich schaut er schon drein - so, als sei ihm die abenteuerliche Reise vielleicht doch nicht ganz geheuer.

Doch es geht weiter: «Junge», sagte der gute alte Mond, «hast du noch nicht genug?» «Nein!», schrie der kleine Häwelmann. «Mehr, mehr!» Tatjana Hauptmann ist die Schöpferin dieses Häwelmanns mit fliegendem Haar. Zumindest bildlich. Sie hat den Klassiker von Theodor Storm vor ein paar Jahren für den Diogenes-Verlag neu illustriert. «Mein Lieblingskinderbuch», sagt die geborene Wiesbadenerin der Deutschen Presse-Agentur. Am 1. Februar ist sie 70 Jahre alt geworden. Hauptmann lebt seit 40 Jahren in der Schweiz, neuerdings im Örtchen Fürstenau im Kanton Graubünden. Sie hat inzwischen einen Schweizer Pass.

Sie habe wunderbare Kindheitserinnerungen an die Häwelmann-Geschichte, erzählt sie. In den 50er Jahren habe sie eifrig Bildchen zu der Geschichte gesammelt, die ein Haferflockenhersteller den Packungen beilegte und mit denen man die ganze Geschichte später in einem Büchlein zusammenkleben konnte.

Inspiration findet Hauptmann in ihren Erinnerungen, ihrer Fantasie und auf der Straße. Ein Mensch mit lustigem Gang, ein Kellner mit einem bestimmten Gesichtsausdruck, eine Verkäuferin mit einer lustigen Geste kann das sein. «Ich bin ein Augenmensch, ich nehme alles im Hirn auf, und wenn ich zeichnete, kommen die Figuren oft von ganz allein.» Mit dem Bleistift beginnt Hauptmann vor dem leeren Blatt, dafür hat sie ein ganzes Arsenal an Stiften, von weich bis hart. Sie zeichnet Entwürfe, verwirft so manches, nutzt Aquarell und Buntstifte zum Kolorieren, und irgendwann passt es.

Hauptmann hat nach eigenen Angaben schon mit vier Jahren gezeichnet, zum Beispiel ihre Mutter, eine Ballerina, mit Kleid, Haarknoten und allem Drum und Dran. «Das Talent zum Zeichnen wurde mir wohl in die Wiege gelegt», sagt sie. Die ersten Kinderbücher habe sie mit 13 oder 14 gemacht, neben einer Lehre als Schriftsetzerin und Grafikerin.

In den 70er Jahren arbeitete sie für ein paar Jahre in der Zeichentrick-Werkstatt des ZDF und hat dort auch Mainzelmännchen gezeichnet. «Zum Geldverdienen, es war jetzt nicht das künstlerische Aha-Erlebnis», sagt Hauptmann. Die kleinen Pausenclowns seien damals lustiger gewesen als heute, meint sie. «Sie sind so grob geworden.»

Hauptmann hat viele Kinderbücher sowie «Geschichten aus Tausendundeiner Nacht», europäische Märchen, deutsche Balladen und Werke von Joachim Ringelnatz und Franz Kafka illustriert. 2016 zeichnete sie für eine neue Peter-Pan-Ausgabe. «Tatjana Hauptmann lässt die Magie auf jeder Seite in einem anderen Farbton erblühen», schreibt eine Kritikerin. Neue Projekte seien in der Pipeline, sagt Hauptmann. Das Wilhelm-Busch-Museum für Karikatur und Zeichenkunst in Hannover widmet ihr von Juli bis Oktober eine Ausstellung.

Illustratoren würden zwar oft als «Begleiterscheinung» zu den Autoren wahrgenommen, sie fühle sich aber stets gleichwertig, sagt Hauptmann. Als Bücherwurm vertieft sie sich immer in das Werk eines Autors, um dann für die Illustrationen jeweils einen anderen Stil zu entwickeln.

So lobt ein Kritiker, dass Hauptmann den «tanzenden, kreiselnden und stolpernden Reimen» des Autors in «Das große Ringelnatz-Buch» (2005) Zeichnungen zur Seite stellte, die selbst etwas Tänzerisches, Leichtes und Verspieltes hätten. Vor der Illustration von Kafkas «Die Verwandlung» (2012) fand Hauptmann heraus, dass der Autor den Käfer auf keinen Fall dargestellt haben wollte. Daran hielt sie sich. Einen Spaß erlaubte sie sich aber: auf dem Buchdeckel sind an ganz versteckter Stelle und winzig die Augen des Käfers zu sehen.

Veröffentlicht am:
01. 02. 2020
11:29 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
01. 02. 2020
11:29 Uhr



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