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Boulevard

Schorsch Kamerun bespielt «Stuttgart 21»

Die bekannteste Baustelle des Landes wird zum Kulturstoff: In der Baugrube von Stuttgart 21 will ein Musiktheater zeigen, was aus dem Milliarden-Projekt werden könnte, wenn man sich von Geld und Verträgen, von Konsum und Beton verabschiedet.



Schorsch Kamerun
Regisseur Schorsch Kamerun bei der Generalprobe des Musiktheaterstücks «Motor City Super Stuttgart».   Foto: Bernd Weißbrod » zu den Bildern

Die Bühne ist ein Loch mitten in der Stadt - ein gewaltiger Schlund, der sich auftut hinter den Bauzäunen zwischen Fußgängerzone, Planetarium und Park. Und für kurze Zeit ist die Bühne auch ein Boulevard, ein Beach, eine Besucherterrasse. 

Als «Stuttgart 21» berühmt und auch berüchtigt geworden, verliert die Baugrube der Nation am Hauptbahnhof der Stadt an den kommenden Abenden ein wenig von der Distanz, die viele in Stuttgart zu ihr aufgebaut haben. Nicht Betonbauer, Eisenbieger und Ingenieure bespielen dann diesen Teil des milliardenschweren Bauprojektes. Vielmehr übernehmen Laienchöre, Streicher und ein bekannter Punk-Musiker die Bühne im Scheinwerferlicht, wenn Regisseur Schorsch Kamerun unter dem Titel «Motor City Super Stuttgart» seine Vision für Stuttgart 21 präsentiert.

Diese Version ist bunt, sie ist ein wenig schrill, mutig und sicherlich in den Augen der meisten gänzlich unrealistisch. Denn für den Regisseur und Sänger der Band Die Goldenen Zitronen hat Stuttgart 21 keine Zukunft. «Mich beeindruckt dieser technische Wirkungs- und Geltungskampf nicht mehr», sagte Kamerun vor der Uraufführung des Stücks am Donnerstagabend (19.30 Uhr). Symbolisch stehe der Bahnhof für das Gegenteil dessen, was derzeit gezeigt werden sollte, «das Unaufgeblähte, das Nichtausgebreitete».

Deshalb gibt er kein Pro und Contra vor. Vielmehr geht «Motor City Super Stuttgart» davon aus, dass der Mega-Bau bereits gescheitert ist. Kein Vor oder Zurück soll es geben, sondern einen neuen Ansatz. 

Die «Baustellensinfonie» führt der 56-Jährige mit Einverständnis des verantwortlichen Vereins Bahnprojekt Stuttgart-Ulm auf. Durchaus offen sei man, sagt dessen Vertreter David Bösinger, «weil die Leute informiert sein sollen über das Projekt und sich dann auch eine Meinung bilden können».

Das Orchester musiziert direkt unter einer der massiven Kelchstützen an den künftigen Gleisen, das Publikum nimmt mit Kopfhörern ausgestattet Platz unter der zweiten der bislang drei fertiggestellten Stützen, die die spätere Dachkonstruktion tragen sollen. Dort, wo später Fernzüge einfahren werden, zeichnen Kamerun und sein recht bunt zusammengestelltes Team aus Profis und Laien ein Bild von einer Region in Grau: «Wer will wie noch wo erwecken, alles bloße Wiederkehr», singt er - und bietet gleich dabei seine Perspektive für Stuttgart 21 an: ein Laufsteg der Gesellschaft könnte es werden, ein Garten für alle, ein Labor für Mutige und eine Zuflucht für Suchende, eine Art utopischer Lebensmodell-Park. Ein kollektiv genutzter Ort, an dem man weder kaufen noch verwerten kann. 

Eine Wende also? Nein, das will die musizierende und spielende Motor City-Clique nicht. Sie plädiert nicht für den Kopf- oder für den Durchgangsbahnhof, wie es die Gegner und die Befürworter des Projektes tun. Kamerun tritt voll auf die Bremse - und will am liebsten nichts mehr verändern. «Alles so lassen in seiner scheinbaren Katastrophe», formuliert es Schauspieler Robert Ro?ic , der unter anderem einen Investor mimt. «Wir schaffen das, weil wir es lassen.» Warum nicht denselben Weg gehen wie Detroit Motor City, die gescheiterte US-Autometropole, die auferstanden ist aus den Ruinen der Finanzkrise?

Fast punkig begleiten die Stuttgarter Philharmoniker diesen Weg an einigen Stellen, schräg bisweilen. Passende Punk-Klassiker wie «Zurück zum Beton» von S.Y.P.H. dürfen als Anspielungen an einem Abend mit Kamerun ebenso wenig fehlen wie «Wir bauen eine neue Stadt», das eigentlich aus der Kinderoper von Paul Hindemith stammt, in der Baugrube aber in einer Version der Hamburger Gruppe Palais Schaumburg gespielt wird. Und selbst Händel hat einen Auftritt: Seine Arie «Ombra mai fiu» singt Sopranistin Josefin Feiler vor der Kulisse von Baukränen und Stahlgerüsten.

Ein bunter, ein kurzweiliger Abend, von dem neben Anregungen für eine vielleicht ja bessere Welt vor allem die Bilder bleiben: die überdimensionale aufgeblasene Giraffe, die ihren Hals aus dem Bauloch reckt; die joggende Schauspielerin auf der Bau-Bühne; die Hobby-Gärtner der Urban Gardening Initiative, die Topfpflanzen in Schubkarren vorbeiziehen und die graue Betonszene mit grünen Tupfern versehen; ein Hochzeitspaar, das sich unter einem aufgeblasenen Regenbogen das Ja-Wort gibt in einer perfekten Welt; Liegestühle und breite Sonnenhüte, ein Astronaut und das Märchen von den Elefanten beim Baustellenbesuch. 

Veröffentlicht am:
19. 09. 2019
13:07 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
19. 09. 2019
13:07 Uhr



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