Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: 75 Jahre FrankenpostCoronavirusJubiläumsgewinnspielBlitzerwarner

Brennpunkte

«Kalif» tot, Ideologie lebt - Was wird aus dem IS?

In diesem Frühjahr verloren die Extremisten ihre letzte Hochburg in Syrien. Jetzt erlebt der IS mit dem Tod von Abu Bakr al-Bagdadi den nächsten Rückschlag. Doch die Terrormiliz ist anpassungsfähig.



Trump und sein Sicherheitsstab
US-Präsident Trump (M) und sein Sicherheitsstab in Washington.   Foto: Shealah Craighead/The White House/AP/dpa » zu den Bildern

Der Oktober hätte ein guter Monat für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) werden können. Weil die Türkei im Norden Syriens mit der Kurdenmiliz YPG einen der bislang ärgsten Gegner der Extremisten angriff, witterten diese ihre Chance zu einem Wiederaufstieg.

Doch alle Fantasien der Dschihadisten, das zerstörte selbst ernannte Kalifat neu zu errichten, sind mit dem Tod von IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi unrealistischer geworden. Denn die Terrormiliz hat einen schweren Schlag erlitten und mehr verloren als nur einen hohen Anführer.

Al-Bagdadi, 1971 im Irak geboren, war der Mann, der dem IS einen Aufstieg ermöglichte, den vor einigen Jahren selbst Experten kaum erwartet hätten. Als er 2010 an die Spitze der Terrormiliz rückte, schien diese eigentlich besiegt. Stattdessen überrannten Al-Bagdadis Truppen vier Jahre später große Teile des Iraks und Syriens. Er selbst ernannte sich zum «Kalifen». Und stand damit auf einer Stufe mit dem früheren Al-Kaida-Chef Osama bin Laden.

Al-Bagdadi war für radikale Muslime die Symbolfigur im Kampf gegen «Ungläubige», «Abtrünnige» und eine westliche Welt, die sie als verkommen ansehen. Über Jahre lockte seine Ideologie weltweit Zehntausende junge Muslime in die Fänge des Extremismus.

Unter seiner Führung entstanden in Afrika und Asien neue IS-Ableger, die Al-Bagdadi die Treue schworen. Er war - zumindest nach außen hin - die unumstrittene Führungsfigur, die dieses Netzwerk zusammenhielt. Wer immer Nachfolger Al-Bagdadis werden wird - er dürfte kaum dieselbe Strahlkraft und Autorität besitzen wie der «Kalif».

Die neuesten Militäroperationen haben die Terrormiliz doppelt schwer getroffen, weil mit IS-Sprecher Abu Hassan al-Muhadschir auch eine zweite prominente Führungsfigur getötet worden sein soll. Er war die Stimme des IS, die dem Westen in wütenden Audiobotschaften mit «Seen aus Blut» drohte, in denen er nun offenbar selbst ertrank.

Und doch gilt das Gleiche wie nach der Zerstörung der letzten syrischen IS-Hochburg Baghus in diesem Frühjahr: Die Terrormiliz hat eine schwere Niederlage erlitten, doch besiegt ist sie noch lange nicht. Laut einem Bericht der US-geführten Anti-IS-Koalition vom Juni halten sich in Syrien und im Irak noch 14.000 bis 18.000 IS-Anhänger auf. In Lagern beider Länder leben Familien von IS-Kämpfern mit entwurzelten Kindern ohne Bildung und Perspektive, aus denen die Extremisten ihren Nachwuchs rekrutieren können.

Syrien und der Irak bleiben Krisenstaaten, die den Raum für einen Wiederaufstieg bieten. Schon mehrfach hat der IS bewiesen, dass er sich höchst flexibel an neue Umstände anpassen kann, um zu überleben. Schon seit längerem setzt er in Syrien und dem Irak auf Guerillataktik.

So wichtig Al-Bagdadi als Symbolfigur an der Spitze des IS für die globale dschihadistische Bewegung war, so unabhängig arbeiten die vielen Ableger der Terrormiliz IS mittlerweile. US-Offizielle gehen davon aus, dass die IS-Führung zwar die allgemeine ideologischen Richtlinien vorgab, aber in einzelne Operationen am Boden nicht eingebunden war, wie der IS-Experte Sam Heller in einer Analyse schrieb. Dafür sind die lokalen Zellen selbst verantwortlich.

Die Militärexperten des US-Kriegsforschungsinstituts ISW warnen, ein Nachfolger Al-Bagdadis werde wohl die globalen Operationen der Terrormiliz fortsetzen können.

Und auch Al-Bagdadis Ideologie lebt weiter, nicht zuletzt in Audio- und Videobotschaften, die im Netz kursieren. Mit ihm als «Märtyrer», der vermeintlich für seine Überzeugung das Leben gab, könnte sie sogar noch größere Wucht erlangen. Nicht auszuschließen, dass IS-Zellen Anschläge planen, um den Tod ihre Idols zu vergelten.

Guido Steinberg, Terror-Fachmann der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), warnt zudem, Militante aus Syrien könnten in die Türkei fliehen und von dort ohne große Probleme nach Europa gelangen, sollten die Rebellen in Syrien weitere Gebiete verlieren.

Fachleute rätseln zudem darüber, was der Ort zu bedeuten hat, an dem Al-Bagdadi getötet wurde. Einer der meist gesuchten Terroristen der Welt starb in dem Dorf Barischa im Nordwesten Syriens unweit der türkischen Grenze. Al-Bagdadi soll dort in dem Haus eines Anführers der Extremistengruppe Hurras al-Din untergekommen sein - die zum Terrornetzwerk Al-Kaida gehört, das trotz ähnlicher dschihadistischer Ideologie eigentlich mit dem IS tief verfeindet ist.

Möglicherweise sei Al-Bagdadi in dieser Region gewesen, weil es eine Annäherung der Gegner gegeben habe, mutmaßt der Terrorexperte Charles Lister auf Twitter. Häufiger war in der Vergangenheit über einen Zusammenschluss von IS und Al-Kaida oder zumindest eine Kooperation spekuliert worden. Al-Bagdadis Tod könnte ein «Wendepunkt» im Verhältnis der beiden Organisationen sein, glaubt das Militärforschungsinstitut ISW. Sein Nachfolger könnte nämlich eher geneigt sein, über ein Vereinigung nachzudenken.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
28. 10. 2019
17:13 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Al-Qaida Bin Laden CNN Demokratische Kräfte Syriens Donald Trump Dschihadisten Islamischer Staat Jens Stoltenberg Kalifen und Sultane Krisenländer Militärexperten Muslime Nato Terrorismusexperten Terroristen Terrormilizen Terrornetzwerke Twitter Überzeugung
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Angriff

07.02.2020

Schlag gegen Al-Kaida im Jemen: USA töten Anführer Al-Rimi

Über seinen Tod gab es seit Tagen Spekulationen, jetzt bestätigt der US-Präsident: Die Operation gegen den Chef des mächtigsten Ablegers des Terrornetzwerks Al-Kaida ist gelungen. Die Gruppe bleibt aber weiter gefährlich... » mehr

Abdullah Hamduk

vor 11 Stunden

USA wollen Sudan von Terror-Liste streichen

Der Sudan kann eine Altlast abschütteln: Die USA wollen das Land nicht mehr als sicheren Hafen für Terroristen einstufen. Damit kann die gebeutelte Übergangsregierung in Khartum auf neue Hilfsgelder hoffen und auch wiede... » mehr

Kontrollpunkt in Kabul

22.02.2020

Afghanistan: Siebentägige Deeskalationsphase gestartet

Eine Woche lang soll weniger Gewalt in Afghanistan herrschen, damit überhaupt in Richtung Frieden gedacht werden kann. Der Verlauf des ersten Tages nach dem offiziellen Beginn einer eingeschränkten Waffenruhe gibt Anlass... » mehr

Kunstzentrum

21.07.2020

Deutsche Kuratorin in Bagdad entführt

Abu Nawas im Zentrum von Bagdad gilt eigentlich als vergleichsweise sicher. Nun wird dort eine Deutsche entführt, die sich für die Förderung junger Künstler im Irak einsetzte. Erst vor zwei Wochen wurde in der Stadt ein ... » mehr

Donald Trump

16.09.2020

Trump bestätigt: Wollte Assad «ausschalten»

US-Präsident Donald Trump hat dem US-Sender Fox News gesagt, er habe Syriens Machthaber Baschar al-Assad im Jahr 2017 töten lassen wollen. Damals habe ihm Verteidigungsminister Mattis davon abgeraten. » mehr

Unruhen in Mali

20.08.2020

Putsch in Mali: Nachbarn beraten über Konsequenzen

Meuternde Militärs haben in Mali die Macht übernommen. Doch wie geht es weiter? Die Nachbarstaaten beraten über Konsequenzen. Auch in Berlin gibt es Klärungsbedarf. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Wie die Frankenpost entsteht

Wie die Frankenpost entsteht | 16.10.2020 Hof/Marktredwitz
» 13 Bilder ansehen

Premierenfeier Theater Hof

Premierenfeier Theater Hof | 26.09.2020 Hof/Selb
» 14 Bilder ansehen

Selber Wölfe - Herforder EV 8:1 Selb

Selber Wölfe - Herforder EV 8:1 | 18.10.2020 Selb
» 38 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
28. 10. 2019
17:13 Uhr



^