Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Jubiläumsgewinnspiel "75 Jahre Frankenpost"WohnzimmerkunstBlitzerwarnerCoronavirus

Brennpunkte

Beengte Verhältnisse - Flüchtlingsheime als Corona-Hotspots?

Verbände warnen schon länger, dass sich das Coronavirus in Flüchtlingsunterkünften rasch verbreiten könnte. Nun kommt auch eine Studie zu diesem Schluss. Experten sehen Eile geboten.



St. Augustin
Mitarbeiter des Ordnungsamtes bei einer Flüchtlingsunterkunft der Zentralen Unterbringungseinrichtung ZUE Sankt Augustin I.   Foto: Oliver Berg/dpa

Beengte Verhältnisse, viele Betten in einem Schlafraum, gemeinsam genutzte Sanitäranlagen und Sammelküche: Kommt es zu einer Corona-Infektion in einer Flüchtlingsunterkunft, ist einer Studie zufolge das Risiko einer Ansteckung etwa so hoch wie auf einem Kreuzfahrtschiff.

Das hat eine Untersuchung unter Leitung des Forschers Kayvan Bozorgmehr von der Uni Bielefeld ergeben. Das Virus könne sich rasch ausbreiten, wenn es einmal durch Bewohner oder Personal in die Unterkunft gelangt sei, sagt der Studienleiter der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch.

Pro Asyl und die Flüchtlingsräte warnen schon länger vor erhöhten Risiken für die Bewohner der Unterkünfte. Zuletzt haben die Fälle von 165 Infizierten in einem Heim in St. Augustin bei Bonn - 152 Bewohner und 13 Mitarbeiter - Besorgnis ausgelöst. «In allen Bundesländern gibt es große Flüchtlingseinrichtungen. Ob dort die Pandemie ausbricht oder nicht, ist reiner Zufall», meint der Geschäftsführer von Pro Asyl, Günter Burkhardt. Es sei wichtig, dass sich nun erstmals eine wissenschaftliche Untersuchung speziell mit den Auswirkungen von Corona auf Flüchtlingsheime befasse.

Forscher des Kompetenznetzwerks Public Health Covid-19 hatten unter Bozorgmehrs Leitung 23 Unterkünfte in NRW, Bayern, Brandenburg, Bremen, Hessen, Sachsen und Sachsen-Anhalt untersucht. Grundsätzlich sei die Datenbasis auf diesem Feld «prekär», bundesweite Statistiken zu Corona-Ausbrüchen gebe es nicht, schildert der Bielefelder Experte. Daher habe man die 1367 bestätigten Infektionsfälle in den 23 Einrichtungen zur Grundlage genommen und diese in Bezug gesetzt zu der gesamten Bewohnerzahl - 6083 Personen, Stand am 8. Mai.

Man könne die Studienergebnisse nicht auf alle Flüchtlingsheime übertragen, stellt Bozorgmehr klar. Es gebe auch zahlreiche Unterkünfte ohne Corona-Fälle. Aber Abstandsgebot und Kontaktauflagen könnten in den Heimen kaum eingehalten werden. Kleine Räume für mehrere Personen, Gemeinschaftsküchen, wenige Toiletten und Duschen für viele Bewohner seien in der Pandemie hochproblematische Lebensbedingungen.

Die Untersuchung zeige: Tritt ein Infektionsfall auf, so stecken sich schnell viele weitere Personen an. Und zwar in vergleichbarer Höhe wie auf Kreuzfahrtschiffen. Dort hatten Corona-Ausbrüche mit teilweise Hunderten Infizierten und einzelnen Todesfällen mehrfach für Aufsehen gesorgt. Die strikte Trennung infizierter Flüchtlinge von Nichtinfizierten sei aus räumlichen Gründen oft nicht möglich, erläutert Bozorgmehr.

Gelinge eine frühe Identifizierung und effektive Isolierung, seien die einzelnen Risiken in den Einrichtungen eher gering. Könnten aber Infizierte und Nichtinfizierte nicht wirksam getrennt werden oder die Gesamteinrichtung werde unter Quarantäne gestellt, «erreichen wir das Risiko von Kreuzfahrtschiffen oder einen höheren Wert». Über die noch unveröffentlichte Studie hatten zunächst SWR und tagesschau.de berichtet.

Pro Asyl kritisiert: «Die Gefahr wird völlig unterschätzt.» Bund und Länder müssten nun schnell dafür sorgen, dass große Einrichtungen «geleert» würden und man wegkomme von den Massenunterkünften. Man laufe dort sonst «sehenden Auges in eine Pandemie-Situation hinein, die vermeidbar wäre», unterstreicht Burkhardt.

Um das Ansteckungsrisiko zu senken, fordert auch der Flüchtlingsrat NRW eine dezentrale Unterbringung. Vorrangig sollten Menschen aus der Risikogruppe etwa in Ferienwohnungen oder Jugendherbergen untergebracht werden. «Entzerrung ist das Gebot der Stunde», sagt Geschäftsführerin Birgit Naujoks. Und: «Oft gibt es keine oder nicht genug Masken oder Desinfektionsmittel. Reinigungspersonal geht zum Teil nicht mehr in die Einrichtungen rein aus Angst vor einer Ansteckung.»

Die Heime werden Naujoks zufolge zu «Corona-Brutstätten» gemacht, wenn man sie mit allen Bewohnern in eine «Vollquarantäne» nehme. «Damit erhöht man die Ansteckungsgefahr für alle Flüchtlinge massiv, das Virus muss sich dann ja schnell ausbreiten.» Auch in der Landesunterkunft in St. Augustin sei es zu einer Vollquarantäne gekommen, zudem in Bonn, Bielefeld, Marl und Euskirchen sowie in einigen Einrichtungen anderer Bundesländer.

«Man muss unbedingt gewährleisten, dass die Unterbringung der Flüchtlinge coronaschutzkonform ist», mahnt Bozorgmehr. Aus Infektionsschutzsicht heiße das: Einzelzimmer und keine weitere gemeinschaftliche Nutzung von Küche, Dusche und WC durch mehrere Familien gleichzeitig. «Wenn die Politik es ernst meint mit einer Eindämmung der Pandemie, muss sie effektive Ansätze für die Flüchtlingsheime in ihre Pläne einbauen. Flüchtlinge sind keine Marginalgruppe.»

Veröffentlicht am:
20. 05. 2020
15:16 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Asyl Deutsche Presseagentur Flüchtlinge Flüchtlingsheime Flüchtlingsräte Gefahren Infektionsfälle Infektionsgefahr Infektionskrankheiten Infektionspatienten Pandemien Südwestrundfunk
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Wuhan

02.06.2020

Zehn Millionen Menschen in Wuhan getestet - Kaum Infizierte

Wuhan gilt als Ursprungsort der Pandemie mit dem Coronavirus. In der chinesischen Metropole gab es die meisten Infektionen und Toten in China. Massentests brachten jetzt überraschende Erkenntnisse. » mehr

Lesbos

30.03.2020

Corona auf Flüchtlingsinseln «nur noch eine Frage der Zeit»

Zahlreiche Hilfsorganisationen fordern, die Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln angesichts der Corona-Ausweitung sofort zu räumen. Doch im Wahnsinn der Pandemie gehen die Hilferufe unter, während die Situation v... » mehr

Restaurant in Niedersachsen

Aktualisiert am 24.05.2020

Restaurant-Inhaber und Gäste infiziert - Verstoß gegen Regeln?

Nach dem Corona-Ausbruch in Ostfriesland sucht der Landkreis nach den Ursachen. Mehrere Infizierte waren Gäste in einem Restaurant. Das Ordnungsamt prüft, ob an einem Abend mit geschlossener Gesellschaft die Regeln einge... » mehr

Barcelona

27.03.2020

Spanien meldet relativ niedrigen Anstieg der Infektionen

Nach Italien ist Spanien das von der Corona-Pandemie am schwersten betroffene Land Europas. Jeden Tag sterben Hunderte, die Zahl der Kranken steigt unaufhörlich. Die Zahl 14 weckt aber etwas Zuversicht. » mehr

Coronavirus-Test

17.05.2020

Über 174.700 Nachweise in Deutschland - Aufatmen in Spanien

In Deutschland sinkt die Zahl der Corona-Infektionen tendenziell, auch aus Spanien gibt es positive Nachrichten. In anderen Ländern sieht die Entwicklung düsterer aus. » mehr

Corona-Ausbruch in Restaurant

24.05.2020

Auch bei guter Corona-Tendenz weiter Infektionsgefahr

Die Zahl der registrierten neuen Corona-Fälle geht tendenziell in Deutschland zurück. Doch es kann weiterhin schnell zu einem Covid-19-Ausbruch kommen - nicht nur wegen der Dunkelziffer. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Aktion von "Fridays for Future" am Kugelbrunnen in Hof Hof

Aktion von "Fridays for Future" in Hof | 03.07.2020 Hof
» 16 Bilder ansehen

Mini-Stadtfest am Wochenmarkt in Rehau

Mini-Stadtfest in Rehau | 05.07.2020 Rehau
» 52 Bilder ansehen

20200516_143430

4. Bratwurstlauf 2020 |
» 17 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
20. 05. 2020
15:16 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.