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Eisbären-Alarm: Gefährliche Gäste am Nordpolarmeer

Am Polarkreis gibt es in diesem Winter weniger Eis. Die Eisbären suchen deshalb an Land nach Futter. Die Menschen im Norden Russlands sind verängstigt. Doch was steckt hinter dem Eisbären-Alarm?



Eisbär
Ein Eisbär im Nordpolarmeer auf einer Eisscholle.   Foto: Ulf Mauder

Auf manche Besucher in ihren Häusern können die Menschen nördlich des Polarkreises gut verzichten. Auf Eisbären zum Beispiel. Auf der russischen Doppelinsel Nowaja Semlja gibt es in diesem Winter so viele davon, dass die Behörden Alarm geschlagen haben.

Russische Experten beraten nun darüber, wie sich die Bewohner dauerhaft schützen können. Forscher in Deutschland glauben, dass es künftig häufiger zu solchen Begegnungen kommen könnte.

Es sei in der Vergangenheit immer mal wieder vorgekommen, dass Eisbären nicht mehr in der Wildnis, sondern auf Müllhalden nach Futter gesucht hätten, sagt Meeresökologe Hauke Flores vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. «Dass es aber vermehrt solche Fälle gibt, hängt stark mit dem Klimawandel zusammen.»

So werde der Zugang zum Futter für die Eisbären immer schwieriger. Vor gut zehn Jahren sei das Wasser im Winter um die Doppelinsel herum noch zugefroren gewesen. «Da konnten die Bären noch gut auf dem Eis herumspazieren.» In den Wintermonaten gebe es keine dauerhafte Eisdecke mehr - problematisch für die Raubtiere.

Die weißen Bären benötigten Packeis, um überhaupt Robben fangen zu können, erläutert Eisbärenexpertin Sybille Klenzendorf von der Umweltschutzorganisation WWF. Ohne Eisschollen kämen sie nicht an die Säugetiere heran, von denen sie sich hauptsächlich ernähren. «Eisbären fressen zuerst das Fett der Tiere. Ihre Hauptnahrungszeit ist von November bis Juni.» Weil um Nowaja Semlja das Eis fehle und die Bären hungrig seien, ziehe es sie zu den Siedlungen, weiß die Umweltschützerin. «Eisbären haben eine supergute Nase. Sie können Nahrung in einer Entfernung von bis zu 30 Kilometern riechen.»

Wie viele Eisbären rund um Nowaja Semlja leben, sei unklar, sagt Klenzendorf. «Dort ist militärisches Sperrgebiet. Es gibt seit 2004 keine wissenschaftlichen Erhebungen mehr.» In der Region gebe es große Müllhalden, auf denen die Tiere Futter fänden. Die Verwaltung hat das Problem erkannt. Behördenvertreter Schiganscha Mussin sagte der Agentur Interfax: «Bis 2020 planen wir, alle Mülldeponien vollständig zu beseitigen und eine Verbrennungsanlage zu bauen.»

Die Tiere werden nun erst einmal verscheucht - bevor die Behörden längerfristige Maßnahmen in Angriff nehmen. «Neue Bären lassen sich vom Lärm gut vergrämen. Sie gewöhnen sich aber auch daran», sagt Klenzendorf. Leuchtraketen, Pfefferspray oder Elektrozäune sind nach ihren Angaben ebenso wirksam. Dörfer müssten nun mit Zäunen und Barrieren gesichert werden. Wichtig sei es auch, Abfall zu beseitigen und Müllhalden einzuzäunen.

Nadeschda Wolf wohnt seit sieben Jahren in der Siedlung Beluschja Guba auf Nowaja Semlja am Nordpolarmeer. Dort wurden zuletzt mehr als 50 Bären gezählt. Die Behörden riefen deshalb den Notstand aus. Wolf erzählte dem Online-Nachrichtenportal Medusa von einer Begegnung mit einem Bären, als sie ihre Tochter zum Kindergarten brachte: «Ich packte das Kind und rannte. Ich sah die kleinen, schönen Augen des Bärenjungen. Aber ich hatte noch nie so viel Angst.» Es gebe mittlerweile Patrouillen, um die Tiere zu verscheuchen. «Die Bären sind weniger geworden.»

«Eisbären sind gefährlich. Sie sind die größte Landraubtiere und unberechenbar», erläutert die WWF-Expertin Klenzendorf, die seit Jahren die russischen Bären im Blick hat. Die Tiere auf Nowaja Semlja hätten sich an den Menschen gewöhnt und gelernt, dass sie in Mülleimern an Häusern Futter fänden. «Wenn sich 400 Kilogramm Gewicht gegen eine verschlossene Tür lehnen, dann öffnet sie sich auch mal.» Im Internet gibt es Videos von der Siedlung, die zeigen, wie ein Bär durch einen Hausflur spaziert - vorbei an abgestellten Kinderwagen.

Der Klimawandel begünstige Begegnungen mit dem Menschen, sagt Flores. Ihn würde es nicht überraschen, wenn es künftig häufiger solche Fälle geben werde. Ein Grund sei der Anstieg der Wassertemperatur. In der Arktis gefriere das Meereswasser wegen des Salzgehalts bei minus 1,9 Grad. Es sei aber in den vergangenen Jahren etwas wärmer geworden. «Ökologisch gesehen macht das gigantische Unterschiede aus.»

Die Umweltschützer vom WWF sind deshalb besorgt: «Wir haben in den letzten 40 Jahren sechs mal die Fläche von Deutschland an Eis verloren. Prognosen sagen, dass die Arktis bis 2050 im Sommer komplett eisfrei sein wird.» Das führe zu Konflikten zwischen Eisbären und Menschen. Nicht nur im Norden Russland sei es schon dazu gekommen - auch in Grönland, Kanada und auf Alaska.

Der Abschuss der Eisbären auf der russischen Doppelinsel ist erst einmal nicht geplant. Die Tiere gehören zu den gefährdeten Arten. Es sei aber möglich, sie zu betäuben und per Flugzeug zum Eis zu fliegen, sagt Klenzendorf. Das sei aber teuer. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie alle Eisbären ausfliegen werden.»

Veröffentlicht am:
14. 02. 2019
08:27 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
14. 02. 2019
08:27 Uhr



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