Lade Login-Box.
Topthemen: Hofer Filmtage 2019EhrenamtskampagneVER Selb

Brennpunkte

Brexit-Hardliner Boris Johnson kämpft um May-Nachfolge

Kaum ein britischer Politiker hat es so deutlich auf das Amt des Regierungschefs abgesehen wie Boris Johnson. Nach dem Rücktritt von Premierministerin Theresa May könnte er seinem Ziel so nahe gekommen sein wie nie zuvor.



Boris Johnson
Kaum ein britischer Politiker hat es so deutlich auf das Amt des Regierungschefs abgesehen wie Boris Johnson.   Foto: Richard Drew/AP

War es die neue Liebe oder die Aussicht auf das Amt des Premiers? Der ehemalige britische Außenminister und Brexit-Wortführer Boris Johnson hat in den vergangenen Monaten eine merkliche Wandlung vollzogen.

Der einst füllige Bauch ging zurück, die blonde Mähne auf seinem Kopf wurde zu einer passablen Frisur. Die sonst unausweichlichen verbalen Fehltritte blieben aus.

Johnson lebt Berichten zufolge seit einige Monaten von seiner Frau getrennt und soll mit einer mehr als 20 Jahre jüngeren Medienexpertin liiert sein. Doch vieles spricht dafür, dass er sich bereits intensiv auf das absehbare Rennen um die Nachfolge von Premierministerin Theresa May vorbereitete, die am Freitag zurückgetreten ist. Er gilt derzeit als Favorit für den Top-Job.

Nur kurz nachdem May in London am Freitag ihren Rücktritt verkündet hatte, drohte er bereits mit einem EU-Austritt ohne Abkommen. Bei einer Konferenz in der Schweiz sagte er nach Angaben von Reportern vor Ort: «Natürlich bewerbe ich mich als Premierminister.» Und weiter: «Um einen guten Deal zu bekommen, muss man sich auf einen No-Deal vorbereiten. Um etwas zu erreichen, muss man bereit sein, den anderen stehen zu lassen.»

Viele halten das für einen Bluff. Es spricht einiges dagegen, dass Johnson mit dieser Strategie Zugeständnisse von der EU bis zum Ende der Austrittsfrist am 31. Oktober erreicht. Brüssel machte umgehend klar, dass der mit May ausgehandelte und drei Mal vom britischen Parlament abgelehnte Brexit-Deal nicht wieder aufgeschnürt werden kann.

Im Ringen um den EU-Austritt hatte Johnson oft das von ihm ins Gegenteil verkehrte Sprichwort «You can't have your cake and eat it» - etwa: man kann seinen Kuchen nicht gleichzeitig essen und aufbewahren - bemüht. Johnson war der Meinung, das ginge sehr wohl. Damit war gemeint, Großbritannien könne aus der EU austreten und die Pflichten der Mitgliedschaft abschütteln, aber weiterhin deren Vorteile genießen. Dieser Ansatz wurde von Brüssel vehement als Rosinenpicken zurückgewiesen und es gibt keine Anzeichen, dass sich daran etwas ändern soll.

Sollte es tatsächlich zu einem Brexit ohne Deal kommen, wird mit verheerenden Folgen für die britische Wirtschaft und viele weitere Lebensbereiche gerechnet. Was, wenn Johnson mit seinem Gepolter eine unumkehrbare Spirale in Richtung eines ungeordneten Austritts auslösen sollte? Schon nach dem knappen Brexit-Votum der Briten im Jahr 2016 munkelten viele, Johnson selbst sei von dem Ausgang überrascht gewesen, habe den EU-Austritt gar nicht gewollt.

Kurzzeitig sah es damals so aus, als würde Johnson bereits nach dem Amt des Premiers greifen, doch es kam anders. Er musste sich mangels Unterstützung aus dem Rennen zurückziehen. Viele hielten ihn nicht für geeignet für das Amt des Premierministers. Die siegreiche Theresa May machte Johnson damals zum Außenminister, wohl um ihn in Schach zu halten. Doch als May eine vorgezogene Parlamentswahl ausrief und eine Niederlage einfuhr, traute er sich immer mehr aus der Deckung. Wiederholt fuhr er ihr öffentlich mit seinen Brexit-Vorstellungen in die Parade, schließlich schmiss er hin.

Als Außenminister hatte Johnson keine sonderlich gute Figur gemacht. Der 54-Jährige ist alles andere als ein geborener Diplomat. Die Liste seiner Fehltritte ist lang. Dabei ist nicht immer klar, ob er absichtlich Porzellan zerschlägt oder aus Ignoranz.

Unrühmliche Schlagzeilen machte Johnson etwa, als er bei einem Parteitag der britischen Konservativen über die ehemalige libysche IS-Hochburg Sirte als potenzielles Touristenparadies sprach. «Sie müssen nur die Leichen wegräumen», scherzte Johnson. Ähnlich groß war die Empörung als er in einem buddhistischen Tempel in Myanmar während eines offiziellen Besuchs ein kolonialzeitliches Gedicht rezitierte, in dem eine Buddha-Statue als «Götze aus Matsch» bezeichnet wird. «Nicht angemessen», zischte der britische Botschafter ihm zu.

Schlimm waren auch seine Ausfälle vor dem Brexit-Referendum. Er verglich die Ambitionen der EU mit dem Großmachtstreben Hitlers und Napoleons. Den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan schmähte er mit einem frivolen Gedicht über eine Ziege. Den Briten versprach er, im Falle eines Brexits 350 Millionen Pfund (knapp 400 Millionen Euro) an EU-Beiträgen pro Woche in das Gesundheitssystem zu stecken. Er verschwieg jedoch, dass London einen großen Teil seiner Beiträge ohnehin zurückerhält. In diesem Fall droht ihm sogar noch ein gerichtliches Nachspiel.

Dass er es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, zeichnete sich früh ab. Seinen ersten Job als Journalist bei der renommierten Tageszeitung «The Times» verlor er, weil er absichtlich ein Zitat verfälschte. Doch wenn sich etwas wie ein roter Faden durch Johnsons Biografie zieht, dann die Erkenntnis, dass seine Fehltritte schnell in Vergessenheit geraten. Das Konkurrenzblatt «The Telegraph» empfing ihn mit offenen Armen und schickte ihn nach Brüssel. Von dort schrieb er unzählige Geschichten, in denen er die EU als unfähiges, nur sich selbst dienendes Bürokratiemonster darstellte. Später wurde er Chefredakteur der Zeitschrift «Spectator», dann Abgeordneter.

Will der bei der Parteibasis enorm beliebte Johnson tatsächlich Premierminister werden, muss er zunächst von der konservativen Fraktion für die engere Auswahl erkoren werden. Dort zweifeln Berichten zufolge noch immer viele an seiner charakterlichen Eignung für den Job. Auf der anderen Seite wird ihm mehr als jedem anderen zugetraut, sowohl die Konkurrenz von rechts durch die Brexit-Partei von Nigel Farage als auch den Altlinken und Labour-Chef Jeremy Corbyn in einer Wahl zu bezwingen.

Obwohl er in eine wohlhabende Familie geboren wurde, hat Johnson das Talent, den einfachen Mann anzusprechen. Vieles ist Show. Johnson gehört zum Establishment. Er besuchte das Elite-Internat Eton, studierte in Oxford und war zeitweise Präsident des Debattierclubs Oxford Union und Mitglied der als dekadent verschrieenen Studentenverbindung Bullingdon-Club.

Nur Premierminister zu werden, sei nicht genug für ihn, scherzte einmal seine Schwester Rachel. Als Kind habe er stets als Berufswunsch Welt-König genannt. Nun könnte es vielleicht doch der Premierminister werden.

Veröffentlicht am:
25. 05. 2019
22:07 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Außenminister Boris Johnson Brexit Britische Außenminister Britische Wirtschaft Britisches Parlament Diplomaten Europäische Union Gedichte Jeremy Corbyn Nigel Farage Parlamente und Volksvertretungen Parlamentswahlen Recep Tayyip Erdogan Regierungschefs Theresa May
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Boris Johnson

28.09.2019

Kurz vor Tory-Parteitag: Neue Vorwürfe gegen Boris Johnson

Wieder Ärger für Premier Boris Johnson: Dieses Mal geht es um seine Zeit als Bürgermeister in London. Er soll eine US-Geschäftsfrau begünstigt haben. Die Polizeiaufsicht ermittelt. » mehr

Johnson gibt Erklärung ab

vor 18 Stunden

Britische Regierung will Brexit-Verschiebung beantragen

Hin und Her in Sachen Brexit: Erst erleidet Premierminister Boris Johnson eine Niederlage im Parlament, das seinen Ausstiegsvertrag ablehnt. Dann gibt er sich zunächst unbeugsam - und lässt sich am Abend offenbar doch au... » mehr

Britisches Unterhaus

18.10.2019

Abstimmung über Brexit-Deal könnte denkbar knapp ausgehen

Boris Johnson scheint einen Brexit-Kurs einzuschlagen, der Großbritannien vom Partner der EU zum Konkurrenten machen könnte. Brexit-Hardliner im Parlament begrüßen das, proeuropäische Abgeordnete sind entsetzt. Für seine... » mehr

Brexit

05.09.2019

Ringen um den No-Deal-Brexit: Johnson in der Sackgasse?

Johnsons Strategie des maximalen Drucks auf seine Gegner ist zum Bumerang geworden. Die Gegner eines No-Deal-Brexits haben den Spieß umgedreht. Nun ist er es, dem die Zeit davonläuft. In Brüssel beobachtet man das Gesche... » mehr

Jeremy Hunt

07.06.2019

Premierministerin May gibt Amt als Parteichefin ab

Aus für Theresa May: Als Parteichefin der Tories hört sie auf, die Regierungsgeschäfte führt sie auch nur noch ein paar Wochen weiter. Beste Chancen für die Nachfolge hat ihr größter Rivale. » mehr

Premierminister Johnson

07.09.2019

Britisches Oberhaus billigt Gesetz gegen No-Deal-Brexit

Premierminister Johnson musste in den vergangenen Tagen diverse Rückschläge einstecken. Auch in der kommenden Woche muss er sich auf viel Widerstand gegen seine Pläne gefasst machen. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Klassik meets Modern Gypsy Swing in Helmbrechts Helmbrechts

Klassik meets Modern Gypsy Swing in Helmbrechts | 19.10.2019 Helmbrechts
» 46 Bilder ansehen

Casanova-Party in Schwingen Schwingen

Casanova-Party in Schwingen | 19.10.2019 Schwingen
» 22 Bilder ansehen

Etem Bayramoglu holt deutsche Profi-Box-Meisterschaft Plauen

Fightnight Plauen mit Etem Bayramoglu | 19.10.2019 Plauen
» 11 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
25. 05. 2019
22:07 Uhr



^