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Bomben, Kälte, Hunger: Syrien erlebt neues Flüchtlingsdrama

900.000 Menschen fliehen vor den heranrückenden Regierungstruppen, die Lager sind überfüllt, die ersten Flüchtlinge erfrieren, und die Grenzen zur Türkei sind dicht. So schlimm war es im Bürgerkriegsland Syrien noch nie.



Flucht
Nur raus hier: Zivilisten fliehen aus der umkämpften syrischen Region um Idlib.   Foto: Uncredited/AP/dpa » zu den Bildern

Sie suchen Schutz, wo sie ihn nur finden können. In der nordsyrischen Stadt Asas hausen die Flüchtlinge sogar auf den Ladeflächen von Lastern, vor Kälte, Wind und Regen nur geschützt durch dünne Plastikplanen, die sie aufgespannt haben.

Zum Essen hocken sie sich zwischen Pfützen auf den nassen Boden. «In diesem Lastwagen lebt eine ganze Familie» sagt Rafad Kinnu, Mitarbeiter der deutschen Welthungerhilfe in Asas, auf einem Video, das er gefilmt hat. «Weil sie keine andere Unterkunft haben.» Ein paar Meter weiter haben andere im Matsch provisorische Plastikzelte errichtet. Die Flüchtlingslager, die sie aufnehmen könnten, sind längst überfüllt.

Den Mitarbeitern der Hilfsorganisationen gehen langsam die Worte aus, um die Dramatik der Lage im Nordwesten Syriens zu beschreiben. Dirk Hegmanns, Regionaldirektor der Welthungerhilfe für Syrien, spricht von der «schlimmsten Flüchtlingskrise» seit Ausbruch des Bürgerkriegs vor fast neun Jahren, als die ersten Menschen gegen die Regierung protestierten und die Machthaber ihre Sicherheitskräfte losließen.

Geblieben ist von dem Aufstand die letzte große Rebellenhochburg um die Stadt Idlib, die jedoch immer kleiner wird. Seit dem vergangenen Jahr rücken die Truppen von Präsident Baschar al-Assad und deren Verbündete vor, unterstützt von russischen Luftangriffen. Erst in den vergangenen Tagen konnten sie größere Gebiete wieder einnehmen.

Schon jetzt sind nach UN-Angaben seit Anfang Dezember mindestens 900.000 Menschen vor Kämpfen, Bombardierungen und den heranrückenden Assad-Truppen geflohen, die meisten von ihnen Frauen und Kinder. Sie versuchen in Gebieten unterzukommen, die wegen früherer Flüchtlingswellen ohnehin schon äußert dicht besiedelt sind. Die Helfer sind oft überfordert. «Wir schaffen es, Hilfe zu bringen», sagt Hegmanns. «Aber es sind unglaublich viele Menschen in kurzer Zeit, da ist es schwierig zu reagieren.» So fehlt es an allem: an Unterkünften, Nahrung, Heizmitteln und medizinischer Versorgung.

Auch weil bei Luftangriffen immer wieder Krankenhäuser getroffen werden. Oppositionelle Aktivisten werfen Syrien und seinem Verbündeten Russland vor, gezielt lebenswichtige Infrastruktur anzugreifen, um die Menschen zur Aufgabe zu zwingen.

Selbst in Flüchtlingslagern drohen weiter Angriffe. So meldete die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF), in den vergangenen Tagen seien westlich der Stadt Aleppo neben Orten auch provisorische Vertriebenenlager bombardiert worden. «Die Situation der Menschen ist verzweifelt», sagt MSF-Landeskoordinatorin Julien Delozanne. «Die Angriffe treffen jetzt Gebiete, die bislang als sicher galten.»

Und als wäre die humanitäre Katastrophe nicht schon groß genug, verschlimmern kalte Wintertemperaturen die Lage noch weiter. Nachts fällt das Thermometer oft unter Null Grad. Auf manchen Bildern aus dem Gebiet ist Schnee zu sehen, anderenorts hat Regen den Boden aufgeweicht. Helfer berichten von Kindern, die wegen der Kälte gestorben seien. So wie ein knapp 18 Monate altes krankes Mädchen, das der Vater in ein Krankenhaus in der Stadt Afrin trug, wie ein Arzt der Klinik berichtet: «Als das Mädchen ankam, war sie tot.»

Für die Flüchtlinge geht es ums nackte Überleben. «Die Menschen wissen nicht, wovon sie heute oder am nächsten Tag leben sollen», sagt Dirk Hegmanns von der Welthungerhilfe. Die Region erlebe eine «krasse humanitäre Katastrophe». Viele besitzen nur noch das, was sie bei ihrer Flucht irgendwie mitschleppen konnten.

So wie die Familie von Diab Allusch, 75 Jahre alt, ein Bauer mit Schnauzbart und Zahnlücken, der sich ein rot-weißes Tuch um den Kopf gewickelt hat. Mit seiner Frau und sechs kleinen Kindern ist es aus der Stadt Maarat al-Numan vor Assads Truppen geflohen. Jetzt hausen sie nahe Idlib in einem zerstörten Gebäude, ohne Fenster und Türen, ohne richtige Küche, eine provisorische Toilette draußen. Eine Treppe ohne Geländer führt in den ersten Stock, wo Trümmer liegen. Auf Gesichtern und Kleidern der Kinder steht der Schmutz. Immerhin, mit gesammelten Holz kann die Familie in einem Raum einen Ofen anheizen.

«So etwas (Schlimmes) habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt», sagt Diab Allusch wortkarg. Um überleben zu können, verkauft er das wenige, was er noch besitzt. Zumindest einmal liegt ein leichtes Lächeln auf dem Gesicht des alten Mannes, der gebrechlich wirkt. Als er erzählt, dass seine Frau ihr siebtes Kind erwartet.

Doch die Flucht könnte für ihn wie für viele andere noch nicht zu Ende sein. Assad zeigte sich in dieser Woche in einer Fernsehansprache siegessicher: Seine Truppen würden die Offensive fortsetzen, bis ganz Syrien «befreit» sei. Und die Rebellen waren in der Vergangenheit nicht mehr in der Lage, ihre Gegner aufzuhalten.

Rücken Assads Truppen weiter vor, wird nicht nur die Zahl der Flüchtlinge steigen, sondern das Zufluchtsgebiet immer kleiner. Die Türkei hat ihre Grenzen geschlossen, weil sie schon mehr als 3,5 Millionen Syrer aufgenommen hat. Rafad Kinnu befürchtet das Schlimmste: «Wenn das Assad-Regime kommt, bedeutet das ein Massaker», prophezeit er. «Dann werden viele Menschen sterben. Und sie werden versuchen, in die Türkei zu kommen. Aber das wird unmöglich sein.»

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dpa

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19. 02. 2020
13:11 Uhr

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