Lade Login-Box.
Topthemen: 30 Jahre GrenzöffnungBilder vom WochenendeHofer Filmtage 2019VER Selb

Boulevard

Schriftsteller Wilhelm Genazino gestorben

Er hat zig wichtige Auszeichnungen, war ein Großer seines Fachs. Nun ist der Autor Wilhelm Genazino gestorben. Unterwegs arbeitete er mit kleinen Zettelchen, daheim an der Schreibmaschine.



Wilhelm Genazino
Der Schriftsteller Wilhelm Genazino (2007).   Foto: Arne Detert

Angst war ein großes Thema für Wilhelm Genazino. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, erlebte als Kind die Nachkriegszeit im zerbombten Mannheim intensiv. Das hat den Schriftsteller geprägt, seine Identität mit dem skeptischen Blick auf Dinge.

Als er verheiratet war, hatte Genazino dauernd Angst, dass die Ehe scheitern könnte. Wohl eine Vorahnung, es folgte die Scheidung. Vor seinem 70. Geburtstag begründete er, dass er noch immer ohne Handy und Computer lebt, mit einer «natürlichen inneren Alarmglocke vor zu großen Risiken». Er tippte an der Schreibmaschine. Und vor jedem Buch hatte er Versagensängste - trotz seines Erfolgs. Nun ist Genazino im Alter von 75 Jahren nach kurzer Krankheit gestorben.

Der Autor von Werken wie «Wenn wir Tiere wären» (2011), «Bei Regen im Saal» (2014) und «Außer uns spricht niemand über uns» (2016) starb am Mittwoch. Das teilt der Carl Hanser Verlag am Freitag in München in knapper Meldung mit. Darin enthalten ist ein kurzer Auszug aus dem Reigen an Preisen, mit denen Genazinos Schaffen gewürdigt wurde: der Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt 2004 und die Goetheplakette der Stadt Frankfurt 2014. Auf die Liste gehören eigentlich auch der Heinrich-von-Kleist-Preis, der Hans-Fallada-Preis, der Kunstpreis Berlin und der Große Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.

Wenn er unterwegs war, hatte Genazino kleine weiße Zettelchen und einen Bleistift dabei, um Alltagsbeobachtungen zu notieren. Detailreich und skurril beschrieb er die dann in seinen Büchern. Die Protagonisten seiner Romane sind stets Außenseiter, die sich auf durchaus kreative Art mit dem Leben auseinandersetzen. Eine eigenwillige Mischung aus Traurigkeit und Komik besitzen diese Anti-Helden, die Genazino «Individualisten wider Willen» nannte.

Bei der Laudatio zur Büchner-Preis-Verleihung sagte Literaturkritiker Helmut Böttiger, Genazinos Bücher seien «immer stiller geworden, immer leichter - und immer schwerer zu fassen». Genazino sagte in der Dankesrede: «Beide, der Schriftsteller und der Betende, teilen die metaphysische Zuversicht, durch das Schweigen hindurch gehört und sogar verstanden zu werden. Und: bei beiden ist eine Einsicht in die Vergeblichkeit ihrer Anstrengungen vorhanden. Dennoch kümmert es beide nicht, ob sie von anderen für zurechnungsfähig gehalten werden oder nicht.» Manchmal träume er von einer Schule der Besänftigung, die uns etwas von dem beibringen könnte, was wir dringend brauchen. «Unterrichtet würden die Fächer Existenzkunst, Enttäuschungspraxis, Sehnsuchtsabbau, Fremdheitsüberlistung, Hoffnungsclownerie.»

Genazino war ein ebenso freundlicher wie zurückhaltender Mensch, der die Beobachterrolle liebte. «Ich brauche die Halbdistanz», sagte er einmal. Schreiben bedeutete für ihn Leben. In der Dankesrede für den Samuel-Bogumil-Linde-Literaturpreis der Städte Torun und Göttingen im Jahr 2014 sagte er: «Als ich anfing zu schreiben, war ich siebzehn Jahre alt, und das Schreiben war zu diesem Zeitpunkt ein Akt des Widerstands: gegen die Schule, gegen den Mangel, gegen die Eltern, gegen die damals einsetzende Fernsehsucht, die nach meinem damaligen Empfinden schuld war an der wachsenden Stummheit der Menschen.»

Genazino wurde am 22. Januar 1943 in Mannheim geboren und lebte als freier Autor in Frankfurt. Erst arbeitete er als Journalist etwa bei der Satire-Zeitschrift «Pardon». Dann studierte er Germanistik. Er schrieb Hörspiele, bevor er mit seiner Angestellten-Romantrilogie «Abschaffel» (1977), «Die Vernichtung der Sorgen» (1978) und «Falsche Jahre» (1979) bekannt wurde. Genazinos Werk wurde in viele Sprachen übersetzt. Sein letzter Roman «Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze» erschien im Frühjahr 2018. Genazino hinterlässt eine Tochter.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
14. 12. 2018
16:17 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Akademien Carl Hanser Verlag Georg-Büchner-Preis Metaphysik Preisverleihungen und Auszeichnungen im Bereich Literatur Satirezeitschriften Schreibmaschinen Stadt Frankfurt Tod und Trauer Versagensangst Wilhelm Wilhelm Genazino
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Peter Hamm

23.07.2019

Lyriker und Essayist Peter Hamm gestorben

17 Jahre war Peter Hamm alt, als er schon Gedichte veröffentlichte. Bald machte er sich mit Lyrik und klugen Essays einen Namen. Auch seine Meinung als Literaturkritiker war gefragt. » mehr

Brigitte Kronauer

23.07.2019

Schriftstellerin Brigitte Kronauer gestorben

Sie schrieb über den Norden, die Liebe, Sehnsüchte und das Leben. Für ihre Romane wurde Brigitte Kronauer mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet. Sie gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Gegenwartsautorinnen. I... » mehr

Lukas Bärfuss

02.11.2019

Georg-Büchner-Preis an Lukas Bärfuss verliehen

Der Dramatiker Lukas Bärfuss warnt vor dem Vergessen. Es sei wichtig, an Nazi-Diktatur und Holocaust zu erinnern. Für sein Werk hat der 47-Jährige den Georg-Büchner-Preis bekommen. » mehr

Jean-Paul Dubois

04.11.2019

Prix Goncourt für Jean-Paul Dubois

Jean-Paul Dubois gehört zu Frankreichs bekannten Gegenwartsautoren. Mit einem Buch über das Ende des Glücks hat er den begehrten Prix Goncourt gewonnen - und sich gegen Bestsellerautorin Amélie Nothomb durchgesetzt. » mehr

Terézia Mora

28.10.2018

Terézia Mora erhält Georg-Büchner-Preis

Büchner-Preisträgerin Terézia Mora äußert sich in ihrer Dankesrede besorgt über «hetzerisches Reden» in Deutschland - auf Regierungsebene und im Privaten. » mehr

Margaret Atwood

15.10.2019

Autorinnen Evaristo und Atwood gewinnen Booker-Preis

Es ist ein kleiner Eklat in der britischen Literaturszene: Der Booker-Preis wird in diesem Jahr geteilt, obwohl die Regeln das inzwischen verbieten. Geehrt werden zwei Frauen, die über Frauen schreiben. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

A 9: Lkw-Anhänger geht in Flammen auf Rudolphstein/Bad Lobenstein

A 9: Lkw-Anhänger geht in Flammen auf | 11.11.2019 Rudolphstein/Bad Lobenstein
» 20 Bilder ansehen

Wunsiedel

20. Wunsiedler Kneipennacht | 09.11.2019 Wunsiedel
» 98 Bilder ansehen

Kickers Selb - FC Vorwärts Röslau

Kickers Selb - FC Vorwärts Röslau | 09.11.2019 Selb
» 5 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
14. 12. 2018
16:17 Uhr



^