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Aderlass im Kollegium - Schulen stehen vor Ruhestandswelle

Der Altersdurchschnitt vieler Lehrerkollegien ist hoch. Folge: Ein beträchtlicher Teil des Kollegiums geht fast zeitgleich in den Ruhestand, der Nachwuchs fehlt. Können sich Schulen auf den Aderlass vorbereiten?



Schulen stehen vor Ruhestandswelle
Ein Gymnasium während einer Pause.   Foto: Ronny Hartmann

Tausende Schulen stehen in den nächsten Jahren vor großen Umbrüchen in ihrem Lehrerkollegium. Viele Pädagogen erreichen die Altersgrenze und gehen in den Ruhestand - der Altersdurchschnitt ist vor allem in den ostdeutschen Bundesländern hoch, wie Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen.

In Thüringen war im Schuljahr 2017/2018 jeder fünfte Lehrer 60 Jahre oder älter. In Brandenburg lag der Anteil bei 17,6 Prozent, in Sachsen-Anhalt bei 16,1 Prozent sowie in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern bei je 15,7 Prozent. Für viele Schulen verschärft sich in Zeiten des Lehrermangels damit die schwierige Suche nach Nachwuchs weiter.

Ulrich Plaga ist Schulleiter des Dr.-Carl-Hermann-Gymnasiums in Schönebeck in Sachsen-Anhalt. An seiner Schule wird das Problem exemplarisch deutlich. 21 Lehrer des derzeit 58-köpfigen Kollegiums gehen in den nächsten fünf Jahren in den Ruhestand. «Ein Drittel des Kollegiums wird dann nicht mehr hier sein», sagt Plaga. Dabei hat die Schule einen ähnlichen Aderlass bereits hinter sich: Auch in den vergangenen fünf Jahren gingen 20 ältere Lehrer. «Vor fünf Jahren wurden die ersten jungen Kollegen eingestellt, davor gab es zehn Jahre lang überhaupt keine Neueinstellungen», sagt der 57-Jährige.

Schuld an dem Problem, dass ein beträchtlicher Teil der Lehrerschaft mehr oder weniger gleichzeitig die Altersgrenze erreicht, sind aus Sicht der Bildungsgewerkschaft GEW Einstellungszyklen. Im Osten seien in den 1980er-Jahren sehr viele Lehrer eingestellt worden, nach der Wiedervereinigung bis etwa 2015 praktisch gar keine mehr - weil die Schülerzahlen wegen eines Geburtenknicks massiv zurückgingen.

In Westdeutschland erfolgte die Einstellungswelle laut GEW schon in den 1970er-Jahren - die Überalterung der Lehrkräfte sei deshalb im Westen weitgehend überwunden. Beispiel Rheinland-Pfalz: Mit einem Altersdurchschnitt von rund 44 Jahren gehören die Lehrer dort zu den jüngsten bundesweit. Hamburg hatte im Schuljahr 2017/2018 nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes mit 9,2 Prozent den geringsten Anteil an Lehrern, die 60 Jahre oder älter waren. Bundesweit lag der Durchschnitt bei 13,1 Prozent.

Doch wie geht eine Schule damit um, wenn große Teile ihres Kollegiums in wenigen Jahren ausgetauscht werden? Ein Stück weit lasse sich das mit guter Planung ausgleichen, sagt Schulleiter Plaga aus Schönebeck. «Wir sehen ja, welche Fächer besonders betroffen sind.» Aktuell ist Plaga vor allem auf der Suche nach Lehrern für Mathematik und naturwissenschaftliche Fächer. Das werde bei der Ausschreibung der Stellen berücksichtigt. «Wir müssen da immer mindestens zwei Jahre im Voraus denken.» Wichtig sei auch, sich intensiv um Referendare zu kümmern. «Wer sich während seines Referendariats gut betreut fühlt, bleibt häufiger auch danach an der Schule», sagt Plaga.

Für die jungen Lehrer, die neu an die Schule kommen, ist die Herausforderung aber oft groß. Weil ältere Kollegen fehlen, müssen sie am Dr.-Carl-Hermann-Gymnasium sofort wichtige Aufgaben übernehmen - etwa gleich eine Oberstufenklasse als Klassenlehrer leiten oder wichtige Studienfahrten und Austausche organisieren. «Es gibt keinen Welpenschutz - wir sind sofort in der Bringschuld», beschreibt Gregor Mundt die Situation. Der 31-Jährige unterrichtet in Schönebeck seit 2016 Geschichte und Ethik. Kaum an der Schule, organisierte er gleich einen Austausch mit einer schwedischen Schule. Viel Verantwortung - aber es mache auch Spaß, eigene Ideen einzubringen, sagt Mundt.

Um den jungen Lehrern den Einstieg zu erleichtern, habe man extra die Strukturen verändert, berichtet Schulleiter Plaga. Aufgaben, wie die Organisation eines Austauschs oder Projekts, seien häufig einem Kollegen fest zugeordnet gewesen. Ging der in den Ruhestand, brach viel Wissen weg. Jetzt seien nicht mehr einzelne Lehrer, sondern die gesamte Fachschaft für die Organisation verantwortlich, sagt Plaga. Es wurden zudem klare Aufgaben definiert, die bei der Organisation dazugehören. «Solche festen Strukturen helfen uns jungen Kollegen beim Einstieg», sagt Geschichtslehrer Mundt.

Auch den Schülern bleibt der Wechsel im Kollegium nicht verborgen. Noch vor ein paar Jahren habe sie fast nur ältere Lehrer gehabt, erzählt die Elftklässlerin Lucy Dreher. Inzwischen unterrichteten auch viele jüngere Lehrer. «Die setzen mehr Technik und moderne Medien ein», sagt die 17-Jährige. Sie finde es aber wichtig, dass es eine Mischung aus älteren und jüngeren Lehrern gebe.

Doch um den Bedarf an Lehrern zu decken, müssen sich Bundesländer und Schulen etwas einfallen lassen. Aus Sicht der Kultusministerkonferenz der Bundesländer (KMK) sind dafür zum Beispiel mehr Studienplätze und die Qualifizierung von Quereinsteigern nötig. Bei der Entscheidung für den Lehrerberuf spielten aber etwa auch Berufsimage, Arbeitsbelastung und Karrierewege eine Rolle, sagt KMK-Sprecher Torsten Heil. «Die Attraktivität des Berufs hängt maßgeblich auch von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab.»

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21. 04. 2019
09:41 Uhr

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