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Flüchtlingshelfer: Angst vor neuem Lager ist berechtigt

Rechtsanwälte haben keinen Zutritt, Handys sollen den Migranten abgenommen werden, Duschen gibt es keine - das neue Zeltlager auf Lesbos steht schon jetzt in der Kritik. Die größte Sorge von Hilfsorganisationen: Dass es einfach ein zweites Moria wird.



Kara Tepe
Neu aufgebaute Zelte für die Umsiedlung von Migranten und Flüchtlingen stehen im provisorischen Zeltlager Kara Tepe wenige Kilometer nördlich der Ortschaft Mytilini.   Foto: Panagiotis Balaskas/XinHua/dpa

Die griechische Polizei hat in einer konzertierten Aktion immer mehr Migranten in das neue Zeltlager auf Lesbos gebracht.

Mittlerweile sollen sich dort nach Behördenangaben mehr als 3000 Migranten aufhalten. Damit wären nach dem Großbrand im Lager Moria letzte Woche weiterhin rund 9000 Migranten obdachlos - und längst nicht alle wollen das neue Lager beziehen. Zu viele Ängste und Gerüchte ranken sich um die in Windeseile errichtete Zeltstadt. Nun schalten sich auch Anwälte, Ärzte und Hilfsorganisationen ein und sagen: Die Zustände sind nicht gut.

«Wir haben keinerlei Informationen über das Lager und können die Menschen deshalb auch nicht so beraten, dass sie selbst eine fundierte Entscheidung treffen können», sagte die griechische Rechtsanwältin Elli Kriona, die Asylsuchende auf Lesbos vertritt, auf einer Online-Pressekonferenz. Bisher stehe nur fest, dass das Lager weit unter Standard ausgestattet sei und es keine Duschen gebe.

Die Anwälte selbst dürften nicht hinein, um die Menschen zu betreuen, sagte Kriona. Es bestehe die Sorge, dass auch das neue Lager als Internierungslager operieren solle. So sei es seit Ausbruch der Corona-Pandemie bereits im nun abgebrannten Lager Moria gewesen, als eine Ausgangssperre verhängt wurde und täglich nur 100 Menschen von rund 12 000 das Lager verlassen durften. «Die Ängste hinsichtlich des neuen Lagers sind absolut berechtigt», bilanzierte Kriona.

«Die Menschen sagen uns, sie dürfen nichts mit in das neue Lager nehmen, alles werde ihnen abgenommen», berichtete der Mainzer Arzt Gerhard Trabert der Deutschen Presse-Agentur. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen kritisierte den Großeinsatz der Polizei, der die Arbeit der Helfer blockiert habe. Auch sei unklar, ob die Migranten das Lager verlassen könnten, wenn sie einmal drin seien.

Bei der Online-Pressekonferenz des bundesweit organisierten Anwaltvereins RAV, der sich für Menschen- und Bürgerrechte einsetzt, richtete der syrische Flüchtling Raed Alabd am Donnerstag von Lesbos aus einen verzweifelten Hilferuf an die Teilnehmer. «Wir sterben hier, bitte helft unseren Kindern, helft uns. Wir haben keine Zeit mehr», appellierte er an die Runde aus Anwälten und Journalisten. Er selbst sei bereits seit neun Monaten auf Lesbos.

Die Menschen seien müde. «Wir haben unser Land, unsere Familien und unser Zuhause verloren, sonst wären wir nicht hier», sagte Alabd. «Wir brauchen keine Gaben, kein Geld, Schuhe oder Kleidung. Wir brauchen einen Grund, unserem Leben kein Ende zu setzen.» Die Menschen hätten unzählige Fragen, sie wüssten nicht, was mit ihnen in dem neuen Zeltlager geschehe, ob man dort eingesperrt werde und wie lange, ob es dort medizinische Versorgung und fließend Wasser gebe. «Wir haben alles verloren. Wir brauchen Sicherheit. Behandelt uns wie Menschen.»

© dpa-infocom, dpa:200917-99-602005/2

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Veröffentlicht am:
17. 09. 2020
15:20 Uhr

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17. 09. 2020
15:20 Uhr



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