Lade Login-Box.
Topthemen: Bilder vom WochenendeHofer Volksfest 2019BlitzerwarnerGerch

Boulevard

Menschen im Krieg: Das Lebenswerk der Anja Niedringhaus

Ein totes Mädchen im Schnee von Sarajevo, ein US-Soldat mit Spielzeugpuppe in Falludscha. Die Fotografin Anja Niedringhaus dokumentierte Menschen im Krieg. Sie gab alles dafür. Das Ende kam, als sie sich gerade besonders sicher fühlte.



Anja Niedringhaus - Bilderkriegerin
Lebensfreude in Afghanistan.   Foto: Oliver Berg/dpa » zu den Bildern

Unbändige Lebensfreude steht im Gesicht des kleinen Jungen geschrieben. Vor einer dunklen Bergkette lässt er einen selbst gebastelten Drachen steigen - das war unter den Taliban verboten.

Das Foto aus Afghanistan ist charakteristisch für das Lebenswerk der Pulitzer-Preisträgerin Anja Niedringhaus (1965-2014). Seine Botschaft: Lasst ihn spielen!

Es ist nicht in erster Linie der Krieg, den Anja Niedringhaus fotografiert hat. Es sind die Menschen im Krieg. Das zeigt die große Ausstellung «Anja Niedringhaus - Bilderkriegerin», die vom 29. März bis zum 30. Juni im Käthe-Kollwitz-Museum in Köln zu sehen ist.

Anja Niedringhaus stammte aus Höxter in Westfalen. Schon früh weiß sie, dass sie fotografieren will. 1990 bekommt sie eine Festanstellung bei der European Pressphoto Agency (EPA). Als ein paar Jahre später mitten in Europa Krieg ausbricht, will sie dorthin. In die belagerte Stadt Sarajevo. Unbedingt. Eines Tages - so erzählt es Ausstellungskuratorin Sonya Winterberg - läuft ein kleines Mädchen mit einem Schlitten an ihr vorbei. Niedringhaus wundert sich noch, dass das weiterhin möglich sein soll in der einstigen Olympiastadt. Minuten später liegt das Kind tot auf dem Boden, seine Mutter beugt sich darüber.

«Wenn die das Foto sehen, dann hört das morgen auf, dann ist Sarajevo befreit.» Dieser naive Glaube sei ihr mit den Jahren verloren gegangen, sagt sie später in einem Fernsehinterview. Aber was ihr nie abhanden gekommen sei, sei die Überzeugung: «Wir haben eine Aufgabe als Journalist, wir haben eine gesellschaftliche Pflicht.»

2004 erhält Anja Niedringhaus als erste deutsche Fotografin den Pulitzerpreis für das Bild eines amerikanischen Soldaten während der blutigen Schlacht um Falludscha im Irak. Man sieht den Mann nur von hinten - er hat «GI Joe», eine Spielzeugfigur, auf seinem Rücken. Als Glücksbringer. Die Soldaten erscheinen bei Niedringhaus selbst als Opfer des Krieges. Es sind blutjunge Männer, die aus der amerikanischen Provinz in eine fremde, brennende Welt katapultiert worden sind.

Unter Kollegen - Kolleginnen gibt es so gut wie nicht - ist Anja Niedringhaus bekannt für ihr ansteckendes, lautes Lachen. In ruhigen Momenten erzählt sie von zuhause. Sie lebt bei der Familie ihrer Schwester auf einem Bauernhof. Ihr Rückzugsort. Ihr zweiter Ausgleich ist die Sportfotografie, in Wimbledon, bei Olympia. Eine völlig andere Welt sei das gewesen, sagt Kuratorin Winterberg.

Natürlich ist die Arbeit lebensgefährlich. Im Irak kommen 60 Prozent der US-Einheit, die sie begleitet, ums Leben, einer direkt vor ihr. 2010 läuft sie in Afghanistan mit Soldaten durch eine Gasse, der vorderste tritt mit dem Fuß nach einem Huhn. Sie drückt auf den Auslöser. Sekunden später schlägt eine Granate ein - sie wird durch Splitter schwer verletzt. Das Bild hängt jetzt in der Ausstellung.

Aber sie muss wieder zurück. In die wilde Schönheit Afghanistans hat sie sich regelrecht verliebt, das dokumentieren ihre Bilder, die mitunter wie gemalt wirken. Noch mehr beeindrucken sie die Menschen: «Ich erlebe Wesenszüge, die bei uns fast nicht mehr existieren - Dinge zu teilen etwa, oder grenzenlose Offenheit», schwärmt sie in einem Interview. «Wie oft habe ich schon bei Familien geschlafen - die kennen mich doch gar nicht.»

4. April 2014, die afghanische Unruheprovinz Chost. Anja Niedringhaus fotografiert Polizisten, die einen Konvoi bewachen. Sie lächeln, alles scheint sicher. Danach setzt sie sich in ein Auto zu ihrer schreibenden Reporterkollegin und Freundin Kathy Gannon von der Nachrichtenagentur AP. Plötzlich tritt ein Polizist auf sie zu und schießt mit einer Kalaschnikow. Er feuert das ganze Magazin leer. Kathy Gannon überlebt, Anja Niedringhaus ist sofort tot. Auf dem Rücksitz des Wagens liegt ihre Kamera mit Einschusslöchern. Auch sie ist jetzt Teil der Ausstellung.

Kathy Gannon ist auch danach wieder nach Afghanistan zurückgekehrt, um von dort zu berichten. «In schwachen Momenten denke ich: Warum sie, warum nicht ich?», hat sie einmal in einem Fernsehinterview gesagt. «Aber ehrlich gesagt: Ich habe nie gedacht, wir hätten da nicht hinfahren sollen. Denn Anja hätte es gewollt.»

Veröffentlicht am:
28. 03. 2019
17:06 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Ausstellungen und Publikumsschauen Bergketten Fotografinnen und Fotografen Kalaschnikow Käthe-Kollwitz-Museum Momente Mädchen Olympiastädte Pulitzer-Preis Taliban US-Soldaten Wimbledon
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Musiker und Fotograf Brönner

02.07.2019

Till Brönner fotografiert den «Melting Pott»

«Momentaufnahme» nennt Ausnahme-Trompeter Till Brönner seinen fotografischen Blick aufs Ruhrgebiet. Zu sehen in einer neuen Fotoausstellung in Duisburg. » mehr

Wimbledon - Kate und Meghan

14.07.2019

Meghan und Kate beim Wimbledon-Frauenfinale

Zuletzt gab es Gerüchte über das Verhältnis der beiden Herzoginnen Kate und Meghan. Jetzt zeigten sich beide bestens gelaunt in Wimbleton. » mehr

Kate und Meghan

13.07.2019

Meghan und Kate wollen gemeinsam Wimbledon-Finale anschauen

Zuletzt gab es Gerüchte, Kate und Meghan verstünden sich nicht mehr gut. Die Herzoginnen wollen jedoch gemeinsam das Wimbledon-Finale der Damen schauen. Für wen zumindest eine von beiden ist, scheint vorab klar zu sein. » mehr

Oliver Pocher

12.07.2019

Oliver Pocher ersteigert Pokale von Boris Becker

Oliver Pocher und Boris Becker beharkten sich schon öfter in der Öffentlichkeit. Nun nutzt die TV-Ulknudel eine schwierige Phase der Tennis-Legende für einen medialen Clou. Ist er zu weit gegangen? » mehr

Boris Becker

11.07.2019

Zwangsversteigerung von Becker-Erinnerungsstücken zu Ende

Auf den letzten Drücker steigen die Gebote für die Erinnerungsstücke des insolventen Ex-Tennisstars noch einmal kräftig an. Boris Becker lässt sich von dem Ausverkauf seiner Trophäen aber nicht die Laune beim Wimbledon-T... » mehr

Aretha Franklin

16.04.2019

Aretha Franklin posthum mit Pulitzer-Preis ausgezeichnet

Sie war eine der großartigsten Sängerinnen Amerikas. Vor gut einem halben Jahr ist die «Queen of Soul» gestorben. Jetzt wurde Aretha Franklin posthum geehrt. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Wiesenfest Stammbach

Wiesenfest Stammbach | 21.07.2019 Stammbach
» 18 Bilder ansehen

Wiesla Rock Club Sommerfest - Freitag

Wiesla Rock Club Sommerfest - Freitag | 19.07.2019 Hof
» 18 Bilder ansehen

FC Eintracht Bamberg - SpVgg Bayern Hof 6:4

FC Eintracht Bamberg - SpVgg Bayern Hof 6:4 | 20.07.2019 Bamberg
» 34 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
28. 03. 2019
17:06 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".