Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: 54. Hofer Filmtage75 Jahre FrankenpostCoronavirusJubiläumsgewinnspielBlitzerwarner

Brennpunkte

Kämpfe in Berg-Karabach flammen wieder auf

Seit knapp zwei Wochen liefern sich Armenien und Aserbaidschan in Berg-Karabach schwere Kämpfe. Eine Feuerpause im blutigen Konflikt sollte ein erster Schritt zu einem Ende der Gewalt sein. Echter Frieden scheint jedoch weit entfernt.



Konflikt in Berg-Karabach
Eine Frau sitzt nach einem Beschuss der armenischen Artillerie inmitten der Trümmer ihres Hauses.   Foto: Aziz Karimov/AP/dpa » zu den Bildern

In der Krisenregion Berg-Karabach haben sich die verfeindeten Nachbarn Armenien und Aserbaidschan nach den schwersten Gefechten seit Jahrzehnten auf eine Waffenruhe geeinigt.

Allerdings war die Feuerpause, die seit Samstagmittag offiziell in Kraft ist, sehr brüchig. Beide Seiten warfen sich am Wochenende gegenseitig vor, dagegen zu verstoßen. Russland als Vermittler erinnerte die zwei ehemaligen Sowjetrepubliken an ihre Zusagen, die unbedingt eingehalten werden müssten. Die Krise im Süden des Kaukasus hat international große Sorge ausgelöst. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) telefonierte am Sonntagabend mit dem armenischen Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan.

Aserbaidschan berichtete am Sonntag von Artillerieangriffen der armenischen Seite auf eine Wohnsiedlung in Ganja, der zweitgrößten Stadt des Landes. Dabei sollen mindestens sieben Menschen getötet und mehr als 30 weitere verletzt worden sein. Unter den Opfern seien auch Kinder. Armenien dementierte. Man halte sich an die Waffenruhe, hieß es vom Militär. Hingegen habe Aserbaidschan erneut Angriffe auf Stepanakert gestartet, der Hauptstadt Berg-Karabachs. Die Angaben konnten von unabhängiger Seite nicht bestätigt werden.

Die Feuerpause kam in der Nacht zum Samstag nach mehr als zehnstündigen Verhandlungen in Moskau unter Vermittlung des russischen Außenministers Sergej Lawrow zustande. Beteiligt waren die Außenminister aus Aserbaidschan und Armenien, Jeyhun Bayramov und Sohrab Mnazakanjan. Mit der Vereinbarung sollte auch gewährleistet werden, dass Gefangene ausgetauscht und tote Soldaten in die Heimat überstellt werden können. Der Plan wurde jedoch nicht umgesetzt.

Seit Beginn der neuen Gefechte in Berg-Karabach Ende September wurden mehrere Hundert Menschen getötet. Aserbaidschan macht bislang keine Angaben zu Verlusten in den eigenen Truppen, spricht aber von etwa 30 getöteten Zivilisten. Zudem sind Tausende auf der Flucht. Das Auswärtige Amt in Berlin appellierte an beide Seiten, den Waffenstillstand einzuhalten und weitere Opfer «unbedingt zu vermeiden».

Lawrow bezeichnete die erzielte Vereinbarung als Grundlage für weitere Verhandlungen unter Führung der sogenannten Minsk-Gruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Die Gruppe wird von Russland, den USA und Frankreich angeführt. Dass Russland beide Seiten überhaupt an den Verhandlungstisch brachte, wurde auch von unabhängigen Kommentatoren gelobt.

Wann sich die Lage beruhigen könnte, ist trotzdem nicht absehbar. Die Moskauer Erklärung sei eigentlich ohne Alternative, sagte der russische Politologe Arkadi Dubnow. Sowohl das arme Armenien als auch das ölreiche Aserbaidschan verfügten nicht über genug Ressourcen, um die Gefechte länger fortzusetzen. Nur deshalb hätten sich beide auf Verhandlungen eingelassen. «Äußerst schwierig wird es aber, beide zu einem echten Friedensabkommen zu bringen», sagte Dubnow im Radiosender Echo Moskwy.

Die Wurzeln des Konflikts reichen lange zurück. Anfang der 1990er Jahre, nach dem Zerfall der Sowjetunion, sagte sich die überwiegend von Armeniern besiedelte Region in einem Krieg von Aserbaidschan los. Damals gab es 30.000 Tote und Hunderttausende Flüchtlinge. Die Führung in Baku wirft dem Nachbarland bis heute vor, völkerrechtswidrig aserbaidschanisches Gebiet besetzt zu halten. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Kämpfe. Aktuell sind sie aber so heftig wie seit 1994 nicht mehr.

Russland hat zu beiden Ex-Sowjetrepubliken Verbindungen, besonders aber zu Armenien. Dort hat Russland auch eine Militärbasis. Moskau fürchte auch, dass islamistische Terroristen in der Region stark werden könnten, sagte der Außenpolitik-Experte Dmitri Trenin. Auch die Türkei, die mit Aserbaidschan verbündet ist, könnte ihren Einfluss ausbauen. «Deshalb kann Moskau bei dem Konflikt nicht einfach wegschauen und hier einen Krieg toben lassen.»

Über die Türkei sollen auch ausländische Söldner und Kämpfer dschihadistischer Gruppen aus den Kriegsgebieten in Syrien und Libyen an den Gefechten beteiligt sein. Eindeutige Beweise gibt es dafür nicht. Das türkische Außenministerium erklärte, Verhandlungen seien keine langfristige Lösung. Armenien müsse die «besetzten Gebiete» aufgeben. Die Türkei verurteilte die Raketenangriffe auf die Stadt Ganja und warf Armenien durch «aggressive Aktionen» einen Verstoß gegen die Waffenruhe vor. Der im Süden angrenzende Iran begrüßte die Feuerpause.

© dpa-infocom, dpa:201011-99-900810/7

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
11. 10. 2020
18:53 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Auswärtiges Amt Außenminister Außenministerien Bundeskanzler der BRD Bundeskanzlerin Angela Merkel CDU Facebook Friedensverträge Gefechte Kriege Nikol Paschinjan Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa Personen aus Armenien Russische Außenminister Russisches Außenministerium Sergej Lawrow Soldaten Terroristen Twitter Türkisches Außenministerium
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Nikol Pashinian

18.11.2020

Armeniens Premier plant Wiederaufbau Karabachs

Inmitten einer schweren innenpolitischen Krise kündigt Armeniens Ministerpräsident den Wiederaufbau der Konfliktregion Berg-Karabach an - und trotzt damit Rücktrittsforderungen. Unterstützung kommt aus Moskau. Der Status... » mehr

Berg-Karabach

18.10.2020

Berg-Karabach: Neue Feuerpause nach wenigen Stunden brüchig

Erst vor einer Woche ist eine Waffenruhe für die Konfliktregion im Südkaukasus ausgehandelt worden. Es kam dennoch immer wieder zu Kämpfen. Nun gibt es einen neuen Versuch. Wird die Feuerpause halten? » mehr

Explosion in Berg-Karabach

31.10.2020

Berg-Karabach: Armenien wendet sich an Moskau

Armenien und Aserbaidschan haben einen neuen Anlauf genommen, um den Konflikt im Südkaukasus zu entschärfen. Doch die Kämpfe gehen weiter. Armenien bittet Russland um Unterstützung. Was antwortet Moskau? » mehr

Armenien ruft Kriegszustand aus

27.09.2020

«Kriegserklärung» gegen Berg-Karabach: Viele Tote

Der blutige Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan flammt wieder auf. Sogar der Kriegszustand wird erklärt. Von allen Seiten wird nun versucht, die Situation wieder zu beruhigen. Die EU, der Papst und Kremlchef Wla... » mehr

Beschädigt

03.10.2020

Konflikt in Berg-Karabach: Armenien meldet heftige Gefechte

Groß ist die Sorge, dass im Südkaukasus islamistische Terroristen kämpfen könnten. Der aserbaidschanische Präsident nimmt dazu Stellung - und macht wenig Hoffnung auf eine friedliche Lösung des Konflikts. » mehr

Stoltenberg in der Türkei

05.10.2020

Konflikt in Berg-Karabach fordert immer mehr Todesopfer

Seit mehr als einer Woche dauern die schweren Gefechte im Südkaukasus an. Ein schnelles Ende des Blutvergießens ist nicht in Sicht. Die Nato hofft nun, dass die Türkei auf Aserbaidschan einwirken kann. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Corona-Demo in Hof Hof

Corona-Demo in Hof | 21.11.2020 Hof
» 95 Bilder ansehen

Premierenfeier Theater Hof

Premierenfeier Theater Hof | 26.09.2020 Hof/Selb
» 14 Bilder ansehen

Selber Wölfe - EV Füssen 2:1 Selb

Selber Wölfe - EV Füssen 2:1 | 22.11.2020 Selb
» 42 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
11. 10. 2020
18:53 Uhr



^