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Elsass: Patienten über 80 werden nicht mehr beatmet

Das Elsass gilt als Corona-Zentrum in Frankreich. Die Lage dort ist schlimm. Unweit von Deutschland werden alte Corona-Kranke nun nicht länger beatmet. Wird das auch in Baden-Württemberg bald so sein?



Leichenwagen
Ein Leichenwagen vor dem Notdienst eines Krankenhauses in Straßburg.   Foto: Jean-Francois Badias/AP/dpa

Katastrophenmediziner berichten angesichts der Corona-Pandemie über dramatische Zustände aus dem Elsass, die aus ihrer Sicht bald auch in Deutschland drohen könnten.

Demnach arbeiten Mediziner an der Universitätsklinik Straßburg weiter mit Corona-Patienten, auch wenn sie selbst infiziert sind. Über 80-Jährige werden nicht länger beatmet. Stattdessen erfolge «Sterbebegleitung mit Opiaten und Schlafmitteln», schreiben die Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin in Tübingen in einem Bericht an die baden-württembergische Landesregierung, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Mehrere Medien haben darüber berichtet.

Die Universitätsklinik Straßburg bestreitet, dass das Alter das einzige Kriterium für Intensivmaßnahmen sei. Die an der Universitätsklinik geltenden Praktiken entsprächen den Empfehlungen der gängigen Fachgesellschaften, hieß es in einer Mitteilung. Es würden außerdem neue Kapazitäten im Bereich der Intensivmedizin bereitgestellt, es habe bisher keine Überlastung gegeben.

Das Elsass gilt als Frankreichs Zentrum der Krise. Die deutschen Katastrophenmediziner besuchten die Universitätsklinik Straßburg am Montag - und schlagen angesichts der Zustände Alarm. Sie berichten in dem Papier von einer «greifbaren Gefahr» durch das Virus. Unter der Annahme, dass sich die Entwicklung im Elsass bald in Deutschland einstellen werde, sei eine optimale Vorbereitung von «allerhöchster Dringlichkeit». Die Gefahr durch das Coronavirus mache «weitere konsequente Maßnahmen der Landesregierungen, der Krankenhäuser und der Rettungsdienste in Deutschland» unabdingbar.

Nadelöhr seien die zu beatmenden Patienten, heißt es in dem Papier. Seit dem Wochenende würden Patienten, die älter sind als 80 Jahre, an der Straßburger Klinik nicht mehr beatmet. So werde auch verfahren mit Patienten in Pflegeheimen in jenem Alter, die beatmet werden müssten. Sie sollen durch den Rettungsdienst eine «schnelle Sterbebegleitung» erhalten. Die Ethikkommission gebe diese Vorgehensweise vor.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz kritisiert das französische Vorgehen nach Alter scharf. Lebensalter oder Herkunft dürften für die medizinische Hilfe keine Rolle spielen, sagte Vorstand Eugen Brysch. «Vielmehr stehen der Patientenwille und die medizinische Prognose im Mittelpunkt.» Für die Patienten sei wichtig, ihren Willen rechtzeitig zu bekunden, etwa mit einer Patientenverfügung. Deutsche Intensiv- und Notfallmediziner hätten am Donnerstag klinisch-ethische Empfehlungen zur Versorgung von Intensivpatienten vorgelegt. Kriterium ist demnach die klinische Erfolgsaussicht der Behandlung - nicht das Alter. Mit der Handreichung sollten Zustände wie in Frankreich vermieden werden, sagt Brysch.

Die Straßburger Klinik nahm am Montag dem Bericht zufolge stündlich einen Patienten auf, der beatmet werden musste. 90 Beatmungsbetten standen zu dem Zeitpunkt zur Verfügung; die Klinik baut ihre Kapazitäten derzeit aus. Patienten zwischen 19 und 80 Jahren werden dort beatmet, wobei nur 3 der 90 Patienten jünger als 50 waren und keine Vorerkrankungen hatten. Am Universitätsklinikum wird pro Tag nur noch eine lebenswichtige Bypass-Operation durchgeführt, es gibt keine Tumor-Chirurgie mehr und keine ambulanten Operationen. Alle Patienten, die gehen können und bei denen es gesundheitlich vertretbar ist, wurden entlassen.

Das Robert Koch-Institut (RKI) hatte die an Deutschland grenzenden ostfranzösischen Gebiete Elsass und Lothringen bereits vor rund zwei Wochen als Coronavirus-Risikogebiet eingestuft. Auch die Region Champagne-Ardenne, die eine Grenze mit Belgien teilt, gilt als Risikogebiet. Die drei Gebiete bilden zusammen die Region Grand Est. Sie grenzt an Baden-Württemberg, an das Saarland und an Rheinland-Pfalz. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kündigte bei einem Besuch einer neuen mobilen Armeeklinik am Mittwochabend im elsässischen Mülhausen (Mulhouse) eine Militäroperation zur Unterstützung der Bevölkerung an.

Nach Angaben der regionalen Gesundheitsbehörde waren bis Mittwoch 3068 Menschen mit einer Sars-CoV-2-Infektion in Krankenhäusern untergebracht. Fast 651 davon waren auf Intensivstationen. Seit Beginn der Pandemie wurden in der gesamten Region mehr als 500 Todesfälle verzeichnet. Ein Sonderzug mit 20 Corona-Patienten an Bord verließ am Donnerstag Straßburg Richtung Westfrankreich, um die Intensivstationen in der betroffenen Region zu entlasten.

Das deutsche Gesundheitswesen sei weiterhin gut aufgestellt, hieß es am Donnerstag im baden-württembergischen Innenministerium. Aber man nehme die Lage im Elsass als «mahnendes Beispiel am Horizont». Man wolle die Arbeit gegen das Virus noch weiter intensivieren.

Intensivmedizinern und Notärzten komme in der Krise eine Schlüsselrolle zu, berichten die Katastrophenmediziner weiter. «Der Ausfall jeder einzelnen Person in diesen Bereichen wird am Ende Menschen das Leben kosten.» Deshalb müsse für diese Fachkräfte eine Sonderrolle gelten. Frankreich gestatte auch infizierten Ärzten die Arbeit. «Einzig bei bestätigter Infektion und eigenen Symptomen wird die Arbeit wenige Tage unterbrochen», schreiben die Mediziner über den französischen Rettungsdienst.

Die Mediziner warnen wegen der Corona-Krise aber auch vor «medizinischen Kollateralschäden». Die Menschen hätten trotz Corona-Krise Anspruch auf eine adäquate Behandlung etwa wegen Herzinfarkten oder Unfällen. «Wir dürfen am Ende nicht all diese Patienten verlieren, um dafür alle Covid-19-Patienten gerettet zu haben.»

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dpa

dpa

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Veröffentlicht am:
26. 03. 2020
22:35 Uhr

Aktualisiert am:
26. 03. 2020
22:41 Uhr

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26. 03. 2020
22:35 Uhr

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26. 03. 2020
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