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Sind Wohnzimmer-Sessions die Konzerte von morgen?

Airbnb und Uber rüttelten Hotelbetreiber und Taxifahrer auf. Auf Websites für intime Konzerte, Lesungen und Diskussionen vernetzen sich längst auch Gastgeber und Künstler. Sie umgehen Promoter, Manager und Barbesitzer und feiern die finanzielle Selbstständigkeit.



Airbnb-Kultur auf dem Dach
Der Geiger Andrei Matorin (Mitte, hinten) spielt vor Gästen auf seinem Dach in New York.   Foto: Johannes Schmitt-Tegge

Bevor Andrei Matorin für sein Publikum zur elektrischen Geige greift, setzt er in seiner Wohnung erst einmal einen Topf Popcorn auf.

Als der Mais zu ploppen beginnt, sind die ersten Gäste sind schon da: Sie nehmen Decken und Kissen aus Matorins Schlafzimmer und steigen die vier Stockwerke zum Dach hinauf. Die Sonne senkt sich und zeichnet die Silhouette der New Yorker Hochhäuser nach, ein lauer Wind weht, das Konzert kann beginnen.

Kultur im eigenen Wohnzimmer, echte Begegnungen statt digitalem Dröhnen - das kennen Europäer auch. Über Online-Plattformen wie Sofar und Sofaconcerts finden Einheimische und Touristen heute weltweit zu intimen Konzertabenden, Lesungen, Abendessen oder Diskussionen abseits großer Veranstalter. In den USA ist die Website Artery hinzugekommen, die Künstler mit Gastgebern vernetzt und zu einem Airbnb für Kulturfreunde heranwächst. Entsteht auf diesen Websites die kulturelle Sharing-Economy von morgen?

Gut 96 Dollar (82 Euro) kostete ein Ticket im ersten Halbjahr 2018 im Schnitt, um große Namen wie Bruno Mars, Taylor Swift oder die Rolling Stones live zu sehen, errechneten die Marktforscher von Pollstar. An diesen Kalibern lassen sich private Wohnzimmer-Sessions natürlich nicht messen. Aber Artery, Sofar und Co. bieten mit Ticketpreisen bei umgerechnet 10 oder 15 Euro denjenigen Zugang zu Kultur, die sich ein Konzert oder Musical - den Rekord knackte hier «Hamilton» mit 1150 Dollar für eine Karte an Weihnachten 2017 - sonst nicht leisten könnten. Auf ähnliche Weise hat Airbnb das Reisen günstiger gemacht.

Der Rapper Chris Carr, der schon über 50 Artery-Shows gespielt hat, lobt den Autonomiegewinn für Künstler. Sie buchen ihre Auftritte selbst und umgehen Eventmanager, Agenten und Promoter. «Ich sehe, wo das ganze Geld hingeht», sagt Carr. Ein wenig fühlt man sich an Airbnb und Uber erinnert, die professionelle Hotel- und Taxibetreiber mit ihren Amateur-Angeboten plötzlich rechts überholten. Mit Artery verdiene man mehr als mit «beliebigen kleinen Spielstätten», sagt Ian Sims, der unter dem Namen Run Child Run auftritt. «Die Bar will viel Geld und gibt nichts ab, obwohl sie viele Getränke verkauft», sagt Sims. Oft seien Barbetreiber einfach «Halsabschneider».

Die erst vor anderthalb Jahren gegründete Website Artery ist heute in mehr als 30 Ländern vertreten, Schwerpunkt USA und Kanada. Das vergleichbare Sofar ist eigenen Angaben zufolge in mehr als 400 Städten auf allen sieben Kontinenten der Welt aktiv. Neu sei die Idee solch persönlicher Performances nicht, sagt Artery-Mitgründer Vladic Ravich. «Das gibt es schon, seit es Feuer gibt.» Über das Internet werden Gastgeber und Künstler heute einfach besser miteinander vernetzt und professionelle Mittelsmänner dabei übersprungen.

Artery behält fünf Prozent der Einnahmen, den Rest teilen sich Gastgeber und Künstler. Wie bei Airbnb, wo vom Hausboot bis Luxus-Loft und quer durch die Stilrichtungen heute so ziemlich alles zu haben ist, entscheiden die Veranstalter selbst, wie ein Abend ablaufen soll - und wo. «Wir haben keinen Bühnen-Manager und Lichtmeister und Pyrotechnik», sagt Ravich. «Unser Fokus ist Intimität. Was immer du mit diesem Spielplatz anstellen willst - dafür ist er da.» Und so wie Airbnb sich nach Wohnen bei Freunden anfühlt, wirken die Wohnzimmer-Sessions wie Konzerte bei Freunden.

Beim aus Brasilien stammenden E-Geiger Matorin entsteht dieses Gefühl durch eine Sitzrunde mit Decken, mexikanischem Kakao und seine Geigen-Improvisation, die er als «Reise» und als «Erwachen» beschreibt. Der 32-Jährige mischt Harmonien, lässt die Töne tief absinken, hebt sie dann wieder herauf und schickt über Fußpedale Echos und andere Effekte hinterher. «Die Energie der Menschen im Raum beeinflusst sehr, was ich spiele», sagt Matorin, der mit sechs Jahren das Geigenspiel begann.

Ein «Marktplatz» à la Airbnb und Uber, auf dem Künstler sich mit Bewertungen und Billigpreisen überbieten, sei Artery nicht, stellt Vladich klar. Ihm und der Mitgründerin Salimah Ebrahim gehe es um die Gemeinde. Und diese sei heute zu weit weg vom kreativen Prozess, sagt Geiger Matorin - auch bei großen Live-Shows, wo Nähe oder Anteilnahme durch massenhaft Lichter, Videos und Lautsprecher simuliert werde. «Kultur im Zuhause war ursprünglich die Art, wie Musik geteilt wurde. Jeder hatte ein Klavier zu Hause. Wir hatten keine CD-Player und Lautsprecher und Spotify. Wenn du Musik hören wolltest, musstest du sie spielen.»

Veröffentlicht am:
17. 09. 2018
10:39 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
17. 09. 2018
10:39 Uhr



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