Lade Login-Box.
Topthemen: Bilder vom WochenendeHofer Volksfest 2019BlitzerwarnerGerch

Boulevard

Schwedische Akademie: Frostenson bricht ihr Schweigen

Wie wehrt sich eine Schriftstellerin gegen Vorwürfe, für einen der größten Skandale in der Geschichte der Nobelpreise verantwortlich zu sein? Richtig: mit Hilfe eines Buchs.



Katarina Frostenson
Katarina Frostenson.   Foto: Jonas Ekstromer/TT/AP

Sie spricht von Verbannung, einem harten Kampf ums Überleben und Intrigen: Die schwedische Dichterin Katarina Frostenson hat sich erstmals öffentlich gegen die Vorwürfe rund um den Skandal bei der Schwedischen Akademie zur Wehr gesetzt.

Wie es sich für eine Schriftstellerin gehört, tut sie dies mit Hilfe eines Buchs - und muss nicht lange auf Kritik an ihrer Sicht der Dinge warten.

Ein kurzer Rückblick: Die Schwedische Akademie, die über die Grenzen Skandinaviens vor allem als Vergabe-Institution des Nobelpreises für Literatur bekannt ist, ist vor gut anderthalb Jahren in eine tiefe Krise gestürzt. Im Mittelpunkt des Skandals: Frostenson und ihr Ehemann Jean-Claude Arnault. Diesem haben 18 Frauen im November 2017 im Zuge der #MeToo-Enthüllungen sexuelle Übergriffe und Belästigung vorgeworfen. Anfang Dezember 2018 wurde er von einem Berufungsgericht in Stockholm gar wegen Vergewaltigung zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, das Urteil ist mittlerweile rechtskräftig.

Als wäre das nicht genug, warf die Akademie den beiden auch vor, die Literaturnobelpreisträger vorab ausgeplaudert und damit gegen ihre Geheimhaltungspflicht verstoßen zu haben. Wegen des Streits gab es 2018 keinen Literaturnobelpreis. In diesem Jahr sollen nun zwei Preise - einer für 2018 und einer für 2019 - vergeben werden.

Frostenson, seit 1992 Mitglied der Akademie, schwieg im Gegensatz zu vielen anderen monatelang zu den Vorwürfen. Mitte Januar trat die heute 66-Jährige schließlich aus dem Gremium aus. Damit kehrte so etwas wie Ruhe ein bei der Stockholmer Institution - bis jetzt.

«K» heißt die Erzählung, in der Frostenson die Geschehnisse der Zeit vom November 2017 bis zum Mai 2018 verarbeitet. Das stellt in etwa den Zeitraum vom Beginn der internen Krise bei der Akademie bis zur Bekanntgabe der Absage des letztjährigen Literaturnobelpreises dar.

Das Werk ist vor wenigen Tagen in den schwedischen Handel gekommen - ob es ins Deutsche übersetzt wird, ist noch nicht bekannt. Im Schwedischen liest es sich wie eine schriftstellerische Selbstverteidigung. Frostenson beschreibt es als «die Erzählung aus einer Zeit des Exils während Verfolgung und Verleumdung». Nach Bekanntwerden des Falles hätten ihr anonyme Anrufer auf dem Anrufbeantworter den Tod gewünscht. Dass sie sich öffentlich bislang nicht wehrte, erklärt sie so: «Wie verteidigt man sich gegen Dinge, die nicht passiert sind, gegen Lügen? Das macht man nicht. Es gibt kein Gegenmittel gegen Verleumdung, wie Ovid geschrieben hat.» Ovid ist ein bekannter Dichter aus der Zeit des antiken Roms.

Nur dank des Schreibens habe sie diese schwere Zeit überlebt, sagt Frostenson in einem Interview des schwedischen Verlags Polaris, der «K» herausgebracht hat. «Wir konnten nicht mehr in Schweden sein, so wie das herrschende Klima war.» Groß deshalb die Erleichterung, als der Zug sie zunächst ins benachbarte Dänemark gebracht habe. «Wir atmeten auf, als wir über die Grenze waren.» Die Folgezeit verbrachten Frostenson und Arnault in Frankreich, der gebürtigen Heimat ihres Mannes.

Sie habe dabei an alle anderen Schriftsteller denken müssen, die aus unterschiedlichsten Gründen ihr Land verlassen mussten, so Frostenson. Sie spricht von Intrigen, von «Kabale» - wie in Friedrich Schillers «Kabale und Liebe» - denen ihr Mann und sie ausgesetzt worden seien. «Man wird geprüft. Und man muss sehen, ob man diese Prüfung besteht.» Die Schilderungen der Frauen gegen ihren Mann, so Frostenson in dem Buch, seien «groteske Übertreibungen, Lügen und Verleumdungen», ihr Motiv Neid und Karrierelust. Und die Vorwürfe, sie habe die Namen der Nobelpreisträger ausgeplaudert? Allesamt falsch, beteuert sie.

Die schwedische Schriftstellerin Gabriella Håkansson ist erbost über das Buch. Sie gehörte zu den Frauen, die Ende 2017 die Vorwürfe gegen Arnault erhoben hatten. Dass Frostenson die Vorwürfe von gleich 18 Frauen als Verschwörung, Verfolgung und Hetzjagd porträtiere, sei vollkommen realitätsfern, sagte Håkansson dem TV-Sender SVT. «Es ist schockierend, dass sie den Ernst der Übergriffe ihres Mannes nicht einsehen kann, dass sie das Leid anderer nicht verstehen kann, ohne sich selbst zur Märtyrerin in diesem furchtbaren Drama zu machen.»

Horace Engdahl, der lange als Ständiger Sekretär der Akademie die Nobelpreisträger verkündet hatte und als eine Art Bad Boy der schwedischen Hochkultur gilt, wählt das Motiv des Märtyrers auf ganz andere Weise. Er hat in diesen Tagen ebenfalls ein neues Buch veröffentlicht, «De obekymrade» (Die Unbekümmerten) heißt es. Dessen Titel zeigt den von Pfeilen durchbohrten Heiligen Sebastian, der offenbar die heutige Lage des Mannes darstellen soll. Pikant ist das und seine umstrittene Sicht auf die Geschlechter auch deshalb, weil Engdahl sich immer wieder für seinen Freund Arnault ausgesprochen hatte - und die Vorwürfe der 18 Frauen öffentlich in Frage stellte.

Veröffentlicht am:
30. 05. 2019
12:25 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Autor Bücher Friedrich Schiller Horace Engdahl Krisen Literaturnobelpreis Nobelpreise Nobelpreisträger für Literatur Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger Ovid Schwedische Schriftsteller Sexualität Vergewaltigung
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Nobelpreis

05.03.2019

Literaturnobelpreis wird 2019 zweimal vergeben

Erst kein Preis, jetzt gleich zwei: Nach der Absage 2018 darf die Schwedische Akademie in diesem Jahr zwei Literaturnobelpreise vergeben und somit auch die Auszeichnung für das Skandaljahr 2018 nachholen. Bei der Akademi... » mehr

Sara Danius

27.09.2018

Nobelpreisdrama: Selbstzerfleischung in Stockholm

Anfang Oktober wird normalerweise der Literaturnobelpreisträger gekürt. Doch der Preis ist abgesagt - und hinter den Kulissen geht es noch immer alles andere als nobel zu. Ein Drama in vielen Akten. » mehr

Alternativer Literatur-Nobelpreis

12.10.2018

Alternativer Literaturpreis in Stockholm an Maryse Condé

Weil der Literaturnobelpreis 2018 ausfällt, haben Kulturschaffende einen eigenen Literaturpreis ins Leben gerufen - mit offener Wahl und Crowdfunding. Geehrt wird eine Autorin mit Wurzeln in der Karibik. » mehr

Mira Sorvino

13.06.2019

Mira Sorvino spricht öffentlich über ihre Vergewaltigung

Mira Sorvino war eine der ersten Frauen, die US-Filmproduzent Harvey Weinstein sexuelle Belästigung vorwarfen. Nun hat sich die Schauspielerin öffentlich dazu geäußert, in der Vergangenheit vergewaltigt worden zu sein. » mehr

Andrea Camilleri

17.06.2019

Große Sorge um Bestseller-Autor Andrea Camilleri

Italien liebt Andrea Camilleri vor allem für dessen Krimis um den Kommissar Salvo Montalbano. Nun ist der 93-Jährige mit schweren Herzproblemen ins Krankenhaus gekommen. » mehr

Katarina Frostenson

18.01.2019

Katarina Frostenson verlässt Schwedische Akademie

Die Schwedische Akademie ist vor allem dafür bekannt, dass sie den Literaturnobelpreis vergibt. In den vergangenen Monaten schaffte sie es mit einem handfesten Skandal in die Schlagzeilen. Nun verlässt ihr umstrittenstes... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Brand von Bierkästen Naila

Brand von Bierkästen Naila | 16.07.2019 Naila
» 6 Bilder ansehen

Plassenburg-Open-Air mit Stahlzeit

Plassenburg-Open-Air mit Stahlzeit | 16.07.2019 Kulmbach
» 9 Bilder ansehen

SpVgg Bayern Hof gegen DJK Ammerthal

SpVgg Bayern Hof gegen DJK Ammerthal | 17.07.2019 Hof
» 10 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
30. 05. 2019
12:25 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".