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Besetztes Haus «Liebig 34» unter Protest geräumt

Das besetzte Haus mit den vielen Transparenten war ein Symbol für die linksradikale Szene - weit über Berlin hinaus. Doch am Morgen kommt der Gerichtsvollzieher. Kampflos wollen die Bewohner nicht aufgeben - das weiß auch die Polizei.



Räumung von «Liebig 34»
Ein Polizist steht nach der Räumung im Innenhof des ehemals besetzten Hauses «Liebig 34». Das Eckhaus an der Liebigstraße im Stadtteil Friedrichshain soll geräumt und an den Besitzer übergeben werden.   Foto: Fabian Sommer/dpa » zu den Bildern

Es ist noch dunkel, als sich in Berlin Hunderte junge Demonstranten ganz in Schwarz an ihrem Lieblingsprojekt treffen. Die mit Gittern abgesperrte Kreuzung vor dem Haus «Liebig 34» ist am Morgen mit Scheinwerfern grell ausgeleuchtet.

«Häuser denen, die drin wohnen», rufen die Protestler. Lautes Topfgeklapper und Sprechchöre dröhnen durch die Luft. Polizisten in mehreren Reihen sind postiert. Auch auf Hausdächern stehen Spezialeinheiten der Polizei in voller Montur.

Das Eckhaus an der Liebigstraße im Stadtteil Friedrichshain - ein Symbol der linksradikalen Szene -, um das so lange heftig gestritten wurde, soll geräumt und an den Besitzer übergeben werden. Auch die Polizei hat sich auf diesen Tag vorbereitet und verschiedene Szenarien durchgespielt. 1500 Polizisten aus mehreren Bundesländern sind stadtweit zusätzlich im Einsatz.

Damit war wohl zu rechnen: Der Hauseingang ist verbarrikadiert. Kurz nach 7.00 Uhr fährt ein schweres Räumfahrzeug rückwärts an das Haus. Mit Brecheisen und Kettensäge bearbeiten Polizisten die Tür. Gleichzeitig setzen weitere Polizisten auf einem Gerüst Trennschleifer an einem Fenster im ersten Stock an. Nach einer halben Stunde sind Tür und Fenster geöffnet, der Bagger mit einem montierten Rammbock wird nicht gebraucht.

Im Haus arbeitet sich die Polizei drei Stunden lang weiter von Wohnung zu Wohnung vor. Schwere Betonelemente auf der Treppe sollten den Durchgang zu den einzelnen Etagen blockieren. Die Polizei habe sich andere Wege gesucht, um nach oben zu kommen, hieß es. Eine Stahltür vom Hof ins Innere wird aufgeflext. Ein Treppenhaus ist mit einer schweren, herunterklappbaren Metallplatte verschlossen, die die Polizei aufbricht. Wohnungstüren und Durchgänge sind zum Teil zugebaut, Fenster von innen vernagelt, die Polizei räumt dicke Bohlen und Bretter.

Nach und nach werden Bewohnerinnen und Besetzerinnen in Gruppen aus dem Haus geführt. Eine Frau läuft die Rampe vom ersten Stock hinunter und reckt die geballte Faust zum Kampfgruß in die Höhe. Um 11.00 Uhr, vier Stunden nach Beginn der Räumung, verlässt die letzte Frau das Haus. 57 Menschen zählt die Polizei im Gebäude. Sie stellt die Personalien fest und entlässt sie. Ermittelt wird wegen des Verdachts auf Hausfriedensbruch.

Zu dem Zeitpunkt sind viele der anfangs etwa 1500 Demonstranten bereits abgezogen. Aus einem der umliegenden Häuser tönt der Song «Der Traum ist aus» von Ton Steine Scherben. Auch die Polizei ist überrascht, dass der Protest kleiner ausfiel als erwartet. Es habe nur wenig Widerstand gegeben, sagt ein Polizeisprecher. Die Menschen am Haus seien weitgehend friedlich geblieben. In angrenzenden Straßen seien Polizisten aber teils massiv mit Flaschenwürfen angegriffen worden, twittert die Polizei.

An anderen Orten in der Stadt brannten laut Polizei schon in der Nacht zuvor Autoreifen, Müllcontainer sowie ein Abfertigungsgebäude im S-Bahnhof Tiergarten. An der Wand steht der Schriftzug «L34». Für Freitagabend war noch eine Demonstration gegen die Räumung angekündigt.

Berlins Innensenator Andreas Geisel sprach in der RBB-«Abendschau» von einem professionellen Einsatz der Polizei. «Der Rechtsstaat wird durchgesetzt», bekräftigte der SPD-Politiker. Angesprochen auf die Kritik, dass die Räumung mit großen Polizeiaufgebot trotz der hohen Corona-Fallzahlen in Berlin nicht verschoben wurde, sagte Geisel, dies wäre ein falsches Zeichen nach Gewalttaten in der vergangenen Woche gewesen. Die Hygieneregeln seien beachtet worden und der Einsatz sei unter freiem Himmel gewesen.

In dem Haus «Liebig 34» war vor zwei Jahren ein zehnjähriger Gewerbemietvertrag für den Bewohner-Verein ausgelaufen, der sich selbst als «anarcha-queer-feministisch» bezeichnet. In einem langen juristischen Streit bekam der Eigentümer Recht und setzte die Räumung durch. Der Anwalt des Bewohner-Vereins, Moritz Heusinger, kritisierte am Rand der Räumung, dass er nicht zu seinen Mandanten vorgelassen worden sei, um zu deeskalieren. Das sei «völlig unverständlich».

Das Haus präsentiert sich am Freitagnachmittag in einem chaotischen und teilweise verwüsteten Zustand, wie bei einem von der Polizei organisierten Rundgang zu sehen ist. Im Innenhof stapelt sich Müll und Gerümpel. Einige Zimmer sind mit kaputten Matratzen und Schutt gefüllt, offenbar um ein Eindringen der Polizei von außen durch Fenster zu erschweren. Wände sind durchbrochen, der Bodenbelag weitgehend zerstört.

In manchen Küchen stehen noch Essensvorräte wie Reis und Bier. Im Erdgeschoss neben der Eingangstür liegt eine männliche Schaufensterpuppe ohne Arme und Kopf und mit zwei Messern in der Brust. Ein gewisser Humor der Bewohnerinnen zeigt sich im Treppenhaus: «Welcome to Hell 34» steht auf einem großen Brett. Und an der Wand: «Hoch leben die rechthabenden und allwissenden Revolutionärinnen».

© dpa-infocom, dpa:201009-99-880495/13

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09. 10. 2020
20:56 Uhr

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09. 10. 2020
20:56 Uhr



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