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Christchurch-Bluttat: Diplomatischer Ärger nach Erdogan-Rede

Mit innenpolitischen Brandreden zum Anschlag von Christchurch hat der türkische Präsident diplomatische Zwischenfälle ausgelöst. Unterdessen werden die ersten Opfer zu Grabe getragen - Vater und Sohn, die gerade erst als Flüchtlinge nach Neuseeland gekommen waren.



Premierministerin Ardern
Jacinda Ardern, Premierministerin von Neuseeland, auf einer Pressekonferenz nach dem Massaker von Christchurch.   Foto: Guo Lei/XinHua » zu den Bildern

Weil er die blutigen Moscheeangriffe in Neuseeland für Brandreden gegen den Westen im Wahlkampf nutzt, ist der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan schwer in die Kritik geraten.

Der neuseeländische Vize-Premierminister Winston Peters reise nun in die Türkei, auch um «Missverständnisse aus dem Weg zu räumen», sagte Regierungschefin Jacinda Ardern am Mittwoch in der neuseeländischen Stadt Christchurch.

Dort waren bei den Angriffen am vergangenen Freitag mindestens 50 Menschen getötet worden - die ersten wurden am Mittwoch beerdigt. Der mutmaßliche Täter, ein Rechtsextremist aus Australien, sitzt in Untersuchungshaft. Am 31. März stehen in der Türkei Kommunalwahlen an.

Erdogan hatte am Dienstag in einer Wahlkampfrede gesagt, dass der Todesschütze nach der Rechtslage in Neuseeland nicht mehr als 15 Jahre absitzen könnte. «Wie billig doch ein Menschenleben ist», sagte er. Er forderte Neuseeland auf, «solchen Mördern kein Recht auf Leben einzuräumen».

Erdogan hatte zuvor mehrfach die Islamfeindlichkeit des Westens kritisiert und seine AK-Partei als Bollwerk gegen diese Haltung präsentiert. Er hatte auch verpixelte Ausschnitte aus den Aufnahmen des Schützen von der Tat gezeigt, während es in aller Welt Versuche gab, das Video aus dem Internet zu entfernen.

Kritik bekam Erdogan am Mittwoch auch für Bemerkungen aus einer Rede vom Montag. Da hatte er gewarnt, dass Australier und Neuseeländer mit antimuslimischer Gesinnung das gleiche Schicksal erleiden könnten wie Soldaten, die im Ersten Weltkrieg gegen das Osmanische Reich gekämpft hatten. Australien bestellte deshalb den türkischen Botschafter ein.

Erdogan bezog sich auf die Schlacht von Gallipoli, bei der die osmanischen Truppen unterstützt von Deutschland und Österreich-Ungarn die Truppen der Entente-Mächte, unter ihnen auch Australien und Neuseeland, besiegt hatten. «Eure Großväter kamen und sahen, dass wir hier sind. Danach kehrten manche auf ihren Beinen, manche in Särgen zurück. Wenn ihr also mit derselben Absicht kommen solltet, nur zu - habt keinen Zweifel, dass wir auch euch wie eure Großväter verabschieden werden», hatte Erdogan gesagt.

Der australische Premierminister Scott Morrison warf Erdogan vor, im Ersten Weltkrieg gefallene australische und neuseeländische Soldaten «hochgradig beleidigt» zu haben. Der Jahrestag der Landung in Gallipoli am 25. April 1915 ist als «Anzac Day» ein nationaler Feiertag. Viele Nachfahren von Veteranen reisen weiter nach Gallipoli. Morrison weigerte sich, eine Entschuldigung anzunehmen. Die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu berichtete von einem Gespräch der beiden Außenminister in der Sache.

Erdogans Kommunikationsdirektor Fahrettin Altun versuchte am Abend, die Spannungen zu lindern: Er twitterte, Erdogans Äußerungen seien gegen das «Manifest» des Täters gerichtet gewesen, nicht gegen Besucher aus Australien, und aus dem Zusammenhang gerissen worden. Die Türkei sei immer der freundlichsten Gastgeber für die Besucher zum «Anzac Day» gewesen, der bald wieder ansteht.

Premierministerin Jacinda Ardern sagte, Winston Peters, der auch Neuseelands Außenminister ist, werde in der Türkei deutlich machen, dass die muslimische Gemeinde in Neuseeland «die Unterstützung aller Neuseeländer» habe. Was geschehen sei, sei in Neuseeland noch nie da gewesen. Sie erwarte aber nicht, dass das «fest verankerte» Verhältnis zur Türkei «verloren gehen» werde. Der Zeitung «NZ Herald» zufolge wird Peters zuerst nach Indonesien reisen. Wann genau er in der Türkei ankommen wird, blieb zunächst unklar.

Fünf Tage nach dem Anschlag auf die zwei Moscheen wurden am Mittwoch die ersten Todesopfer beigesetzt. Dabei handelte es sich um einen Vater und seinen Sohn, die erst vor wenigen Monaten als Flüchtlinge aus Syrien nach Christchurch gekommen waren. Im Islam ist es eigentlich üblich, Tote innerhalb von 24 Stunden zu beerdigen. Wegen der kriminaltechnischen Ermittlungen müssen die Familien auf die Freigabe der Leichen jedoch viel länger warten als üblich.

Jacinda Ardern bat die Hinterbliebenen um mehr Geduld. Sie wisse, wie schwierig und frustrierend das sei, sagte sie in Christchurch. Bis Mittwochabend (Ortszeit) wurden erst 30 der Toten freigegeben. 29 Verletzte wurden weiter in verschiedenen Krankenhäusern behandelt. Unter den acht Menschen in «kritischem Zustand» ist auch ein vierjähriges Mädchen.

Eine Woche nach der Tat will Neuseeland am Freitag zwei Schweigeminuten einlegen. Zur Tatzeit soll das ganze Land stillstehen. Ardern kündigte auch an, dass es später eine nationale Trauerfeier geben soll. Inzwischen sind für die Hinterbliebenen auf einem Spendenkonto mehr als fünf Millionen Euro eingegangen.

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dpa

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Veröffentlicht am:
20. 03. 2019
19:39 Uhr

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20. 03. 2019
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