Lade Login-Box.
Topthemen: BlitzerwarnerHofer Volksfest 2019Video: Lagerleben Collis Clamat

Brennpunkte

Ägyptens Ex-Staatschef Mursi tot

Mohammed Mursi war der erste frei gewählte Präsident Ägyptens. Doch im Jahr 2013 entmachtete ihn das Militär nach Massenprotesten. Sein Sturz symbolisiert den Niedergang der islamistischen Muslimbrüder.



Mohammed Mursi
Der frühere ägyptische Präsident Mohammed Mursi ist tot.   Foto: Amr Nabil/AP

Der frühere ägyptische Präsident Mohammed Mursi ist während eines Gerichtsprozesses ohnmächtig zusammengebrochen und gestorben. Die ägyptische Staatsanwaltschaft ordnete nach eigenen Angaben eine Untersuchung an, um die Todesursache festzustellen.

Mursi war der erste frei gewählte Staatschef Ägyptens, spaltete aber während seiner Herrschaft das Land. Er wurde 67 Jahre alt. Aus Angst vor Protesten von Anhängern Mursis erhöhte das ägyptische Innenministerium die Alarmbereitschaft.

Mursi stand in einem Berufungsverfahren wegen angeblicher Spionage für Katar vor Gericht. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sprach er am Montag noch rund fünf Minuten zum Richter. Danach habe er das Bewusstsein verloren und sei zu Boden gestürzt. Die Ärzte im Krankenhaus hätten nur noch seinen Tod feststellen können. Der Leichnam wies demnach keine neueren äußeren Verletzungen auf.

Der Islamist war im Juni 2012 als erster frei gewählter Präsident des nordafrikanischen Landes an die Macht gekommen. Er wurde damals Nachfolger von Langzeitherrscher Husni Mubarak, der im Februar 2011 nach Massenprotesten auf dem Kairoer Tahrir-Platz abtreten musste. Mursi Amtsübernahme verband sich mit der Hoffnung, dass Ägypten nach Jahrzehnten der autoritären Herrschaft der Übergang in die Demokratie gelingen könnte. Diese Hoffnungen wurden jedoch - wie auch in anderen Ländern der arabischen Welt - bitter enttäuscht.

Mursi gehörte lange den islamistischen Muslimbrüdern an, die von vielen in Ägypten misstrauisch beobachtet werden. Während seiner Herrschaft kam es immer wieder zu Demonstrationen, aus denen im Sommer 2013 Massenproteste gegen den damaligen Präsidenten wurden. Seine Kritiker warfen ihm vor, die Interessen der Muslimbrüder an die erste Stelle zu setzen und eine religiöse Herrschaft errichten zu wollen.

Am 3. Juli 2013 griff das Militär unter Führung des heutigen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi ein. Nach einem Ultimatum setzte es Mursi bei einem Putsch ab und übernahm selbst die Macht am Nil. Proteste gegen den Sturz des islamistischen Staatsoberhauptes ließ die Armeeführung blutig niederschlagen.

Mursis Präsidentschaft war geprägt von Konflikten mit dem Militär, mit der Justiz und mit der Revolutionsjugend, die die Revolte gegen Mubarak getragen hatte. Er selbst strahlte wenig Charisma aus und galt als treuer Bürokrat der Muslimbrüder. Mursi schaffte es vor allem nicht, Vertrauen zu nicht-islamistischen Gruppen aufzubauen. Diese lehnten eine Zusammenarbeit mit ihm ab, obwohl ihn viele 2012 in der Stichwahl um das Präsidentenamt unterstützt hatten.

Gleichzeitig arbeiteten aber auch viele Staatsorgane gegen ihn und versuchten, seine Herrschaft zu untergraben. Vor allem in der Justiz traf er auf starken Widerstand. Die Richter legten aus Protest zeitweise ihre Arbeit nieder. Anhänger der Islamisten sprachen von alten Seilschaften aus Zeiten der Mubarak-Herrschaft. Mursi entließ zwar im August den Armeechef und Verteidigungsminister Mohammed Hussein Tantawi sowie den Generalstabschef Sami Anan, konnte aber das Militär, den eigentlichen Herrscher Ägyptens, nicht entmachten.

Mursis Karriere war typisch für die eines Muslimbruders. Er wurde 1951 in einem Dorf der Provinz Scharkija als Sohn eines Bauern geboren. Einen Teil seiner akademischen Laufbahn absolvierte er in den USA. Als Maschinenbau-Ingenieur gelang ihm ein sozialer Aufstieg. 2012 trat er für die Muslimbrüder jedoch nur als Ersatzkandidat an, weil die Wahlkommission den eigentlichen Favoriten der Organisation aus formalen Gründen von der Wahl ausgeschlossen hatte.

Seine Anhänger sahen in ihm bis zu seinem Tod den rechtmäßigen Präsidenten des Landes. Sein Sturz nach dem Putsch symbolisiert auch den Niedergang der Muslimbrüder. Mursi wurde Dauergast als Angeklagter vor Gericht und mehrfach zu langen Haftstrafen verurteilt. Vorgeworfen wurde ihm unter anderem die Tötung von Demonstranten bei Protesten gegen seine Herrschaft und angebliche Spionage für Katar. Wegen eines Gefängnisausbruchs erhielt er zunächst sogar die Todesstrafe, die später jedoch in eine langjährige Haftstrafe umgewandelt wurde. Bis zu seinem Tod saß Mursi im Gefängnis.

Wie ihm erging es vielen Muslimbrüdern. Unter Führung des autoritären Herrschers Al-Sisi stufte die Regierung die Muslimbrüder als Terrororganisation ein und verfolgt sie bis heute mit harter Hand. Tausende Anhänger der Islamisten sitzen im Gefängnis, viele wurden trotz internationalen Protests zum Tode verurteilt.

Als einer der ersten internationalen Staatsführer kondolierte der Emir von Katar, Tamim bin Hamad Al Thani - ein Verbündeter der Muslimbrüder und Erzfeind der jetzigen ägyptischen Führung. Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan drückte sein Bedauern über den Tod des früheren ägyptischen Staatschefs aus.

Die Muslimbrüder warfen dem ägyptischen Staat vor, absichtlich für einen «langsamen Tod» Mursis gesorgt zu haben. «Sie haben ihn mehr als fünf Jahre in Einzelhaft gehalten, die Versorgung mit Medikamenten beschränkt und ihm schlechtes Essen gegeben», erklärte die Freheits- und Gerechtigkeitspartei der in Ägypten verbotenen Muslimbrüder am Montag. Mursi war lange Mitglied der Muslimbrüder.

Zuvor hatte schon die Nahost-Direktorin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW), Sarah Leah Whitson, der Regierung vorgeworfen, sie habe es unterlassen, dem inhaftierten Mursi eine angemessene medizinische Versorgung zu gewähren.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
17. 06. 2019
23:01 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Armeechefs Emire Hosni Moubarak Human Rights Watch Islamistischer Fundamentalismus Justizvollzugsanstalten Menschenrechtsorganisationen Mohammed Hussein Tantawi Mohammed Mursi Muslimbruderschaft Recep Tayyip Erdogan Regierungschefs Staatliche Organisationen und Einrichtungen Staatsanwaltschaft Staatsoberhäupter Twitter Ägyptische Staatspräsidenten
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Abdel Fattah al-Sisi

16.04.2019

Ägyptens Präsident Al-Sisi bekommt mehr Macht

Vor acht Jahren stürzten die Ägypter den verhassten Langzeitherrscher Husni Mubarak. Doch dessen Nach-Nachfolger Abdel Fattah Al-Sisi regiert das Land noch autoritärer. Menschenrechtler zeigen sich bestürzt. » mehr

Anführer der «Regenschirm-Bewegung»

24.04.2019

Haftstrafe für Anführer von Hongkongs Demokratiebewegung

Vor mehr als vier Jahren haben sie mit einer gewaltigen Demonstration Hongkong lahmgelegt. Sie wollten mehr Demokratie. Doch ihr Aufbegehren ging Peking entschieden zu weit. Nun hat die Justiz das Wort. » mehr

Frauen am Bahnhof von Medina

02.08.2019

Saudi-Arabien: Frauen sollen ohne Erlaubnis reisen dürfen

Das islamisch-konservative Saudi-Arabien öffnet seine Gesellschaft. Die junge Generation bejubelt deswegen Kronprinz Mohammed bin Salman. Doch über den neuen Freiheiten hängt ein dunkler Schatten. » mehr

Explosion in Kairo

05.08.2019

20 Tote bei Anschlag mit Autobombe in Kairo

Erst ist von einem Geisterfahrer die Rede, als in Ägyptens Hauptstadt mehrere Autos zusammenstoßen und explodieren. Doch dann entdecken Ermittler Sprengstoff in dem Unfallfahrzeug und sprechen von Terror. Sollte der Ansc... » mehr

Präsident al-Sisi

20.04.2019

Ägypter stimmen über mehr Macht für Präsident Al-Sisi ab

Ein Ja zu den neuen Machtbefugnissen für Ägyptens Präsidenten Al-Sisi gilt als sicher. Entscheidend wird die Wahlbeteiligung sein. Wer seine Stimme abgibt, kann mit einer Belohnung nach Hause gehen. » mehr

Matteo Salvini

09.08.2019

Salvini drückt in Regierungskrise aufs Tempo

Italien steht höchstwahrscheinlich vor einer Neuwahl. Einer sehnt sie besonders herbei - doch auch der starke Mann der gescheiterten Regierung in Rom, Matteo Salvini, braucht noch ein bisschen Geduld. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Bauarbeiten an der Radarstation der Bundeswehr am Döbraberg

Bauarbeiten an der Radarstation der Bundeswehr am Döbraberg | 20.08.2019 Döbraberg
» 11 Bilder ansehen

SonneMondSterne Saalfeld

SonneMondSterne-Festival | 10.08.2019 Saalburg
» 122 Bilder ansehen

SpVgg Bayern Hof - Viktoria Kahl 2:0

SpVgg Bayern Hof - Viktoria Kahl 2:0 | 17.08.2019 Hof
» 120 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
17. 06. 2019
23:01 Uhr



^