Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: 54. Hofer Filmtage75 Jahre FrankenpostCoronavirusJubiläumsgewinnspielBlitzerwarner

Boulevard

Jederfrau statt Jedermann - Milo Raus Stück in Salzburg

Zum 100. Jubiläum des Salzburger «Jedermanns» präsentieren die Festspiele einen Gegenentwurf. Doch auch Milo Raus «Everywoman» gibt keine befriedigenden Antworten auf den «Skandal der Sterblichkeit».



«Everywoman» in Salzburg
Ursina Lardi in «Everywoman».   Foto: Barbara Gindl/APA/dpa

Paradoxerweise war es nicht das Schicksal einer unheilbar Krebskranken, das an diesem Salzburger Theaterabend vielleicht am meisten berührte, sondern das eines Pferdes.

In Milo Raus neuem Dokutheaterstück «Everywoman», das am Mittwochabend in der Szene Salzburg, einem Off-Theater abseits des Festspielbezirks, uraufgeführt wurde, erzählt die Schauspielerin Ursina Lardi von einem Rennbahnerlebnis, als eines der Pferde vor ihren Augen in vollem Galopp stürzt und sich ein Bein bricht. Immer wieder versucht das tödlich verletzte Tier aufzustehen - vergeblich. Lardi schildert dies so eindringlich, dass man meint, ein Raunen im Publikum zu vernehmen.

Doch eigentlich steht ein Mensch im Mittelpunkt der eineinhalbstündigen pausenlosen Aufführung: Helga Bedau, eine unheilbar an Krebs erkrankte «Jederfrau», die sich dazu bereit erklärt hat, in dem Stück über ihr wenig spektakuläres Leben und ihren nahen Tod zu sprechen. Die Berlinerin ist während der Aufführung nur auf einer Videoleinwand zu sehen, nimmt aber zum Schluss persönlich die Ovationen entgegen. Im Stück sagt sie, sie wisse nicht mehr, ob sie die Premiere erleben werde. Doch das Schicksal war ihr gnädig, noch einmal.

Die auch aus «Tatort»-Krimis und anderen Filmen bekannte Schweizer Schauspielerin Ursina Lardi ist Helga Bedaus (reale) Bühnenpartnerin. Sie kommuniziert, zuweilen etwas holprig, mit der Leinwandfigur, berichtet aber auch aus ihrem eigenen Leben und reflektiert in einem großen Monolog über das Sterben und den Tod. Eingewoben in den Ablauf sind Zitate sowie die Bankettszene des Festspieldauerbrenners «Jedermann», bei der erstmals der Tod in das Leben des «reichen Mannes» tritt. Auf «Jedermanns» Platz sitzt Helga Bedau und hört allein die das Nahen des Todes verkündenden Glocken. Sie tönen aus einem Kassettenrekorder.

Der Titel «Everywoman» hätte nahegelegt, dass es sich bei dieser Uraufführung um ein feministisches Statement handelte. Doch darum geht es Rau nicht. Ihm geht es um den Tod und jene «gewaltige Einsamkeit» im Moment des Dahinscheidens. «Warum diese extreme Prüfung - allein? Was könnte eine künstlerische Antwort sein auf den Skandal unser aller Sterblichkeit?» So wird im Programmheft gefragt.

Um es kurz zu sagen: Auch Rau findet keine Antwort. Sie bleibt ähnlich vage und unbefriedigend wie in der aktuellen Domplatz-Version von Hugo von Hofmannsthals Original-«Jedermann», dessen Hauptdarsteller Tobias Moretti im «Everywoman»-Publikum saß.

Um der Einsamkeit des Todes zu entrinnen, gibt es eigentlich nur eine Antwort: den Glauben an Gott und die Auferstehung, der schon bei Hofmannsthal nicht viel mehr ist als Erinnerung. Doch seit Gott die Welt und die Menschen endgültig verlassen zu haben scheint, seit sich die Kirchen weniger um das Seelenheil ihrer Schäfchen kümmern als um die Bewältigung weltlicher Skandale, müssen die Schäfchen den Sinn des Todes im Diesseits suchen: Ein Ding der Unmöglichkeit, wie Lardis ebenso engagierter wie hilfloser Monolog über ein alle Zeiten und Menschen verbindendes «Om»-Mantra offenbart, in dem sich Lebende wie Sterbende aufgehoben fühlen sollen.

Dass dieser ambitionierte Theaterabend - mit Ausnahme der Schilderung des gestrauchelten Pferdes - kein wirkliches Mitfühlen ermöglicht, mag am Distanz evozierenden, halbvirtuellen liegen. Vielleicht aber war das Gefühl der Leere, das selbst am Schluss nicht weichen wollte, als Lardi auf einem Konzertflügel Bach spielt, auch Absicht des Regisseurs. Dem 43-jährigen Schweizer liegt erklärtermaßen an einer reinigenden, mitunter tröstenden Theater-Katharsis nichts.

© dpa-infocom, dpa:200820-99-238419/2

Veröffentlicht am:
20. 08. 2020
12:12 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Kriminalromane und Thriller Kunst- und Kulturfestivals Künstlerinnen und Künstler Mortalität Regisseure Salzburger Festspiele Schauspielerinnen Tobias Moretti Tod und Trauer Ursina Lardi
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
"Jedermann"

22.08.2020

Salzburg feiert 100 Jahre «Jedermann»

Festtag bei den Salzburger Festspielen: Zum «Jedermann»-Tag werden unter anderem die Bundespräsidenten Van der Bellen und Steinmeier erwartet. » mehr

Heike Makatsch

28.09.2020

Heike Makatsch: Der Gedanke an den Tod wird stärker

Die Schauspielerin setzt sich nicht nur im Film, sondern auch privat mit der Sterblichkeit auseinander. » mehr

«Jedermann»-Tag

23.08.2020

«Jedermann»-Festaufführung leidet unter Schnürlregen

Zum 100. Geburtstag des «Jedermann» ließen die Salzburger Festspiele diverse Stars antreten. Die Festaufführung mit präsidialem Besuch auf dem Domplatz fiel jedoch ins Wasser. » mehr

Hofer Filmtage

19.10.2020

Hofer Filmtage im Kinosaal und online

Das Festival für Filmliebhaber und Künstler soll trotz der Corona-Krise stattfinden - wie gewohnt im Kino oder vom heimischen Sofa aus. » mehr

«Jugend ohne Gott»

29.07.2019

Horváths «Jugend ohne Gott» in Salzburg gefeiert

Ödön von Horváth beschrieb in seinem antifaschistischen Exilroman «Jugend ohne Gott», wie sich eine Gesellschaft brutalisiert. Die historisierende Bühnenadaption bei den Salzburger Festspielen lässt aufklärerische Wucht ... » mehr

Salzburger Festspiele

02.08.2020

Eröffnung der Salzburger Jubiläumsfestspiele

Die Salzburger Jubiläumsfestspiele eröffnen trotz Corona-Pandemie. Der Einakter «Elektra» übertraf die hochgespannten Erwartungen, während der «Jedermann» nicht nur unter den Wetterunbilden litt. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Filmtage Samstag

Hofer Filmtage - Samstag | 24.10.2020 Hof
» 36 Bilder ansehen

Premierenfeier Theater Hof

Premierenfeier Theater Hof | 26.09.2020 Hof/Selb
» 14 Bilder ansehen

Selber Wölfe - Black Dragons Erfurt 3:2 n.P. Selb

Selber Wölfe - Black Dragons Erfurt 3:2 n.P. | 23.10.2020 Selb
» 47 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
20. 08. 2020
12:12 Uhr



^