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Drei Jahre Haft für überlasteten pflegenden Senior

Ein Senior opfert sich für seine pflegebedürftige Frau auf. Die jahrelange Fürsorge ohne jegliche Hilfe zermürbt ihn seelisch und körperlich. Als Hilfe ganz nah ist, kommt es zu einer fatalen Reaktion.



Totschlags-Prozess gegen Ehemann
Der 79 Jahre alte Angeklagte (M) steht neben seiner Verteidigerin Tanja Lehrmann im Verhandlungssaal des Landgerichts.   Foto: Uwe Anspach/dpa

Ich bereue diese Sache sehr», sagt der große, schmale Mann in kariertem Hemd und Strickjacke vor dem Landgericht Mosbach in Baden-Württemberg.

«Diese Sache» ist der gewaltsame Tod der Frau, mit der er 58 Jahre lang verheiratet war, drei Söhne großgezogen hat - und die er jahrelang liebevoll gepflegt hat.

Vor dem Schwurgericht gesteht der 79-Jährige, seine pflegebedürftige Frau am 21. Januar dieses Jahres getötet zu haben - laut Gerichtsmedizin hatte er sie mit einer Kordel erdrosselt, woran er sich nicht mehr erinnern kann.

Um sicherzugehen, dass sie wirklich tot ist, schnitt er ihr mit einem Schinkenmesser die Pulsadern auf - zu dem Zeitpunkt war sie schon gestorben. Einer seiner Söhne, der zu Besuch im Haus weilte, fand seinen Vater mit dem Messer in der Hand auf der Bettkante sitzend. Mit den Worten «Ich habe etwas Schlimmes getan» hatte er den 52-jährigen Arzt zuvor aufgeweckt.

Die Richter verurteilen den im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg Inhaftierten wegen Totschlags im minder schweren Fall zu drei Jahren Haft und attestieren dem selbst vielfach erkrankten Mann eingeschränkte Schuldfähigkeit. Die Verteidigung plädiert zuvor auf zwei Jahre auf Bewährung. Die Staatsanwaltschaft fordert viereinhalb Jahre.

Die Tat in Billigheim war der Endpunkt einer sich über viele Jahre zuspitzenden Pflegebeziehung, in der der gelernte Schweißer sich nach einer schweren Operation seiner Frau 2002 liebevoll um seine Gattin kümmerte. Nach zwei Schlaganfällen und einem Treppensturz seiner Frau sah sich der völlig überlastete, aber dennoch pflichtbewusste Senior im vergangenen Januar kaum noch in der Lage, die 84-Jährige zu betreuen. Diese kritisierte seine Pflege, weigerte sich aber, Hilfe von außen anzunehmen.

Pflegende Angehörige bemühen sich nach Beobachtung von Stefanie Wiloth vom Heidelberger Institut für Gerontologie nur selten um Unterstützung. «Flyer nutzen da nichts.» Deshalb müssten Gemeindeschwestern und Haus- und Fachärzte direkt auf Schulungsangebote etwa von psychologischen Beratungsstellen, Alzheimer-Gesellschaft oder Pflegestützpunkten hinweisen, sagt Wiloth.

Den Pflegenden fehle oft die Fähigkeit, die Verhaltensweisen ihrer Angehörigen zu deuten, ihre Gestik und Mimik zu verstehen. Sie müssten solche Dinge erst lernen, könnten das aber nicht allein. Wiloth: «Wenn der Pflegende lernt, mit der Krankheit und dem Verhalten des Angehörigen sicher umzugehen, und die Pflegebedürftigen merken, mit ihren Bedürfnissen wahrgenommen zu werden, beugt das der Eskalation vor.»

Die Eskalation im Fall Billigheim begann am 20. Januar zunächst mit einer guten Botschaft für den pflegenden Angehörigen. Seine Frau wehrte sich erstmals nicht mehr, einen kurzfristig organisierten Heimplatz anzunehmen. Ihre Tasche für den Einzug am nächsten Tag war schon gepackt, aber in der Nacht wachte sie auf und teilte ihrem Mann mit, dass sie nicht umziehen und auf die Pflege allein durch ihn bestehen werde. Das habe eine Schockreaktion ausgelöst mit der Folge des tödlichen Angriffs, heißt es im von der Verteidigerin verlesenen Geständnis.

Ein Sachverständiger beschreibt den Mann als auffällig unauffällig, sozial angepasst, als jemanden, der eigene Ansprüche zurückstellte und Verzicht für die Familie übte. Zum Zeitpunkt der Tat habe er keine Barrieren mehr gegen den Handlungsimpuls gehabt, die für ihn unerträglich gewordene Situation zu beenden. «Der Akku war leer.»

© dpa-infocom, dpa:200716-99-818261/3

Veröffentlicht am:
16. 07. 2020
17:32 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
16. 07. 2020
17:32 Uhr



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