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Lieber in der zweiten Reihe: Ignaz Kirchner ist tot

Seit mehr als 30 Jahren war Ignaz Kirchner am Burgtheater in Wien. In fast jeder bedeutenden Inszenierung war er zu sehen. Jetzt ist der Schauspieler im Alter von 72 Jahren gestorben.



Ignaz Kirchner
Ignaz Kirchner als «Alfons der Zweite» in «Torquato Tasso».   Foto: Herbert Neubauer/APA

Eigentlich wollte Ignaz Kirchner Buchhändler werden. Doch erst auf der Bühne fand der gebürtige Deutsche seine wahre Berufung. Jahrzehntelang prägte der Schauspieler die deutschsprachige Theaterwelt und arbeitete mit allen Größen der Branche zusammen.

Dabei legte er seine Rollen gerne hintergründig an. Am Mittwochabend ist der Charakterdarsteller, der am Wiener Burgtheater seine Heimat fand, mit 72 Jahren nach langer Krankheit gestorben. «Das Burgtheater trauert um den großen Schauspieler», teilte das Schauspielhaus am Donnerstag mit.

Zur Welt kam Kirchner am 13. Juli 1946 in Wuppertal. Über seine Kindheit redete er nicht besonders gern. Seine Mutter war lesbisch, sein Vater schwul. «Ich habe bis zum Tod meiner Eltern auf die Frage, wie ich entstanden bin, keine Auskunft bekommen», sagte er einmal. Seine Mutter war sehr streng. Als er seine erste, deutlich ältere Freundin nach Hause brachte, wies sie ihn in die Psychiatrie ein. Durch die Identifikation mit anderen Figuren - zuerst in Büchern, dann auf der Bühne - konnte sich Kirchner der schwierigen Familie zumindest zeitweise entziehen.

Mit zehn Jahren kam er das erste Mal nach Österreich, damals in ein katholisches Internat nach Vorarlberg. Viele Jahre später sollte die österreichische Hauptstadt seine Heimat werden. Mit kurzer Unterbrechung war er mehr als 30 Jahre in Wien. «Man könnte bequem, satt, gemütlich werden», erzählte er. Doch die Leidenschaft zum Theater bewahrte ihn davor.

Noch während seiner Schauspielausbildung in Bochum erhielt er 1970 seine erste Rolle in Alfred Kirchners Vitrac-Inszenierung «Der Coup von Trafalgar». 1974 wurde er von Claus Peymann nach Stuttgart geholt und gehörte vier Jahre lang zum Ensemble. Es folgten Spielzeiten in Bremen, München und Köln. In den Münchner Kammerspielen traf er zum ersten Mal auf George Tabori. Der britische Regisseur und Theaterautor hat genau wie der deutsche Intendant Peter Zadek sein künstlerisches Leben maßgeblich begleitet.

Gemeinsam mit Claus Peymann kam Kirchner nach Wien und wurde 1987 am Burgtheater Ensemblemitglied. Bereits seine Antrittsrolle als Schlomo Herzl in Taboris «Mein Kampf» wurde als großer Erfolg gefeiert. In den kommenden Jahrzehnten spielte er in nahezu allen bedeutenden Inszenierungen mit und galt als unverzichtbare Stütze des Hauses. Das Schauspiel war auch für sein eigenes Seelenleben wichtig. «Wenn die Vereinigung mit der Rolle gelingt, bin ich mir am nächsten», sagte er. Kirchner zeichneten vor allem seine Unverwechselbarkeit, seinen Realitätssinn und seinen schwarzer Humor aus, erklärte die Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann.

Bis heute unvergessen bleibt die kongeniale Zusammenarbeit mit dem deutschen Kammerschauspieler Gert Voss. Dass Voss die Siegertypen auf der Bühne spielte und er in der zweiten Reihe stand, störte den Schauspieler mit Glatze und auffälliger runder Brille nicht. Kirchner wollte nie den glatten Liebhaber spielen.

Kirchner stand auch vor der Kamera, drehte unter anderem mit den Regisseuren Leander Haußmann («Sonnenallee», «NVA», «Dinosaurier - Gegen uns seht ihr alt aus!»), Detlev Buck («Männerpension») und Michael Verhoeven («Zimmer mit Frühstück»). Zwischen 1992 und 1997 spielte Kirchner auch am Deutschen Theater Berlin und am Thalia Theater Hamburg.

Nach einer privat schwierigen Zeit nahm er in den 70er Jahren viel zu und wog bis zu 120 Kilo. Auf der Bühne habe ihm das nur Vorteile gebracht, weil er dadurch die interessanteren Rollen ergattert habe. Auch die vielen Zigaretten wollte er sich nie abgewöhnen. Zu wichtig wollte Kirchner seinen Beruf nie nehmen. Er verstand sich eher als Werkzeug der Schriftsteller und Regisseure. Seine letzte Rolle an der «Burg» war der Gerbermeister Morten Kiil in «Ein Volksfeind» von Henrik Ibsen in der Regie von Jette Steckel.

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dpa

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Veröffentlicht am:
27. 09. 2018
13:09 Uhr

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27. 09. 2018
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