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Schwarze Frau als Germania - Kritik an Rammstein-Video

Grenzverletzungen sind bei Rammstein wenig überraschend. Beim Spiel mit Gewalt, Sex, Nazi-Ästhetik oder der Kombination von allem scheint Empörung kalkuliert - und die Fans feiern.



Rammstein
Till Lindemann und seine Band Rammstein haben mit ihrem neuen Video heftige Proteste ausgelöst.   Foto: Axel Heimken

Germania ist eine Frau. Hautfarbe: schwarz. Im umstrittenen Rammstein-Video «Deutschland» ist die Berliner Schauspielerin Ruby Commey die zentrale Figur.

Sie kämpft als Germanin im Teutoburger Wald, steckt in Ordensritterrüstung, zieht die Fäden im Stasi-Quartier, mimt die eiskalte SS-Schergin. Um Germania herum toben von Testosteron, Verzweiflung und Gewalt getriebene Männer, meist die sechs Rammstein-Mitglieder, im Parforceritt durch Jahrtausende deutscher Geschichte.

Vor allem wegen des Trailers zur neuen Single gibt es anhaltende Kritik. Gut 30 Sekunden lang sind vier Band-Musiker zu sehen, die mit ihrer Kleidung an KZ-Gefangene erinnern. «Die Dramaturgie war wohl bewusst gewählt - und hat funktioniert», sagt Torsten Groß mit Blick auf die Empörungswelle. Der freie Autor und Musikkritiker hat als Rammstein-Experte für den «Rolling Stone» eines der seltenen Interviews der vergangenen Jahre mit der Band führen können.

Das sei bei früheren Veröffentlichungen sehr ähnlich gelaufen, sagt Groß. Die Wahl der Sequenz - die im mehr als neunminütigen Video erst im Abspann steckt - bezeichnete er als «zynisch und nicht besonders gut». Bei der Botschaft hatte Groß allerdings keine Zweifel: «Ich habe fest damit gerechnet, dass es ein explizites politisches Statement in die andere Richtung werden würde.»

Rammstein, obgleich nach eigenen Angaben als Ostdeutsche sozialistisch sozialisiert, wurden in ihrer 25-jährigen Karriere immer wieder am rechten Rand vermutet. Ihre Coverversion von «Stripped» unterlegten sie auch mit Filmmaterial der Nazi-Ikone Leni Riefenstahl. Anschließende Vorwürfe und daraus resultierende Selbstkritik mündeten im Bekenntnissong «Links 2 3 4». Nun also dieses für Groß klare Statement, «allerdings machen sie das eben auf eine für Rammstein typische Weise».

«In Deutschland wird sehr viel Wert gelegt auf Eindeutigkeit im politischen Kontext», sagt Groß, «dass Rammstein sich traditionell den Luxus der Ambivalenz leisten, macht sie für viele angreifbar.» Vielleicht sei das aber auch ein Grund für den riesigen internationalen Erfolg.

Schwierig könnte es etwa werden, wenn während der ausverkauften Konzerte der diesjährigen Stadiontour Zehntausende die Sequenz «Deutschland, Deutschland über allen» mitgrölen sollten. Die im Song aus der schwer zu missdeutenden Alliteration «überheblich, überlegen, übernehmen, übergeben, überraschen, überfallen» resultierende Zeile unterscheidet sich eben nur im letzten Konsonanten vom Einstieg der verbotenen ersten Strophe des Deutschlandliedes.

Auch nach Veröffentlichung des kompletten Videos reißt die Kritik daran nicht ab. «Der Wert dieses Videos als künstlerische Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und Deutschland als Vaterland liegt weit unter Null», sagt der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner. «Die Bandmitglieder toben mit ihren Gewaltfantasien durch die deutsche Geschichte wie aufgeputscht, getrieben von der Gier nach möglichst blutrünstigen Bildern und Szenen, die auch vor den deutschen Konzentrationslagern nicht halt machen.» Für Überlebende seien solche Videos empörend und abstoßend.

Dagegen schätzt neben der internationalen Fan-Gemeinde und einigen Kritikern auch der Rammstein-Experte Groß das Video. Die «in jeglicher Hinsicht gewaltige Materialschlacht» sei absehbar gewesen, nachdem zehn Jahre lang kein neues Album erschienen sei. «Varus-Schlacht, Ordensritter, Befreiungskriege, Hindenburg, Sigmund Jähn, RAF, Bismarck, Marx, die finstersten zwölf Jahre», viel deutsche Geschichte finde sich im Video und summiere sich zu einem «expliziten politischen Statement dieser Männer, die sich so eindeutig bis jetzt noch nicht geäußert haben». Rammsteins ambivalentes Verhältnis zu Deutschland und seiner Geschichte münde «in der völlig unzweideutigen Aussage: "Meine Liebe kann ich dir nicht geben".»

Die zentrale Figur der schwarzen Germania sieht Groß als Umkehrung der Täter-Opfer-Rolle der Kolonialzeit, Antwort auf den aktuellen Rassismus sowie Verweis auf die #metoo-Debatte mit der Figur des sogenannten alten weißen Mannes. «Rammstein ist eine Band, die im Grunde so maskulin und archaisch ist wie keine andere in ihrer gesamten Außendarstellung.» Und gleichzeitig auch ironisch mit der dargestellten Männlichkeit umgehe.

Und die Musik? «Absolut nichts Neues», findet Experte Groß, «musikalisch ist das Rammstein-Kern-DNA, das ist ihr Stil. Ich weiß auch nicht, ob etwas anderes funktionieren würde.»

Veröffentlicht am:
29. 03. 2019
16:57 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
29. 03. 2019
16:57 Uhr



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