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Erst Rohrbomben, dann Antisemitismus: USA in Schockstarre

Eine Woche lang lähmten die Rohrbomben eines Trump-Fanatikers die USA. Kaum ist der Täter gefasst, erschießt ein Antisemit elf Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Pittsburgh. Eine Woche vor einer wegweisenden Wahl befinden sich die USA in schwieriger Verfassung.



Tödliche Schüsse in Pittsburgh
Bewaffnete Sicherheitskräfte vor der Tree of Life Synagoge.   Foto: Alexandra Wimley/Pittsburgh Post-Gazette » zu den Bildern

Die Stars and Stripes auf dem Weißen Haus wehen auf Halbmast. Eine Woche vor den weichenstellenden Kongresswahlen in den USA befindet sich das wirtschaftsstärkste und politisch mächtigste Land der Welt nach zwei beispiellosen Gewaltausbrüchen in einer Schockstarre.

Das «Land of the Free», ist unter der Präsidentschaft von Donald Trump in eine schwere Krise gestürzt worden - ausgerechnet Tage bevor die US-Bürger am 6. November ihr Parlament neu ordnen und damit den politischen Weg für die nächsten Jahre vorzeichnen. Die Opposition glaubt, dass Donald Trumps Rhetorik nicht nur zur Spaltung, sondern auch zur Radikalisierung in Teilen der Gesellschaft beigetragen haben kann.

Am Samstag hatte ein 46 Jahre alter Rechtsradikaler in der «Tree-of-Life»-Synagoge in Pittsburgh elf Menschen im Alter zwischen 50 und 97 Jahren erschossen. Es handelt sich nach den Worten von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu um das folgenschwerste antisemitische Verbrechen in der Geschichte der USA. Der Mann wurde festgenommen und in 29 Punkten angeklagt. Nach Angaben von Justizminister Jeff Sessions könnte ihm die Todesstrafe drohen. Trump sprach sich unmittelbar nach der Bluttat dafür aus, die Todesstrafe wieder stärker in Betracht zu ziehen und im Falle einer Verurteilung schneller zu vollstrecken.

Der Attentäter hatte vor der Tat bereits in sozialen Netzwerken rechtsradikale und antisemitische Parolen verbreitet. Beim Eindringen in die Synagoge, wo gerade drei Gottesdienste, darunter eine Namensgebungszeremonie für einen kleinen Jungen gefeiert wurden, soll er laut Augenzeugen gerufen haben: «Alle Juden müssen sterben.»

Die USA und die Welt haben mit Bestürzung auf das Attentat reagiert. US-Präsident Donald Trump sowie die US-Strafverfolgungsbehörden stuften es als antisemitisches Hassverbrechen ein. Politiker und Kirchenführer aus vielen Ländern der Welt verurteilten die Tat scharf. «In Wirklichkeit sind wir alle durch diesen unmenschlichen Akt der Gewalt verletzt. Der Herr möge uns helfen, diese Brandherde des Hasses zu löschen, die sich in unserer Gesellschaft entwickeln», sagte Papst Franziskus am Sonntag beim Angelusgebet in Rom.

Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron, UN-Generalsekretär António Guterres und Israels Regierungschef Netanjahu verurteilten die Tat mit scharfen Worten. «Wir alle müssen uns dem Antisemitismus entschlossen entgegenstellen - überall», schrieb Regierungssprecher Steffen Seibert im Auftrag der Kanzlerin auf Twitter. Netanjahu sagte in einer Videobotschaft: «Mein Herz ist gebrochen und ich bin angewidert von der mörderischen Attacke auf eine Synagoge in Pittsburgh.»

«Das gesamte israelische Volk trauert mit den Familien der Toten», betonte Netanjahu, der zum weltweiten Kampf gegen Antisemitismus aufrief. In Pittsburgh und auch vor dem Weißen Haus in Washington kamen am Samstagabend spontan Menschen zusammen und trauerten gemeinsam um die Opfer.

US-Präsident Donald Trump betonte: «Diese bösartige antisemitische Attacke ist ein Angriff gegen die Menschheit.» Das «tödliche Gift des Antisemitismus» müsse bekämpft werden, sagte er. Der Präsident sprach sich zudem für bewaffnetes Sicherheitspersonal bei Gottesdiensten aus. «Ein Verrückter ging hinein und sie hatten keinen Schutz», sagte Trump über die Gemeindemitglieder. «Bewaffnete Posten hätten ihn sofort stoppen können.» Trump ordnete am späten Samstagabend an, die US-Flagge an allen öffentlichen Gebäuden auf halbmast zu setzen.

Das Attentat ereignete sich am jüdischen Ruhetag, dem Sabbat, wenn traditionell viele Menschen in die Synagoge gehen. Kinder wurden nach offiziellen Angaben nicht verletzt. Dennoch sagte der FBI-Agent Bob Jones: «Es ist der schlimmste Tatort, den ich in 22 Jahren Berufserfahrung gesehen habe.» Der Angreifer hatte mehrere Schusswaffen bei sich. Nach ersten Erkenntnissen besaß er sie legal.

Die «Tree-of-Life»-Synagoge in Pittsburgh gilt als ein konservatives jüdisches Gotteshaus, das jedoch offen für Neuerungen sei, wie der Präsident der jüdischen Gemeinde im Großraum Pittsburgh, Jeff Finkelstein, am Ort des Geschehens sagte. Das Viertel Squirrel Hill gilt als Zentrum jüdischen Lebens in der Region. Rund 50 000 Juden leben dort. In vielen Gegenden der USA wurden sofort die Sicherheitsvorkehrungen für jüdische Einrichtungen erhöht.

Der Jüdische Weltkongress (WJC) zeigte sich schockiert. Bei dem Vorfall handele es sich um einen «abscheulichen Terrorakt», sagte WJC-Präsident Ronald Lauder laut Mitteilung am Samstag in New York. «Das war ein Angriff nicht nur auf die jüdische Gemeinde, sondern auf ganz Amerika.»

Das Attentat von Pittsburgh kommt nur wenige Tage nachdem ein Verdächtiger gefasst worden war, der die USA mit Rohrbomben an prominente Oppositionspolitiker in Atem gehalten hatte. Entsprechende Umschläge hatte der 56 Jahre alte Mann etwa an die Adresse des früheren Präsidenten Barack Obama und an die der früheren Außenministerin Hillary Clinton gesandt. 15 Zentimeter lange PVC-Rohre waren mit «energetischem Material» befüllt. Die Ermittler stuften zumindest einen Teil der insgesamt 14 abgefangenen Sendungen als gefährlich ein.

In den USA brach eine Diskussion über den politischen Umgang mit den Vorkommnissen los. Regierungssprecherin Sarah Sanders beschwerte sich am Sonntag auf Twitter, Medien wie die «Washington Post» würden nach jeder Möglichkeit suchen, Präsident Trump zu kritisieren. Trump hatte am Vorabend eine Wahlkampfveranstaltung in Illinois trotz der Vorkommnisse von Pittsburgh nicht abgesetzt. Der Präsident hatte erklärt, man spiele Fanatikern in die Karten, wenn man es ihnen erlaube, durch Gewaltakte die Planungen zu ändern.

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dpa

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Veröffentlicht am:
28. 10. 2018
16:03 Uhr

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28. 10. 2018
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