Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: 54. Hofer Filmtage75 Jahre FrankenpostCoronavirusJubiläumsgewinnspielBlitzerwarner

Boulevard

Unbekannte wollen Millionen für Richter-Frühwerk

Wie sauer Bier bieten Unbekannte seit Jahren auf dem Kunstmarkt ein Konvolut angeblicher frühen Zeichnungen von Gerhard Richter an. Sie wollen Millionen dafür haben. Der Star-Maler ist nicht erfreut.



Gerhard Richter
Angebliches Frühwerk: Gerhard Richter ist not amused.   Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Zwei DIN-A4-Mappen mit Spiralbindung sollen den Beweis für einen angeblichen Kunstschatz liefern. Auf dem Deckel steht: «Gerhard Richter Frühwerke». Darin: Kopien von rund 500 Skizzen und Studien, die aus dem Dresdner Frühwerk des weltberühmten Malers stammen sollen.

Seit Jahren versuchen Unbekannte, das ominöse Konvolut für eine hohe Millionensumme auf den Markt zu bringen. «Wie sauer Bier» würden die mehr als 60 Jahre alten Blätter angeboten, heißt es in Kunstmarktkreisen. Aber keiner greift zu. Zwar ist Richter einer der teuersten lebenden Maler der Welt. Aber an dem Konvolut, das kaum jemand bisher im Original gesehen hat, gibt es begründete Zweifel.

Zuerst hatte der «Spiegel» über den Fall berichtet. Nun macht Richter erstmals öffentlich seinem Ärger über den Handel mit den Skizzen Luft. «Da sind jede Menge Sachen nicht von mir», sagt der in Köln lebende Künstler der Deutschen Presse-Agentur. «Die Hälfte davon ist Ramsch und sollte verbrannt werden.» Viele Arbeiten stammten auch von seiner damaligen Frau Marianne, genannt Ema, sagt Richter. Die Arbeiten seien nicht signiert. Ihm sei «völlig unbegreiflich», woher sie kämen. Er habe seinerzeit auch nur Fotos von dem Konvolut gesehen und wisse nicht viel darüber. Die Angelegenheit sei «nur lästig und unerfreulich».

Richter studierte von 1951 bis 1956 an der Kunstakademie Dresden. 1961 floh er mit seiner damaligen Frau nach Westdeutschland. Seine Werke musste er in der DDR zurücklassen - auch die Skizzen und Entwürfe.

Inzwischen wurde das Konvolut dem früheren Kunsthändler Helge Achenbach angeboten, der wegen Betruges in Haft gesessen hatte. Achenbach will die Arbeiten nach eigenen Angaben für das Gerhard Richter Archiv der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden sichern. Der Künstler hat dem Archiv die Eigentumsrechte an seinen Dresdner Werken übertragen.

«Das Herumgeistern muss zu Ende gehen», sagt Achenbach der dpa. Mit einer Forderung über 120 Millionen Euro habe es vor Jahren angefangen. Derzeit sind offenbar fünf bis zehn Millionen im Gespräch. Er suche einen «Weißen Ritter», der bereit sei, das Konvolut zu kaufen und dem Archiv zu übergeben, sagt Achenbach. «Der ein oder andere» habe sich bereits gemeldet. Geld will Achenbach mit seiner Mission nicht verdienen. «Ich mache das ohne Honorar.» Es gehe ihm nicht ums Geschäft, sondern um die historische Verantwortung. «Der einzige Ort, wo es hingehört, ist das Archiv.»

Kunstmarktexperten schütteln angesichts der Millionenforderung den Kopf. «Richter zu verkaufen, ist heute schwer genug», sagt der Münchner Auktionshauschef Robert Ketterer. Der Markt für Gerhard Richter sei in den vergangenen Jahren alles andere als gewachsen. Während die großformatigen Meisterwerke Richters nach wie vor zu Spitzenpreisen gehandelt würden, sei bei kleineren Arbeiten ein gewisser Einbruch der Preise zu beobachten.

«Wenn das Konvolut so ist wie beschrieben, würde ich es eher auf 100 000 Euro als auf fünf Millionen schätzen», sagt Ketterer. Für den Handel seien die Zeichnungen völlig ungeeignet. «Man bekäme von Richter auch keine Expertise dafür.» Als schöne Jugendarbeiten sehen andere Experten die Zeichnungen. Nichts für ein Museum, aber wertvoll für das Archiv.

Das sieht Dietmar Elger, Leiter des Richter Archivs, ähnlich. Die Arbeiten seien interessant für Dresden und für das Archiv als «dokumentarisches Material», sagt Elger der dpa. «Da sind sie bei uns gut aufgehoben.» Elger hat die Zeichnungen vor rund zehn Jahren im Original gesehen. Der weitaus größte Teil habe Entwurfs- und Studiencharakter. Darunter seien sehr viele Detailskizzen wie Handhaltungen. Ein «substanzieller Anteil» stamme auch gar nicht von Richter. Die Blätter seien nicht signiert. In den Zeichnungen sei der spätere Richter zudem noch nicht zu erkennen, man könne sie ihm kaum zuordnen. Elgers Fazit: «Einen großen kunsthistorischen oder Marktwert haben sie nicht.»

Dennoch hat auch das Richter Archiv bereits versucht, das Konvolut zu erwerben, sei aber «immer an den über die Jahre steigenden finanziellen Forderungen gescheitert. Zwar wisse man, wem die Blätter gehörten, sei aber bislang nicht direkt von dem heutigen Besitzer kontaktiert worden. Man habe es «mit ständig wechselnden Zwischenanbietern und kunstfremdem Personal zu tun». Zu Achenbachs öffentlichen Vermittlungsbemühungen meint Elger: «Es wäre sinnvoller gewesen, das Ganze diskreter zu behandeln.»

Veröffentlicht am:
16. 12. 2019
12:47 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
DDR Deutsche Presseagentur Gerhard Richter Honorare Kulturgeschichte Kunsthändler Kunstmarkt Künstlerinnen und Künstler Malerinnen und Maler Marktwert Mitarbeiter und Personal Zeichnungen
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Gerhard Richter

22.09.2020

Gerhard Richter malt nicht mehr: «Irgendwann ist eben Ende»

Deutschlands größter Maler legt den Pinsel aus der Hand: Mit 88 Jahren beschließt Gerhard Richter sein Werk. Als Künstler setzt er sich allerdings noch nicht zu Ruhe. » mehr

Museum Kunstpalast

14.10.2020

Caspar David Friedrich und seine Antipoden

Er ist heute einer der berühmtesten Maler der Romantik. Kaum vorstellbar, dass Caspar David Friedrich zu Lebzeiten selbst bei Goethe in Ungnade fiel. Eine Ausstellung in Düsseldorf - im Frühjahr dann in Leipzig - spürt d... » mehr

Museum Folkwang

05.10.2020

Folkwang in Essen ist «Museum des Jahres»

Das Haus ist seit langem ein kultureller Leuchtturm im Ruhrgebiet. Jetzt wurde das Museum Folkwang ausgezeichnet. » mehr

Helge Achenbach

13.10.2019

Helge Achenbach denkt an Kunstmarkt-Comeback

Bei seinen Kunst-Deals war Helge Achenbach wie ein «Junkie, der den nächsten Schuss braucht». Seinen Aufstieg und Fall hat der verurteilte Kunstberater nun in einer Autobiografie verarbeitet. Fazit: Auch heute lässt ihn ... » mehr

James-Ensor-Haus in Ostende

06.08.2020

James Ensor-Haus: Im Kopf des Maskenmalers

James Ensor hat als Maler der Masken Kunstgeschichte geschrieben. Das Werk des Belgiers gibt noch heute Rätsel auf. Mit einem Erlebniszentrum will das neu eröffnete Ensor-Haus in Ostende dem Mysterium näher kommen. » mehr

Gerhard Richter

18.07.2020

Richter-Bild für mehr als zwei Millionen Euro versteigert

Gerhard Richters Bild «Christiane und Kerstin» zählt zu den frühen Arbeiten des Künstlers. Dementsprechend begehrt war es bei einer Auktion in München. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Schlotsprengung in Naila

Schlotsprengung in Naila | 30.10.2020 Naila
» 12 Bilder ansehen

Premierenfeier Theater Hof

Premierenfeier Theater Hof | 26.09.2020 Hof/Selb
» 14 Bilder ansehen

Selber Wölfe - Black Dragons Erfurt 3:2 n.P. Selb

Selber Wölfe - Black Dragons Erfurt 3:2 n.P. | 23.10.2020 Selb
» 47 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
16. 12. 2019
12:47 Uhr



^